Longlist Deutscher Buchpreis 2021: Dilek Güngör - „Vater und ich“

In ihrem für den Deutschen Buchpreis 2021 nominierten Roman "Vater und ich" schreibt Dilek Güngör über das Fehlen einer adäquaten Sprache in einer Vater-Tochter-Beziehung. Bild: Verbrecher Verlag

In ihrem Roman "Vater und ich" schreibt Dilek Güngör über das Fehlen einer gemeinsamen Sprache; über eine radikale Trennung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Ein Text, der zuweilen an die großen autobiografischen Werke der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux erinnert, denn auch hier spricht eine Tochter über den schmerzlichen Verlust ihres Vaters, über Scham und Herkunft, Macht und Ohnmacht der Sprache. Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

 

Ipek - so der Name der Protagonistin dieses Romans - verbringt ein Wochenende gemeinsam mit ihrem Vater. Doch dort, wo ein freudiges Wiedersehen, eine familiäre Wärme zu vermuten wäre, herrscht stattdessen eine scheinbar unüberbrückbare Distanz. Grund dafür, ist das Fehlen einer gemeinsamen Sprache; ein essenzieller Riss, der es unmöglich macht, Rührung, Freude, Wut und Entrüstung zu teilen. Güngör schreibt von einer "Wortlosigkeit", die so tyrannisch zwischen den beiden herrscht, "dass mir eng wird in der Brust."

Natürlich hat diese Sprachohnmacht ihre Gründe. Ipeks Eltern sind aus der Armut ihrer Heimat, der Türkei, nach Deutschland geflohen, wo sie in Fabriken angefangen haben. Die Mutter als Näherin, der Vater als Polsterer, ständig mit der Hoffnung, eines Tages in die Heimat zurückkehren zu können. Die Tochter lernt Deutschland als ihr Heimatland kennen, eine Heimat, die sie ständig ausstößt und abweist.

Coming-of-Age und der Zerfall

Trotz allem gelingt Ipek der Bildungsaufstieg. Sie geht aufs Gymnasium, später an die Universität. Exakt hier manifestiert sich bereits der Abgrund, der sie später von ihrem Vater trennen wird. Sie spricht ausschließlich deutsch, schämt sich ihrer Herkunft; später dann, schämt sie sich ihrer Scham. Die Bemerkungen und Beleihungen, denen sie tagtäglich auf dem Schulhof ausgesetzt ist, versucht sie zu ignorieren.

Ja, "Vater und ich" ist auch eine Coming-of-Age Geschichte, allerdings eine, die im gesellschaftlichen Aufstieg den familiären Zerfall verortet; die zeigt, dass Errungenschaften mit Verlusten einhergehen und den Zwiespalt, die Aporie in den Mittelpunkt stellt. Ipek dringt immer tiefer in das neue Milieu, in die neue Sprache ein, und vergrößert damit sukzessive die Kluft zwischen sich und ihrem Vater.

Wiedertreffen am Wochenende

Als erfolgreiche Journalistin besucht Ipek später den Vater für ein Wochenende. Die Mutter ist weggefahren, die beiden mit ihrer Sprachlosigkeit allein, mit einem unerträglichen Schweigen, welches so viel mehr ausdrückt als man Worten hätte sagen können. Die Journalistin ist sprachlos; die existenziellen und essenziellen Momente sind niemals Teil der Vorlesungen gewesen, die Universität erscheint in diesem Augenblick wie ein kalter, steriler Ort, der nichts von familiärer Wärme weiß. Eigentlich genügt es nicht, zu Reflektieren. Und doch versucht Ipek immer wieder, der Situation beizukommen: "Und bald darauf wirst du sterben, und ich werde nicht verstehen, was mir so schwer gefallen ist mit dir." Oder: "Ich werde mir nicht vergeben, dass ich die Scham, die Schüchternheit, den Zweifel hab gewinnen lassen und die Fremdheit nicht überwinden konnte."

Im Mittelpunkt des Romans "Vater und ich" steht also die generationelle Diskrepanz, die letzt Wärme, die nach wie vor - irgendwo lodernd - zwischen Vater und Tochter herrscht, kann sprachlich nicht länger aufgefangen, nicht weitergetragen und schon gar nicht angeheizt werden. Sprachlos sieht man beim Verglühen zu; ein Szenario, welches der Klassenwechsel ebenso schmerzhaft wie notwendig mit sich bringt.


Dilek Güngör: "Vater und ich"; Verbrecher Verlag, 2021, 104 Seiten, 19 Euro



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