Longlist Deutscher Buchpreis 2021: Georges-Arthur Goldschmidt - „Der versperrte Weg“

In "Der versperrte Weg" schreibt der 98-jährige Autor Georges-Arthur Goldschmidt seine Autobiografie über Flucht und Migration weiter fort. Dieses mal beleuchtet er dabei vor allem die Person seines Bruders. Bild: Wallstein Verlag

Mit "Der versperrte Weg" verdichtet der 93-jährige Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt sein autobiografisches Werk, indem er erstmals über eine Figur schreibt, die bisher nur schemenhaft in seinen Büchern auftauchte: Sein vier Jahre älteren Bruder Erich. Mit ihm gemeinsam emigrierte Georges im Mai 1938. Die Lebensentwürfe der beiden Brüder - jeweils von Furcht und der Flucht gezeichnet - hätten unterschiedlicher nicht verlaufen können.

 

Es gab einen Schicksalstag im Leben der Brüder Erich und Jürgen-Arthur Goldschmidt, einen strengen, alles zerteilenden Schnitt. Es war der 18. Mai 1938, als die Eltern ihre zwei Söhne nach Italien zu einer Verwandten schickten. Georges-Arthur Goldschmidt, der später als Autor immer wieder über diesen alles überschattenden Tag schreiben wird, war damals gerade zehn Jahre alt. Auch in seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Buch "Der versperrte Weg" steht dieser Tag am Anfang der darin beschrieben Reise. Erstmals geht es um den älteren Bruder des Autors.

Auch in Italien wird es bald zu gefährlich für die Kinder jüdischer Abstammung. Sie fliehen weiter nach Frankreich, verstecken sich in einem katholischen Internat, stets die Angst im Nacken, von jene gefunden und gefasst zu werden, die Jagt auf sie machen. Diese Fluch finden sich auch in älteren Büchern Goldschmidt immer wieder beschrieben. Auch sein Bruder wird an der ein oder anderen Stelle namentlich erwähnt. In "Der versperrte Weg" tritt er nun aus der bisher nur schemenhaften Beschreibung heraus.

Zwischen zwei Wegen

Wir erfahren, dass sich Erich, der vier Jahre ältere Bruder, mit achtzehn Jahren der Résistance anschießt. Er hat Mut und Glück und überlebt. Später zieht er in die Fremdenlegion ein, wird sogar Offizier und ist später beim Putschversuch gegen de Gaulle beteiligt. Erich war ein Getriebener, jedoch weniger von sich selbst als von den Ereignissen getrieben, die von Außen auf ihn einschlugen. Goldschmidt notiert in seinen Erinnerungen: "Er wurde sein Leben lang von den Ereignissen fortgetragen, in fast absichtlicher Passivität" und: "Er lebte an sich selber vorbei und verdrängte jede in ihm auftauchende Idee."

Immer wieder spürt man den Aufzeichnungen an, dass es im Grunde eine Art Heimatlosigkeit ist, die da an Erich zerrt. Als Deutscher aus Deutschland vertrieben, aufgrund einer unverständlichen Selektion. Er selbst wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht von seiner jüdischen Abstammung - jetzt kommt mit aller Wucht in seine Welt, als alles Beständige zerreißendes Urteil. "Alles Deutsche war Lebensinhalt für ihn" heißt es an einer Stelle im Buch. Sein Lebensinhalt, er verschwand nicht nur, sondern wurde zum Inbegriff des Feindes. Vielleicht, so kann man ahnen, hatte Erich zu Leben aufgehört, als er Deutschland verließ. Die Résistance, die Fremdenlegion - diese Entscheidungen wirken er wie Entschlüsse, die Leere zu füllen, mit was auch immer.

"Der versperrte Weg", der Titel dieses Romans, impliziert zunächst noch, dass ein Umkehren möglich wäre. Eine Fehleinschätzung, wie man nach der Lektüre weiß. Erich war auch in Frankreich weiterhin Deutscher, ein Deutscher jedoch, der voll und ganz an Frankreich, an das Land seiner Zuflucht, glaubte. Eingekeilt zwischen zwei Identitäten, zischen Herkunft und Zuflucht, konnte er sich weder in die eine, noch in die andere Richtung bewegen, ohne die jeweils andere zu verleugnen. Und so schien alles im Stillstand, in Indifferenz und Schweigen zu enden.


Georges-Arthur Goldschmidt: "Der versperrte Weg. Roman des Bruders"; Wallstein Verlag, 2021, 112 Seiten, 20 Euro




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