Zwischen abtropfendem Grillimbissfett und Autobahnraststätten: der Erzählband „Das Teemännchen“ von Heinz Strunk versammelt Einblicke in die Nicht-Orte unserer Gesellschaft.
Sperma, Fett, Spielautomat
Nach seinem Bestseller-Roman "Der goldene Handschuh", den den Hamburger Serienmörder Fritz Honka porträtierte und u.a. mit dem renommierten Wilhelm-Raabe-Preis geehrt wurde, wühlt Heinz Struck ein weiteres mal in den offenen, doch wohl versteckten Wunden der Gesellschaft. Es suppt hier ein klein wenig, eitert, tropft, ist bisweilen unschön mit anzusehen. Aber eben diese abjekten, obzönen Kulissen fügen sich wunderbar in die Strunk'schen Traumwelten ein. Von komisch bis düster, realistisch bis albtraumhaft ist hier alles dabei. Die Übergänge sind natürlich fließend, und wer es sich nicht gerade zur Aufgabe gemacht hat abgründige Milieus und deren Protagonisten genauer unter die Lupe zu nehmen, wird kaum erkennen können, an welcher Stelle der bogen überspannt wird.
Da ist beispielsweise die potenzielle Schönheitskönigin Anja, die planmäßig natürlich nur vorübergehend im "Borstelgrilleck" arbeiten wollte, dann allerdings den Absprung nicht schaffte, und zu guter Letzt in den Keller der Grillbude verfrachtet wird, um dort die Frikadellen vorzubraten. Wie Anja glauben viele der im Erzählband anzutreffenden Antihelden anfangs noch an den rechtzeitigen "Absprung", bis ihnen das Leben einen Strich durch die Rechnung machte.
Hier tummeln sich Trinker, Nostalgiker, Loser - gescheiterte Existenzen, dicht aneinander gedrängt, die XXL - Currywurst umklammernd und/oder den Spielautomat bedienend. Strunk gelingt es ein weiteres mal in kurzen, rasch umrissenen Beschreibungen, Momentaufnahmen psychischer Instabilität einzufangen die weit über das Entfachen von bloßem Ekel hinausgehen. Seine präzisen und im Grunde erschütternden Beschreibungen - die durch das Einbinden von milieuüblichen Redewendungen und Jargons umso lebendiger werden - sind nicht weniger als ein Aushängeschild der von Wut, Ressentiment und Desillusionen durchzogenen Mehrheit, die schweigend und scheinbar nutzlos (geworden) im Abseits dahinlebt. Erübrigt sich zu sagen, dass diese überaus unterhaltsamen Geschichten auch aus politischer Perspektive gelesen werden können.
Heinz Strunk: Das Teemännchen, Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro (gebunden)
Topnews
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Heinz Strunk´s neuer Erzählband "Der gelbe Elefant"
Ein Sommer in Niendorf
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht – Die Mutter, die Gesellschaft und die Schatten der Herkunft
Das gute Übel. Samanta Schweblins Erzählband als Zustand der Schwebe
Der stille Freund von Ferdinand von Schirach
„Iowa“ von Stefanie Sargnagel: Ein schriller Roadtrip durch das Herz Amerikas
Heinz Strunk lässt sich über die deutsche Comedy-Landschaft aus
Deutscher Buchpreis 2021: Yulia Marfutova - "Der Himmel vor hundert Jahren"
Schweinehund, Zimtzicke und Co
Am Lebensweg entlang geschrieben
Bernhard Schlink steigt mit "Abschiedsfarben" auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste ein
Winston Churchill ist zurück: Der Detektivkater jagt das Phantom
Bobo: Und täglich grüßt der Siebenschläfer!
Clarice Lispector auf Platz 1 der SWR-Bestenliste
Destillierter Horror
Aktuelles
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht – Die Mutter, die Gesellschaft und die Schatten der Herkunft
Zwischen Hölderlin, Nietzsche und Wagner: Ein Abend über Sehnsucht, Selbstinszenierung und die Kunst der Distanz
Beim Häuten der Zwiebel – Günter Grass
Sommerfeldt Solo – Der Auftrag von Klaus-Peter Wolf: Wenn der Täter die Hauptfigur wird
The Deal – Reine Verhandlungssache von Elle Kennedy: Warum diese College-Romance weit mehr ist als nur ein TikTok-Hype
Alte Sorten von Ewald Arenz: Ein stiller Roman über Freiheit, Verletzlichkeit und die Menschen am Rand
Fünf Sommer mit dir von Carley Fortune: Ein Roman über erste Liebe, verlorene Zeit und die Menschen, die uns nie ganz verlassen
Alle Farben meines Lebens von Cecelia Ahern: Ein Roman über Emotionen, Einsamkeit und die Frage, wie sichtbar wir wirklich sind
Die Rättin – Günter Grass
Media Control ehrt Fitzek, Zeh und Campino in Baden-Baden
Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht von Alexandra Potter: Warum dieser Roman viel klüger ist, als sein Titel vermuten lässt
Der gutleut verlag wird als „gutleut&gans“ weitergeführt
Guardian-Liste: Die 100 besten Romane aller Zeiten
Das Glück hat acht Arme von Shelby Van Pelt: Warum dieser Roman über einen Oktopus so viele Menschen berührt
Im Krebsgang – Günter Grass
Rezensionen
Der Butt – Günter Grass
Hundejahre – Günter Grass
Katz und Maus – Günter Grass
Die Blechtrommel – Günter Grass
Der Bademeister ohne Himmel von Petra Pellini: Ein Roman über Demenz, Würde und die kleinen Momente des Menschseins
Leo Tolstoi: Wie „Der Tod des Iwan Iljitsch“ das Sterben aus der Sprache der Gesellschaft befreit
Träume aus Salz von Anika Landsteiner: Ein Roman über Verlust, Fernweh und die Frage, wie man mit Erinnerungen weiterlebt
Zwischen gestern und für immer von A. D. Wilk: Ein Roman über Verlust, Erinnerung und die Frage, ob Liebe Zeit überdauern kann
Häftling von Freida McFadden: Dieser Psychothriller spielt mit Angst, Erinnerung und der Frage, wem man glauben kann
Der Friede im Osten: Erik Neutschs Romanzyklus als Chronik eines historischen Versuchs