Ein Hund steht zentral. Nicht am Rand, nicht als Begleiter, nicht als Tier, das treu neben der Geschichte herläuft. Er steht mitten darin. Wer sich an den Hund hält, steht zentral. So ungefähr muss man diesen Roman betreten: über den Hund, über die Scheuche, über das Knirschen der Zähne, über jene Figuren, die Menschen nachgebildet sind und am Ende mehr über Menschen wissen als diese selbst.
Hundejahre ist der dritte Teil der Danziger Trilogie (Die Blechtrommel, Katz und Maus). Aber er ist kein Nachklang. Er ist der dunkle Maschinenraum. Hier wird nicht nur erinnert, hier wird hergestellt: Schuld, Verdrängung, Kunst, Anpassung, Verrat. Und immer wieder Figuren aus Stroh, Draht, Stoff, Uniformen. Vogelscheuchen nach dem Bild des Menschen.
Eine Kindheit aus Scheuchen, Zähnen und Wind
Der erste Teil führt nach Danzig und in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Erzählt wird von Brauxel, von dem sich später zeigen wird, dass er Eduard Amsel selbst ist. Schon diese Konstruktion ist typisch Grass: Eine Figur erzählt sich selbst, aber unter anderem Namen. Erinnerung tritt maskiert auf.
Amsel wächst ohne Vater auf. Der jüdische Vater ist als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen. Bei der Mutter bleibt der Junge zurück, allein und eigentümlich begabt. Was er erlebt, verarbeitet er, indem er Figuren baut. Märchen, Personen, preußische Geschichte – alles wird bei ihm zu Körper, zu Karikatur, zu Vogelscheuche.
Dann tritt Walter Matern hinzu. Ein Junge mit Gewalt im Körper und Knirschen im Mund. Er sieht eine dieser Scheuchen und erkennt sich selbst darin: wie er Amsel verprügelt. Das ist die erste große Erschütterung. Kunst wirkt hier nicht dekorativ. Sie stellt bloß. Sie zwingt zur Selbsterkenntnis, und Selbsterkenntnis ist bei Grass selten angenehm.
Amsel und Matern schließen Blutsbrüderschaft. Matern verrät sie immer wieder. Dieses Muster wird bleiben. Freundschaft und Verrat gehen hier nicht nacheinander, sondern nebeneinander.
Amsel baut, Matern knirscht
Amsel ist Künstler, Händler, Überlebender, Täuscher, Opfer und Mitspieler. Er sieht zu genau. Seine Vogelscheuchen sind keine harmlosen Feldfiguren. Sie sind Menschenbilder, und weil sie Menschenbilder sind, erzeugen sie Angst.
Matern dagegen ist Bewegung ohne Halt. Erst Beschützer, dann Verräter, Kommunist, SA-Mann, Soldat, Nachkriegsrächer, später fast wieder Antifaschist, wenn es gerade passt. Er trägt Uniformen wie Häute. Innen bleibt er, wie er selbst sagt, glatzköpfig: ein leerer Schrank voller Gesinnungen.
Grass zeichnet ihn nicht als Ausnahme. Das ist das Unbequeme. Matern ist kein Monster am Rand. Er ist der Mitläufer mit Kraft, der Kamerad mit Gewalt, der Schuldige mit Ausreden. Einer, der immer schon dabei war und später genau das vergessen möchte.
Tulla, Harry Liebenau und der Blick des Mitläufers
Der zweite Teil wird von Harry Liebenau erzählt, in Liebesbriefen an Tulla. Dadurch verändert sich der Ton. Der Roman wird beobachtender, zugleich enger. Harry ist kein großer Täter. Er ist der stille Mitläufer, der sieht, sich beeindruckt zeigt, mitgetragen wird.
Tulla bringt eine andere Kälte hinein. Sie ist Körper, Begehren, Härte, Überleben. Bei Grass sind solche Figuren nie bloß Nebenfiguren. Sie ziehen Wirklichkeit an sich. Wo Tulla auftaucht, wird das Soziale plötzlich roh.
In diesem Teil wächst der Nationalsozialismus nicht als abstrakte Macht. Er kommt durch Hunde, Uniformen, Schulhöfe, Geburtstagsgeschenke. Der Schäferhund Prinz, Nachkomme von Materns Hündin Senta und Harras, wird Hitler geschenkt. Eine groteske Geste, fast komisch. Aber bei Grass kippt Komik nie ins Harmloswerden. Aus dem Hundegeschenk wird Eintrittskarte, Aufstieg, Aufmerksamkeit. Der Hund macht Geschichte.
Hitlers Hund und die deutsche Treue
Die Hunde sind in Hundejahre keine Symbole, die man einmal entschlüsselt und dann beiseitelegt. Sie bilden ein eigenes Geschichtssystem. Senta wirft Harras, Harras zeugt Prinz, Prinz gehört Hitler. Stammbaum, Blutlinie, Zucht, Treue – Grass persifliert die Rassenlogik des Nationalsozialismus, indem er sie auf Hunde verschiebt.
