Der Erzählband ist eine Kartografie des Abgrunds, gezeichnet mit feiner Linie. Die sechs Texte, die Samanta Schweblin unter dem paradoxen Titel Das gute Übel versammelt, zeigen nicht das Böse als Handlung, sondern als Temperatur. Nichts explodiert. Alles sickert.
Von Anfang an verweigert sich der Band den Sicherheiten linearer Erzählung. Die Figuren sprechen aus dem Ich, aber dieses Ich ist kein Zentrum, sondern ein Echo. Schweblin benutzt die erste Person nicht zur Nähe, sondern zur Dissoziation. Die Körper sind konkret, verletzlich, gelegentlich beschädigt – aber ihre Gedanken bleiben seltsam fern. Sie erzählen sich selbst wie aus zweiter Hand. Das erzeugt einen Effekt, der sich nicht Pathos nennt, sondern Stille.
Wo das Grauen wächst
In dieser Stille wächst das Grauen. Nicht als Einbruch von außen, sondern als Manifestation dessen, was ohnehin da ist: die Überforderung im Alltag, das Gewicht familiärer Rollen, das Verstummen in Systemen, die niemand gebaut hat – und die dennoch funktionieren. Die Texte handeln von Kindern, Eltern, Nachbarn, Ehepartnern. Sie handeln nicht von Tätern und Opfern. Sondern von Anordnungen, in denen Fürsorge zur Überwachung wird und Nähe zur Bedrohung. Die Schuld ist nie spektakulär. Sie dauert.
Schweblin setzt dem keine Erklärung entgegen. Sie arbeitet mit Auslassung. Ihre Erzählweise ist reduziert bis zur Kälte, aber diese Kälte hat ein Sensorium für Schwingung. Die Dinge werden nicht erklärt, sie stehen im Raum. Ein leises Schweigen. Eine Geste. Ein Objekt im falschen Moment. Daraus entsteht eine Spannung, die sich weniger auflöst als verbreitet – wie Nebel in einem zu warmen Zimmer. Wer nach Motivationen sucht, wird mit Fragen entlassen. Und wer Antworten will, muss sie sich einbilden.
Das Unheimliche im Alltäglichen
Das Unheimliche, das viele dieser Texte durchzieht, hat keine übernatürliche Quelle. Es liegt in der Alltäglichkeit selbst: im Klang einer Mikrowelle, im Gewicht einer Batterie, im Verhalten eines Haustiers. Was hier erschreckt, ist nicht das Fremde – sondern das Bekannte, das sich nicht mehr verlässlich verhält. Die Geschichten erzeugen Gänsehaut, aber ohne Schock. Ihre Wirkung liegt in der Verlangsamung. Die Angst ist nicht vor dem, was kommt. Sondern vor dem, was schon da ist.
Dass diese Angst oft aus elterlicher oder kindlicher Perspektive erzählt wird, ist kein Zufall. Die Erzählungen untersuchen die Systeme, in denen man aufwächst, bevor man sie hinterfragt. Und sie zeigen, dass sich auch dort, wo Menschen handeln, das System selbst nie erschöpft. Ein Fehler, ein Versäumnis, ein Moment der Unachtsamkeit – und der Preis ist dauerhaft. Aber nicht laut. Die Schuld wird nicht bestraft. Sie bleibt.
Gut, aber nicht harmlos
In Schweblins Welt ist das Gute keine Rettung. Es ist das, woran man glaubt, wenn das Übel bereits begonnen hat. Die Erzählungen zeigen eine unentschiedene Moral: Gut und Böse sind keine Gegensätze, sondern Aggregate. Manchmal ist das Gute nur eine Form des Nicht-Hinsehen-Wollens. Manchmal ist das Übel das Einzige, das ehrlich reagiert.
Dass Schweblin sich auf diese moralische Unschärfe einlässt, macht ihre Literatur nicht unpolitisch. Im Gegenteil. Die gesellschaftliche Kritik ist eingebettet, nicht ausgestellt. Sie liegt in der Tatsache, dass ein Kind mit bleibendem Schaden durchs System fällt. Oder dass eine verlassene Frau nur von zwei Kindern gewaschen wird. Der Staat, die Versorgung, das medizinische Netz: Sie sind abwesend, nicht benannt. Aber sie fehlen. Und weil niemand es ausspricht, ist ihre Abwesenheit umso lauter.
Ein anderes Realismusprinzip
Der Realismus dieser Texte ist ein verschobener. Schweblin erlaubt sich kleine fantastische Momente – ein Fremdkörper im Hals, ein Tier mit fast menschlicher Intuition, eine unsichtbare Grenze in der Nachbarschaft. Aber diese Elemente stören die Realität nicht. Sie deuten nur an, dass auch sie nicht eindeutig ist. In dieser Hinsicht stehen die Texte in einer Tradition argentinischer Literatur, die das Fantastische nicht als Genre versteht, sondern als Methode: der Realität beim Schwanken zusehen.
Das gute Übel ist ein stiller Band. Man kann ihn lesen wie einen medizinischen Bericht über einen Zustand, den man nicht diagnostizieren kann. Die Sätze sind kurz, aber nicht hastig. Die Szenen fragmentiert, aber nicht beliebig. Es ist eine Literatur der Spannung ohne Entladung – präzise, kontrolliert, offen. Und am Ende bleibt der Eindruck, dass alles, was gesagt wurde, immer auch etwas anderes meint.
Das ist keine Zumutung. Es ist Literatur.
Über die Autorin Samanta Schweblin:
Geboren 1978 in Buenos Aires, zählt Samanta Schweblin zu den international meistbeachteten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Für ihren Band Die Wahrheit über die Zukunft erhielt sie 2008 den Premio Casa de las Américas sowie den Juan-Rulfo-Preis. Sieben leere Häuser wurde mit dem spanischen Premio Ribera del Duero ausgezeichnet. Ihre Werke sind in über 25 Sprachen übersetzt und standen mehrfach auf der Shortlist des International Booker Prize. Schweblin lebt als freie Autorin in Berlin.
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