Die „druckfrisch“-Sendung vom 15.02.2026 eröffnet Dennis Scheck mit einer klar gesetzten Empfehlung: Gleich zu Beginn stellt er einen Roman von Tomer Gardi vor – nicht den Autor, sondern das Buch als literarisches Ereignis. Für Scheck ist dieser Text ein Paradebeispiel für die Wanderungsbewegungen der Globalisierung. Erzählt wird von Ausbeutung, von der Angst vor Polizei und schlechter Bewertung, von jener doppelten Kontrolle durch Staat und Markt, die prekäre Existenzen strukturiert. Und doch bleibt der Ton beweglich, durchzogen von Humor und Esprit. Literatur erscheint hier nicht als Anklage, sondern als Form von Selbstbehauptung. Schecks Fazit kommt früh und ohne Relativierung: Lesen Sie.
Interview: Kristof Magnusson
Damit ist der Maßstab gesetzt. Literatur muss etwas riskieren, sie muss Gegenwart lesbar machen. Im anschließenden Gespräch mit Kristof Magnusson verschiebt sich der Fokus von der globalisierten Arbeitswelt in die Nachwendejahre. Magnussons neuer Roman Die Reise ans Ende der Geschichte kreist um Freiheit, Täuschung und die Komik der Weltordnung. „Was passiert, wenn ein Dichter als Spion rekrutiert wird?“, fragt Scheck. Die Frage ist weniger Pointe als Prüfstein: Wie stabil ist die Rolle des Intellektuellen in Zeiten politischer Umbrüche?
Magnusson spricht über den Fall des Eisernen Vorhangs – und über den „Fall des eigenen Vorhangs“. Über die Behandlung Russlands durch den Westen. Über das, was aus den Entscheidungen der 1990er Jahre heute politisch erwächst. „Nostalgie ist auch nicht mehr, was sie mal war“, sagt er. Der Satz wirkt beiläufig und trägt doch eine Diagnose. Viele, so seine Beobachtung, hätten ihre Emotionen ebenso eingefroren wie die Systeme, in denen sie lebten. Der Umbruch brachte Bewegung, aber auch Verunsicherung.
Zwischen tastendem Aufbruch nach 1989 und heutigen düsteren Prognosen plädiert Magnusson für den Blick mit Lust auf Abenteuer durch die Geschichte. Nicht als Verklärung, sondern als Möglichkeit. Schöne, spannende Bücher würden gebraucht. Scheck formuliert es zugespitzt: Magnusson reanimiert den Spionageroman. Gemeint ist die Rückkehr eines Genres, das politische Konflikte nicht erklärt, sondern erzählbar macht.
Die Bestsellerliste: Maßstab und Zumutung
Dann die Bestsellerliste. Kein beiläufiger Serviceblock, sondern das ritualisierte Kräftemessen zwischen Markt und Maßstab. Scheck bleibt dabei eng an seinen eigenen Kriterien: literarische Qualität, formale Präzision, gedankliche Substanz. Wo sie fehlen, formuliert er es deutlich.
Platz 10:Dan Brown, Secret of The Secret
Für Scheck eine überraschungslose Geschichte. Zu verquatscht für einen Reiseführer, zu fad für einen Thriller. Ein Text ohne Risiko, ohne erzählerische Spannung – kalkulierte Routine statt literarischer Notwendigkeit.
Platz 9: Jo Nesbø, Minnesota
Hier erkennt Scheck eine gelungene, packende Sozialreportage der USA unter Trump. Spannung und Gesellschaftsanalyse greifen ineinander. Kriminalliteratur wird zur präzisen Gegenwartsbeobachtung.
Platz 8: Susanne Abel, Du musst meine Hand fester halten, Nr.104
Ein Roman über den Missbrauch durch Kirche und Staat in westdeutschen Waisenheimen. Für Scheck ein literarischer Zugriff auf einen neuralgischen Punkt der bundesrepublikanischen Geschichte. Schmerz wird hier nicht ausgeschlachtet, sondern freigelegt.
Platz 7: Torsten Woywod, Mathilde und Marie
Ein Kitschroman, der für Scheck so viel taugt wie Schlager zur Oper. Sentiment ersetzt Komplexität, Gefühl simuliert Tiefe. Das Urteil ist eindeutig.
Platz 6: Colleen Hoover, Woman Down
Eine Romance-Autorin, vom Shitstorm aus der Bahn geworfen, zieht sich ins Schreiben zurück und lebt dort ihre Unterwerfungsfantasien aus. Für Scheck eine „Schwimel-Sex-Schwarte“, die auf seiner Skala von 1 bis 10 eine glatte 11 erreicht. Mehr literarische Überdehnung geht kaum.
Platz 5: Leïla Slimani, Trag das Feuer weiter
Auftakt einer Romantrilogie zwischen Marokko und Frankreich. Scheck spricht von großer, herzerfrischender Weltliteratur. Hier verbinden sich historische Weite, erzählerische Kraft und sprachliche Präzision.
Platz 4: Biedermann, Lazar
Unterkomplex, überambitioniert und mittelmäßig. Ein Roman, der mehr behauptet, als er literarisch einlösen kann.
Platz 3: Sebastian Fitzek, Der Nachbar
Scheck lässt kein gutes Haar daran. Jedes Wort über diesen „indiskutablen Schrott“ sei eines zu viel – so wörtlich. Ein Totalverriss, der die Grenze seines literarischen Toleranzbereichs markiert.
Platz 2: Ayla Dade, Royal Claire Club
Ein elitäres College, gefährliche Rituale – für Scheck phantasielos und literarisch grobmotorisch. Dramaturgie nach Baukastenprinzip.
Platz 1: Bayla Boley, Wings of Blood
Die letzte Drachenreiterin wird an eine Academy verschleppt und verliebt sich. Für Scheck eine hirnerweichende „Enemy-to-Lovers“-Dramaturgie, exemplarisch für trashige Dark Romantasy. Marktführerschaft ersetzt literarische Substanz.
Zwischen Weltliteratur und „Schrott“ verläuft bei Scheck keine Geschmacksgrenze, sondern eine Qualitätslinie. Die Bestsellerliste wird so zum Seismographen eines literarischen Feldes, in dem ökonomischer Erfolg und ästhetischer Anspruch selten deckungsgleich sind.
Interview: Lola Rande
Nach der Liste folgt ein Gespräch mit Lola Rande über ihr Buch Der lebende Beweis. Eine Erzählerin in der Krise, das Landleben verliert seinen Status als vermeintlich gutes Leben. Die Suche nach dem Ursprung der eigenen Geschichte führt zurück zu den Slawen, zum Dreißigjährigen Krieg, zu den Überlebenden. Herkunft wird als sedimentierte Erfahrung sichtbar. Scheck bemerkt, dieses Buch ersetze zehn Jahre Landleben.
Erinnerung: Cees Nooteboom
Am Ende erinnert Scheck an den verstorbenen Cees Nooteboom. Gezeigt werden Ausschnitte eines Treffens aus dem Jahr 2003, in dem über Ewigkeit und Leben gesprochen wurde. Kein pathetischer Abschied, sondern eine stille Vergegenwärtigung. Literatur erscheint hier als Gespräch über Zeit – und als Möglichkeit, Gegenwart in größere Zusammenhänge zu stellen.
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