Perserbriefe 1971-1981 (2. Teil)

Vorlesen

Es handelt sich hier um Briefe, die eine Studentin aus Isfahan, Roxana, an ihre Schwester Fatima, ihre Familie, ihre beiden Brüder, Abu und Ali, sowie ihre Freunde in Deutschland schrieb und um die Antworten, die sie erhielt. Sie bekam vom DAAD ein Stipendium, um ihr Romanistik- und Germanistik-Studium in Bonn Anfang der 70er Jahren fortzusetzen und eine Doktorarbeit über Montesquieu und die orientalischen Frauen zu schreiben. Geschildert wird ihr Lebenslauf an der Alma Mater in Bonn, ihre Reisen durch Deutschland und nach Paris, wo ihre jüngere Bruder Ali Medizin studiert. Es ist das erste Mal, dass sie ihr Land verlässt und den Okzident besucht, ihre Eindrücke schildernd.


Roxana an ihren Verlobten Omar in Teheran



Zeitgeschehen

Ein Westberliner Schwurgericht verkündet am 21. Mai 1971 die Urteile im ersten Prozess gegen die Befreier des Kaufhausbrandstifters Andreas BAADER. Die Medizinstudentin Ingrid SCHUBERT erhält sechs Jahre Haft und die Schülerin Irene GÖRGENS wird zu vier Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die internationale Währungskrise spitzt sich im Laufe des Monats Mai zu. Der Wechselkurs der DM gegenüber dem US-Dollar wird freigegeben. So lassen die USA ganz geschickt ihren Imperialismus, und insbesondere den Vietnamkrieg, durch ihre Verbündete finanzieren.


Mein lieber Omar,

Am Flughafen in Köln Bonn empfing mich Dein Schulfreund und Militärattaché unserer Botschaft, Fariborz. Er lässt Dich vielmals grüßen und verspricht Dir, auf mich aufzupassen und wie ein Bruder zu sorgen.

Wir fuhren mit seinem großen schwarzen Mercedes zunächst zu unserer Botschaft in Bad Godesberg, einem hübschen kleinen Städtchen. Die schmucken zumeist weiß getünchten Villen sind von viel Grün umgeben. Die spiegelnden Fenster sind erstaunlich groß und mit halb durchscheinenden Gardinen versehen. In der Botschaftsresidenz empfing mich unser Bonner Botschafter höchst persönlich zu einem kurzen Gespräch. Fariborz sagte mir, dass ich als Stipendiatin ein Zimmer im Studentinnenwohnheim in Bonn gleich hinter dem Hofgarten, hätte. Es sei für mich reserviert worden. Er brachte mich mit meinem Gepäck am späten Nachmittag dorthin. Er wollte mich noch zum Abendessen einladen, doch ich war zu müde und sagte ab. Meine Zimmernachbarin, die Romanistik studiert, lernte ich auch gleich kennen, sie heißt Renate und schien mir sehr sympathisch. Sie ist groß und blond, hochgeschossen, mit hellblauen Augen und rotblonden Haaren und machte mich gleich mit meiner neuen Umgebung und dem Heim bekannt. Ich habe ein zwar recht kleines, schlauchartiges, aber freundliches Zimmer. Der Schreibtisch steht direkt unter dem Fenster. Davor befindet ein großer Kastanienbaum in voller Blüte. Ein herrlicher Anblick. Das satte, glänzende und dunkle Grün scheint hier in Bonn die vorherrschende Farbe zu sein. Es wirkt ungemein beruhigend.

Heute Morgen, es war diesig aber nicht kalt, machte ich einen kleinen Spaziergang, um die nähere Umgebung zu erkunden. Das Wohnheim befindet sich ganz in der Nähe des Hauptgebäudes der Universität. Die Universität ist in einem imposanten Schloss untergebracht. Auch der Rhein ist nicht weit. Die Bäume strahlen in einem prachtvollen grün und die Kastanien blühen prächtig weiß rosa. Bonn scheint mir eine hübsche kleine verschlafene Stadt zu sein. Überall war es ruhig und merkwürdig menschenleer: Dabei ist der Sonntag doch christlicher Feiertag!

Gleich neben dem Hofgarten steht ein Gebetshaus mit spitzen Glockentürmen. Nur ein paar alte Leute begaben sich dort hinein und ich folgte ihnen aus Neugier. Es war das erste Mal, dass ich eine christliche Kirche betrat. Der Innenraum ist im Gegensatz zu unsere Moscheen nicht frei und mit Teppichen belegt, sondern mit vielen Stuhlreihen und Bänken versehen. Die Geistlichen tragen prachtvolle Gewänder, schwenken Weihrauch, singen und beten den Leuten vor. Ich verstand kaum ein Wort von dem was sie sagten. Die Leute setzten und erhoben sich abwechselnd, auf ein Klingelzeichen hin. Mir schenkten sie keinerlei Beachtung. Das ganze wirkte auf mich steif, gekünstelt und irgendwie beklemmend. Das allgegenwärtige Kreuz mit dem festgenagelten Christus verstärkte noch mein Unbehagen. So verließ schnell wieder diese für mich beklemmende Örtlichkeit. Das Christentum scheint mir, rein äußerlich, vom ersten Eindruck her, eine eigentümliche Religion zu sein, auf einen Leichnam fixiert, voller Pomp und Kälte, Teilnahmslosigkeit und Förmlichkeit. Diese halb nackte, dürre und bärtige Jesusfigur kam mir unheimlich vor. Auf mich wirkt diese Kreuzreligion wie ein Totenkult.

Mittags begleitete ich dann Renate ins Studentenrestaurant, es liegt auch ganz in der Nähe des Wohnheims. Es gab Sauerbraten, so eine Art Rindfleisch in einer süßlichen Soße in der ein paar Rosinen schwammen, mit Kartoffelklößen als Beilage. Mir schmeckte es recht gut, obwohl die Deutschen sehr sparsam mit Gewürzen umzugehen scheinen. Der Nachtisch bestand aus einer süßlichen Quarkspeise.

Lieber Omar, von uns beiden mag ich heute noch nicht reden. Ich fühle zwar deutlich, dass ich Dir eine Erklärung schuldig bin, und dass Du mit meinem Studium in Deutschland nicht so ganz einverstanden bist, obwohl Du mich großzügig gehen ließest. Doch gabst du mir, wie mir schien, Deine Zustimmung nur zögerlich, ja widerwillig und schmollend. Du musst versuchen mich zu verstehen, ich brauche einfach noch etwas Zeit, bevor ich Deine Frau werden kann. Ich hätte Dich jetzt noch nicht heiraten können. Einiges muss ich mir noch durch den Kopf gehen lassen. Hätte ich sofort der Hochzeit zugestimmt, wäre es für uns beide bestimmt eine große Enttäuschung geworden. Mehr noch für Dich als für mich. Ich bin einfach noch nicht reif genug und wäre frustriert gewesen, mein Leben lang, wenn ich Dir jetzt schon nachgegeben hätte. Versuche bitte meinen Standpunkt zu verstehen. Gebe mir ein, zwei Jahre Zeit. Länger werde ich es hier sowieso nicht aushalten. Schon jetzt sehne ich mich nach Isfahan, nach seiner Sonne, den Gerüchen des Basar und Düften unserer Gärten und Brunnen, nach meinen Freundinnen und meinen Freunden, von denen Du mir natürlich der werteste bist, zurück.

Viele Grüße aus Bonn

Deine Roxana.



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