Das ist bitter und genau. Denn die Verschiebung entlarvt. Während Menschen sich auf Blut, Herkunft und Reinheit berufen, läuft die Ideologie als Hundezucht durch den Roman. Treue wird dressiert. Gehorsam wird vererbt. Aggression wird abgerichtet.
Und nach dem Krieg laufen alle nach Westen. Menschen, Hunde, Schuld. Alles will weg von Knochenbergen, Parteibüchern und Erinnerung.
Der Überfall im Schnee
Der zentrale Bruch zwischen Amsel und Matern geschieht im Winter 1937. Amsel baut wieder Vogelscheuchen. Er braucht Uniformen, SA-Uniformen, und bittet Matern, in die SA einzutreten. Der Grund ist künstlerisch, fast absurd. Doch Matern vergisst den Grund. Er geht in der Rolle auf.
Dann kommt der Überfall. Matern und SA-Kameraden schlagen Amsel zusammen, schlagen ihm die Zähne aus, rollen ihn in Schnee. Eine groteske, grausame Verwandlungsszene. Als der Schnee taut, erscheint Amsel verändert: schlanker, schöner, unter neuem Namen. Haseloff.
Grass erzählt Gewalt nie sauber. Sie zerstört, aber sie produziert auch neue Masken. Amsel überlebt, indem er sich verwandelt. Amsel, Haseloff, Goldmäulchen, Brauxel: Jeder Name ist eine Schicht. Jede Schicht ist Anpassung und Flucht.
Nach 1945 ist die Schuld nicht vorbei
Der dritte Teil gehört Matern. Oder besser: einer Stimme, die Matern beobachtet, obwohl Matern sich selbst entkommen will. Die sogenannten Materniaden führen durch das zerstörte Deutschland. Matern wird aus der Gefangenschaft entlassen, trifft Hitlers Hund Prinz wieder, nennt ihn Pluto und zieht mit ihm weiter.
Pluto, der Hund der Unterwelt, bleibt bei ihm. Schuld bekommt Beine. Sie läuft mit.
Matern rächt sich an früheren Nazis, schwängert Frauen und Töchter, steckt sie an, nennt das vielleicht Vergeltung. Aber diese Rache reinigt nichts. Sie wiederholt nur Gewalt unter anderem Vorzeichen.
Er sucht Amsel, der nun Goldmäulchen heißt und später Brauxel sein wird. Doch eigentlich sucht Matern nicht den Freund. Er sucht eine Form, in der seine Schuld erträglich wird.
Wunderbrillen gegen das Vergessen
Dann kommen die Wunderbrillen der Firma Brauxel & Co. Kinder und Jugendliche, die im Nationalsozialismus keine Schuld auf sich geladen haben können, sehen damit die Vergangenheit der Erwachsenen. Ein grausames, geniales Bild.
Die Nachkriegsgesellschaft möchte neu anfangen. Grass setzt ihr Kinder mit Erkenntnisbrillen entgegen. Keine Gnade durch Vergessen. Keine Entlastung durch Wirtschaftswunder. Die Vergangenheit ist sichtbar, nur eben nicht für jene, die sie am liebsten unsichtbar hätten.
Matern wird entlarvt. Ausgerechnet er, der andere richten will, wird selbst lesbar.
Das Bergwerk der Vogelscheuchen
Am Ende führt Brauxel/Amsel Matern in sein Bergwerk. Dort werden Vogelscheuchen industriell gefertigt und in alle Welt verkauft. Was als kindliche Kunst begann, ist zur Fabrik geworden.
Das ist einer der stärksten Räume des Romans. Eine Unterwelt aus Scheuchen, Schuld, Philosophie, Geschichte, Ökonomie. Alles, was oben verdrängt wird, steht unten herum. Nach dem Bild des Menschen erschaffen.
Brauxel sagt sinngemäß: Der Orkus ist oben. Die Hölle liegt nicht unter der Erde. Sie ist die Welt, die solche Scheuchen nötig macht.
Hundejahre eben
Hundejahre ist kein einfacher Roman. Er verlangt Geduld, Vertrauen, auch die Bereitschaft, sich zu verlaufen. Aber gerade darin liegt seine Größe.
Grass erzählt nicht nur vom Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit. Er zeigt, wie Menschen geformt werden. Durch Ideologie, durch Angst, durch Begehren, durch Kunst, durch das Bedürfnis, sich selbst zu schonen.
Amsel baut Scheuchen, um zu sehen. Matern knirscht, um nicht zu erkennen. Liebenau schreibt Briefe, um beteiligt und doch unschuldig zu wirken. Tulla überlebt auf ihre eigene harte Weise. Die Hunde laufen durch alles hindurch.
Am Ende bleibt kein Trost. Aber eine Genauigkeit, die fast tröstlich wird. Weil sie nicht wegsieht.
Und irgendwo zwischen Hitlers Hund, Materns Zähneknirschen und Amsels Vogelscheuchen steht dieser Roman noch immer da: sperrig, böse, warm an den Rändern. Ein Buch, das nicht gefallen will. Sondern wiederkommen.
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