Der Schriftsteller Matthias Politycki kritisiert die in Deutschland herrschende Debattenkultur scharf und sieht die Freiheit der Sprache bedroht. Jetzt hat er beschlossen, Hamburg zu verlassen und nach Wien zu ziehen. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt machte er seinem Ärger noch einmal Luft.
Matthias Polityckis "Weiberroman" schaffte es innerhalb kürzester Zeit nach seinem Erscheinen im Sommer 1997 an die Spitze der SWR-Bestenliste. Man lobte und diskutierte die darin porträtierte Generation, die sich erstmalig klar von den 68ern absetzte. Schließlich wurde das Buch zum Bestseller. Als "Ganz großes Gesellschaftskino" beschrieb die Berliner Morgenpost einige Jahre später den Roman "In 180 Tagen um Die Welt", in welchem ein kleiner Finanzbeamter auf Weltreise geschickt wird und die skurrilsten Dinge erlebt. Der zuletzt erschienene Politycki-Roman trägt den Titel "Das kann uns keiner nehmen" - und auch hier beschäftigt sich der Autor mit einem zentralen gesellschaftspolitischen Thema, nämlich mit der Frage danach, unter welchen Bedingungen wir wie miteinander auskommen können/müssen.
Politycki verlässt Deutschland
Ja; wie miteinander auskommen? Wie miteinander sprechen, umgehen; wie kennenlernen? Wie sich wieder fremd werden? Um dies auszudiskutieren bedarf es einer gemeinsamen Sprache. Einer Sprache, die auch Fehltritte erlaubt, im Verfehlen selbst Produktivität und Anreize sieht. Eine Sprache, die das Ausdiskutieren gestatten und das Ausschließen verbietet; und die nicht der Illusion nachhängt, es gäbe einen permanenten Zustand allseitiger Zufriedenheit. Eine solche Sprache müsste an allererster Stelle die Freiheit setzen, klar benennen zu können, was unter gewissen Umständen gedacht wird. Ebendiese Freiheit aber, sieht der Schriftsteller Matthias Politycki angesichts linker Identitätspolitik und Gender-Forderungen in Deutschland immer stärker bedroht. Jetzt hat er sich entschieden, seine bisherige Heimatstadt Hamburg zu verlassen und nach Wien zu ziehen.
„Wir alle haben jede Menge zu verlieren, auch in der Literatur geht es bereits ans Eingemachte“, sagte der 66-Jährige in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt. „Es geht an das, was wir künftig in welcher Wortwahl und Grammatik noch schreiben dürfen und wer es aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Herkunft, seiner sexuellen Orientierung nicht mehr darf“, so Politycki weiter. „Ich sehe die Freiheit der Fantasie, die Freiheit des Gedankens und der Sprache tatsächlich bedroht.“
"schwer erträglich"
Sowohl die "Kunst des Zuhörers" als auch die des "wilden Denkens" hätten wir wieder neu zu erlernen, meint der Erfolgsautor. Insbesondere wenn es darum geht wild zu denken, sollten wir uns"nicht an Haltungsvorgaben von Links und schon gar nicht von Rechts klammern." Bereits in dem Essay "Mein Abschied von Deutschland", welches Mitte Juli in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienen ist, hatte Politycki seine Ansichten ausführlich dargelegt. "Die Sprache ist mein Handwerkszeug, aber was ihr gerade widerfährt, ist für mich schwer erträglich" hieß es da gleich zu Beginn.
Gänzlich will er den Kontakt nach Hamburg allerdings nicht abbrechen. Dem „Hamburger Abendblatt“ sagte er: „Ich werde ab und an von Wien hierherkommen und hoffentlich ein bisschen von der Entspanntheit mitbringen, die man im Wiener Alltag kultiviert.“ Ob Österreich hinsichtlich der von Politycki angesprochenen Themen tatsächlich eklatant von Deutschland unterscheidet, bleibt fraglich.
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