Wenn Welten kollidieren – Stephen Kings „Other Worlds Than These“ zwischen Mittwelt und Territorien

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Eine Tür steht offen. Nicht weit, nur einen Spalt. Dahinter: Mittwelt, die Territorien, Amerika – und ein Schlund, der lernt zu denken. Stephen King kehrt mit Other Worlds Than These in jenes Gefüge zurück, das er über Jahrzehnte gebaut hat. Der englische Originalroman erscheint am 6. Oktober 2026. Die deutsche Ausgabe, „Andere als diese Welten“, folgt am 14. Oktober 2026 im Heyne Verlag, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, als Hardcover mit Schutzumschlag (ca. 800 Seiten).

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Other Worlds Than These: A Talisman Novel (Volume 3) (The Talisman Trilogy)

Jack Sawyer lebt inzwischen dauerhaft in der Anderwelt. Was einst wie ein Spiegel Amerikas wirkte, ist nun ausdrücklich Teil von Mittwelt, jenem mythischen Raum, den Roland Deschain durchmaß. Diese Verschiebung ist kein Detail. Sie markiert den Moment, in dem zwei zuvor lose verbundene Systeme ineinandergreifen. Die Talisman-Reihe war immer eine Schwellenliteratur. Jetzt wird sie zur Achse.

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Jack als Schwellenwesen

Jack kann zwischen den Welten wechseln. Doch unsere Welt ist für ihn auf Dauer tödlich. Das ist mehr als eine fantastische Setzung. Es ist eine Aussage über Zugehörigkeit. Wer einmal die Struktur hinter der Oberfläche gesehen hat, kann nicht einfach zurück. Kings Helden sind Grenzgänger. Sie verlieren Heimatrecht, gewinnen Erkenntnis.

Wenn eine marodierende Mördersekte erst in Amerika wütet und dann in Mittwelt auftaucht, wird das Prinzip der Trennung aufgehoben. Gewalt wird mobil. Sie kennt keine metaphysischen Barrieren mehr. Die Welten kollidieren nicht spektakulär, sondern folgerichtig. Wo Systeme verbunden sind, wirken ihre Risse durch.

Die angekündigte „dunkle Macht“, die alle Welten zu verschlingen droht und dabei Bewusstsein gewinnt, verschiebt den Konflikt vom Lokalen ins Kosmische. Das Böse ist nicht länger nur Handlung, sondern Intention. Es denkt. In der Logik des Dunklen Turms bedeutet das: Die Balken, die Realität tragen, sind nicht nur physische Stützen, sondern narrative. Wenn sie bröckeln, bröckelt Sinn.

Mittwelt als Gedächtnisraum

Roland hat den Turm bewahrt – oder es versucht. Kings Turm-Zyklus endete in einer Schleife. Ein Ende ohne Abschluss. Other Worlds Than These greift dieses offene Ende auf, ohne es direkt zu widerrufen. Stattdessen wird die Talisman-Reihe in das größere System eingespannt. Mit dem Segen von Peter Straub, so die Ankündigung, führt King die gemeinsame Erfindung fort.

Das ist literarisch heikel. Straubs Ton war kühler, psychologisch feiner. King schreibt nun allein weiter, doch im Bewusstsein einer geteilten Welt. Autorschaft wird hier zur Verantwortung. Wer ein Universum erweitert, verändert es. Wer es schließt, definiert es.

Erscheinungstermine als kulturelles Signal

Dass zwischen englischer und deutscher Veröffentlichung nur acht Tage liegen, ist kein Zufall. Am 6. Oktober 2026öffnet sich die Tür im Original bei Scribner. Am 14. Oktober 2026 spricht sie deutsch bei Heyne. Die enge Taktung zeigt, wie global Literaturereignisse heute funktionieren. Das Warten ist kurz, die Erwartung lang gewachsen.

Die deutsche Ausgabe umfasst rund 800 Seiten. Das Format signalisiert: kein Epilog, sondern Epos. Die Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt steht in einer Tradition, Kings Rhythmus zu bewahren – jenen Wechsel aus Lakonie und Pathosnähe, aus Alltagston und Mythos.

System oder Spektakel?

Der Untertitel der deutschen Ankündigung spricht vom „gigantischen neuen Epos“. Das Marketing liebt Größe. Kings Stärke liegt jedoch selten im Gigantischen selbst, sondern im Kontrast. Eine kleine Geste gegen einen großen Abgrund. Ein Junge gegen ein kosmisches Rad.

Jack ist kein Revolvermann. Er trägt keine archetypische Einsamkeit wie Roland. Seine Figur lebt vom Pendeln, nicht vom Marsch. Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses Finales: Nicht der Turm steht im Zentrum, sondern die Verbindung. Nicht der Held, sondern die Beziehung.

Wenn Welten kollidieren, dann nicht nur geografisch. Es kollidieren Erinnerungen, Lektüren, Erwartungshorizonte. Die „Constant Readers“ lesen mit Jahrzehnten Erfahrung. Neue Leser betreten ein Geflecht, das älter ist als viele von ihnen. Literatur wird hier zum Gedächtnisraum, der sich selbst erweitert.

Und vielleicht ist die größte Gefahr nicht das Gullet am Rand von Mittwelt, sondern der Wunsch nach endgültiger Ordnung.

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