Kinderbuch-Klassiker von Christine Nöstlinge: Thema Mobbing Die feuerrote Friederike

Unser Klassik-Tipp aus Österreich: "Die feuerrote Friederike" von Christine Nöstlinger. Unser Klassik-Tipp aus Österreich: "Die feuerrote Friederike" von Christine Nöstlinger. Die kleine Friederike ist das einzige Kind mit roten Haaren im Ort. Die anderen Kinder reagieren mit Mobbing. auf das Mädchen. Foto: Claudia. Diana Gerlach

Das kleine Mädchen Friederike hat Haare, die tomatenrot, karottenrot oder auch weinrot schimmern. Friederike ist das einzige Kind in der Stadt, das so aussieht und sie wird von den anderen Kindern geärgert und gehänselt, sobald sie das Haus verlässt. Das erste Buch der renommierten österreichischen Schriftstellerin Christine Nöstlinger „Die feuerrote Friederike“ ist ein Klassik-Tipp in unserer Sommer-Reihe „Kinderbücher aus Österreich und Südtirol“.

 

Friederike ist ein freundliches, gemütliches und etwas molliges Kind, das mit seiner rundlichen Anna-Tante und einer phlegmatischen Hauskatze namens Kater in einer Dachgeschosswohnung lebt. Das Mädchen erledigt die täglichen Einkäufe für die kleine Familiengemeinschaft und erträgt mit stoischer Ruhe das Gemobbe der Kinder im Ort. Die Annatante steht dem Kind nicht bei, da sie die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlässt.

Beim Schulanfang beginnt der Terror

Doch der Beginn der Schulzeit sorgt für dramatische Veränderungen. Die Klassenkamerad*innen haben das rothaarige Mädchen vom ersten Unterrichtstag an auf dem Kieker, sie verspotten und schikanieren es. Die Lehrerin verteilt nach allen Seiten Strafarbeiten, was die Kinder aber auch nicht gerade friedlicher stimmt. In einer Zeit, in der Mobbing noch nicht Thema im öffentlichen Bewusstsein gewesen ist, fragt die verzweifelte Lehrerin schließlich den Direktor um Rat. Der schlägt vor, das Problem einfach zu ignorieren, damit es von selbst verschwindet.

Das ist leider der völlig falsche Ratschlag, die Situation verschlechtert sich für das hilflose Mädchen. Da hat die betagte Hauskatze - die sehr gut reden kann, wenn sie nur will - schon einen besseren Tipp: „Wehr Dich! Nutze die Macht Deiner Haare!“ Und der verärgerte Hauskater fordert die Tante auf, ihre Nichte endlich in das Geheimnis ihrer roten Haarpracht einzuweihen, die die Annatante früher auch ihr eigen nennen konnte - bevor sie weißhaarig wurde. Denn die feuerroten Haare können nach dem Aufsagen eines Zauberspruches im wahrsten Sinne des Wortes wirklich brandgefährlich werden!

Geheimwaffe rote Haare!

Friederike ist sehr erstaunt, doch viel zu lieb, um sich zu wehren und den anderen Kindern ein Leid zuzufügen. Doch die Mobbing-Situation eskaliert: Friederike wird von ihren gewissenlosen Peinigern aufgelauert und in ihre eigene Einkaufstasche gestopft. Die Kinder schleppen sie zum Fluss und drohen, sie in die Fluten zu werfen. Da bekommt das kleine Mädchen es mit der Angst zu tun, denn es kann überhaupt nicht schwimmen. Leise murmelt es den machtvollen Zauberspruch vor sich hin und kann dann miterleben, wie die Kinder aufschreiend die Tasche fallenlassen und mit schmerzverzerrten Gesichtern davonrennen – die Hände voller Brandblasen.

Die Situation eskaliert

Die Verteidigungsstrategie hat jedoch nicht den gewünschten langfristigen Effekt, denn anstatt dass die anderen Friederike nun in Frieden lassen, wird sie heimlich zur gefährlichen Bösen deklariert, vor der alle sich schützen müssen. Die Kinder bewaffnen sich mit Steinen, Schleudern und ähnlichen Geschossen und warten auf eine günstige Gelegenheit...

Doch zum Glück für Friederike ist der freundliche Briefträger Bruno zur Stelle, als es wirklich brenzlig wird. Kurz darauf entdeckt das Mädchen einen vergilbten Brief ihres Vaters. Leider kann niemand die Geheimschrift in diesem Brief enträtseln. Doch der Briefträger hat dazu eine gute Idee, während Friederike noch eine andere unglaubliche Fähigkeiten entdeckt: So kristallisiert sich schließlich eine Lösung für ihre vertrackte Lebenssituation heraus. Doch die erfordert sehr viel Mut und einen starken Willen!

Als Mobbing noch kein Thema war...

Christine Nöstlinger hat mit ihrem Erstlingswerk ein mit leichter Feder geschriebenes Kinderbuch erschaffen, das seiner Zeit weit voraus war. Denn 1970 war Mobbing und der Umgang damit noch kein gesellschaftlich aufgegriffenes Thema. Im Buch wird der hilflose Umgang der Erwachsenen mit dieser Problematik bildgewaltig und ohne wertende Worte dargestellt.

Als eingesetzte, kurzfristig wirkungsvolle erzieherische Maßnahmen gegen das geballte Gehänsel und die sich steigernde Gewaltbereitschaft der anderen Kinder werden Ohrfeigen und „Dresche“ genannt – Sanktionen, die aus heutiger Sicht unpassend und hilflos wirken und glücklicherweise längst verboten sind, aber den damaligen Zeitgeist spiegeln. Christine Nöstlinger hat in ihrem autobiografischen Erinnerungen davon geschrieben, dass sie wilder gewesen sei als andere Kinder, da sie und ihre Schwester als einzige Kinder nie „Watschen“ und andere Strafen bekommen hätten.

Kleine Heldin mit starkem Charakter

Einfühlsam wird in dem Kinderbuch-Klassiker die Charakterentwicklung der kleinen Hauptdarstellerin dargestellt, die sich einer schwierigen Situation stellt, Lösungen sucht, sich Hilfe holt und schließlich ihre eigenen Stärken nutzt, um für sich und ihre Freunde eine optimale Zukunft zu gestalten. Ein Buch, das von der ersten Zeile an Solidarität mit Kindern schafft, die von der Gesellschaft als „anders“ empfunden und daher zu Außenseitern abgestempelt werden.

Fazit: Ein ganz besonderer Kinderbuchklassiker: zeitlos, hochaktuell, einfühlsam und auf ewig eindringlich spannend! Bereits für mehrere Generationen ein Buch, mit dem das Selberlesen begann.

Die Autorin

Die 1936 geborene Christine Nöstlinger lebte bis zu ihrem Tode im Jahre 2018 in ihrer Heimatstadt Wien. Sie gilt als eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Österreichs. Ihr schriftstellerisches Werk, das aus 140 Büchern besteht, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Dazu zählen der Deutsche Jugendliteraturpreis, der Österreichische Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, der Hans-Christian-Andersen-Preis sowie der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis (zeitliche Reihenfolge).

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft (2009), empfohlen für Kinder ab 7 Jahren, 104 Seiten, 6,95 Euro (Taschenbuch)

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