Longlist Deutscher Buchpreis 2021: Sasha Marianna Salzmann - „Im Menschen muss alles herrlich sein“

In ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" erzählt Sasha Marianna Salzmann von Umbruchzeiten, die solch tiefe Wunden hinterlassen, dass sie sich generationsüberreifen bemerkbar machen. Bild: Suhrkamp Verlag

Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" von Mitgefühl, Schmerz, Verletzlichkeit und Verzweiflung. Ausgangspunkt ist eine Migrationsbiografie, die in unterschiedlichen Perspektiven und Lebensentwürfen ihren Widerhall findet. "Im Menschen muss alles herrlich sein" ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

 

Die Geschichte, die Sasha Marianna Salzmanns in ihrem Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" erzählt, ist die Geschichte einer zerrissenen Biografie. Vier Frauen und zwei Generationen begegnen uns in diesem Buch, Facetten, die im Laufe der Erzählung ineinander gefügt werden. Zunächst ist da Lena, die Mitte der neunziger Jahre die Ukraine verließ, nach Jena kam und dort ein neues Leben begann. Das anfängliche Bröckeln und der spätere Zusammenbruch der alten Heimat, die Erfahrung von Korruption und Stagnation, schließlich die Emigration während der 90er Jahre formte ein Schicksal, welches sie mit ihrer Freundin Tatjana verbindet, von der wir in der zweiten Hälfte des Buches mehr erfahren.

Ebenfalls Teil der zweiten Romanhälfte sind die Perspektiven der Töchter der Freundinnen, Nina und Edi. Wo sich die Beziehung ihrer Mütter auf Zerfall und Abbruch gründet, gründet sich die Beziehung der Töchter im Lichte der bundesdeutschen Wiedervereinigung.

Lenas Geschichte

Der Roman beginnt in einem Ort namens Gorlowka; eine nicht allzu große Stadt, die in jenem Teil der Ukraine liegt, der heute von den Separatisten besetzt ist. Lena, von deren Jugendjahren hier erzählt wird, spürt zunächst nichts von den politischen Reibungen. Und doch stutzt sie, als ihre Mutter erklärt, es sei nicht mehr nötig, die ukrainische Sprache zu erlernen. Eine erste Andeutung, die in den Schilderungen der Korruption mündet. Im Krankenhaus wird bald schon nur noch behandelt, wer Geldgeschenke überreicht. Kinder werden als Kuriere eingesetzt. Auch Lena, deren Mutter gute Verbindungen hat, muss mit Geld bestechen, um als eine der wenigen besser gestellten durch den Alltag zu kommen. Dieses mulmige Gefühl im Magen, diese Scham, welche sie in Anbetracht der vielen Geldscheine überkommt, wird ihr ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Da hilft ihr das Medizinstudium nur wenig; gerade in Anbetracht der Tatsache, das dieses allein durch die Verbindungen ihrer Mutter ermöglicht wurde.

Lena ist bereits junge Ärztin, als der Chefarzt die Titelgebendem Worte an sie richtet: "Im Menschen muss alles herrlich sein - das Gesicht, die Kleidung, die Seele und das was er denkt". Sie selbst wird mittlerweile von Patienten mit Geschenken überhäuft. Ein "herrliches" Leben; das führt in den 1980er Jahren niemand dort, wo Lena lebt. Der Antisemitismus blüht auf, Rassismus und Ressentiments gegenüber ehemaligen Sowjetrepublikanern greifen um sich.

Lena wird schwanger. Der Vater will nichts von dem Kind wissen. Unter Schmerzen trennt sie sich, und lässt nur kurze Zeit später auf einen Mann ein, den sie einmal während einer Party kennengelernt hatte. Es dauert nur wenige Wochen, dann ist die Heiratsurkunde unterschrieben. Und da Daniel, so der Name des Mannes, aus einer jüdischen Familie stammt, ist es ihm möglich, als Kontinentalflüchtling nach Deutschland auswandern. Tatsächlich ergreift Lena die Möglichkeit: Ihre Tochter Edi wird im ostdeutschen Jena aufwachsen.

Perspektivwechsel und Migrationsgeschichte

Lenas chronologisch erzählte Geschichte nimmt etwa die erste Hälfte des Buches ein, und bildet somit den soliden Grund für das, was man sehr gut als die Fragmentierung einer Biografie bezeichnet könnte. Plötzlich springen wir in die Gegenwart. Die Erzählperspektive wechselt, andere Stimmen tauchen auf, Stimmen, die allesamt in enger Verbindung mit Lenas Biografie stehen. Die Stimme ihrer Freundin Tatjana beispielsweise, die in der Ukraine als Verkäuferin gearbeitet hatte, bevor sie hochschwanger nach Deutschland emigrierte, wo sie, kaum angekommen, von ihrem Mann verlassen wurde. Lena half der Hochschwangeren in dieser schwierigen Zeit; ihre Selbstlosigkeit leitete eine enge Freundschaft ein.

Die Vergangenheit lastet schwer auf den Frauen. Dies wird im Roman vor allem über den Umweg der Töchter Nina und Edi gezeigt, die im Schatten der Eltern-Traumata aufgewachsen sind. Auf Lenas 50. Geburtstag kommen nun alle zusammen, Edi, die sich von ihrer Mutter nicht vorschreiben lassen will, wen sie Lieben darf; Nina, die, wie sie selbst sagt, mit dem "Konzept Vater" nicht viel anfangen kann; Daniel, der wohl mittlerweile eine rechtsradikale Partei wählt, Tatjana und schließlich Lena.

Sasha Marianna Salzmann hat einen Familienroman geschrieben, der nicht von einem Ganzen, sondern von der Zersplitterung ausgeht. Sie erzählt von Migrationsbiografien, von Identitätssuche, von Liebe und Verzweiflung vor dem Hintergrund eines grundlegenden Generationenkonfliktes.


Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein"; Suhrkamp, 2021, 384 Seiten, 24 Euro






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