Die Statue von Bernini

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...... Als sie die Kirche betrat, umspielte Paulines Nase sofort ein sanfter Hauch von Weihrauch. Die schwere Kirchentür fiel hinter ihr ins Schloss. Andächtig schaute sich Pauline um. Nur zwei dunkle Gestalten, zwei alte Frauen in langen schwarzen Gewändern, saßen in den Bänken. Das Licht der Sonne fiel durch die hohen Fenster in die Kirche und gab diesem Ort eine feierliche und geheimnisvolle Atmosphäre. Die hohen steinernen Wände und der Marmorboden waren glatt und kalt. Gelegentliches Knarren der Kirchenbänke und das leise Wispern des Gebetes einer der beiden alten Frauen waren das Einzige, was in der Kirche zu hören war.

Pauline hatte bereits gelesen, dass diese Kirche aufgrund ihrer außergewöhnlichen Skulpturen bekannt war. Fasziniert betrachtete sie jede einzelne. Sie hatte nicht erwartet, dass sie so beeindruckend sein würden. Die Formen der Figuren empfand sie als perfekte Harmonie.
Beim Altar gab sie ihrem spontanen Drang nach und kniete nieder. Fast automatisch vertiefte sie sich in ein inniges Gebet. Nach einer Weile, Pauline wusste nicht, wie lange sie dort gebetet hatte, stand sie auf und überlegte, auf welcher Seite des ausgedehnten Kirchenschiffs die berühmte Statue der seligen Ludovica Albertoni von Bernini war. Dann erinnerte sie sich gelesen zu haben, dass sie auf der linken Seite zu finden sei. Sie verehrte Gian Lorenzo Bernini fast ebenso wie Michelangelo. Aber Bernini war ihrer Meinung nach der bedeutendste Bildhauer des Barockzeitalters.

Pauline sah sich um. Niemand war mehr im Mittelschiff, die beiden Frauen waren inzwischen fort. Sie wandte sich zum linken Seitenschiff und konnte auch hier niemanden entdecken. Trotzdem überkam sie ein seltsames Gefühl.
Niemand ist hier und doch glaube ich zu spüren, dass ich nicht allein bin, dachte sie.
Sie ging zu der kleinen Nische, in der sie die Statue der seligen Ludovica Albertoni vermutete. Und dort lag sie. Beim Anblick der wun- derschönen Frau wollte Pauline fast zu Boden sinken. „Wie wundervoll“, flüsterte sie kaum hörbar. „Wie wunderschön!“

Wie gebannt betrachtete sie die Putten, das wundervolle Gemälde im Hintergrund, die Stuckatur, die mit der Malerei verschmolz, und die Skulptur selbst, die mit der Architektur fast eins wurde. Pauline fühlte, wie ihr Puls raste. Dieser ekstatische Gesichtsausdruck! War das Kunstwerk tatsächlich aus Stein? Die marmornen Falten des Gewandes schienen sich im nächsten Moment zu bewegen, schienen ein sanftes Atmen darunter zu verbergen. Sie spürte, wie sie eine Welle der Ehrfurcht überkam.

So viel Schönheit, dachte sie, so viel Leidenschaft, eingefangen in kaltem Marmor. Wie ist das möglich?

Pauline war so vertieft, dass sie erschrak, als sie neben sich in einer Nische eine Bewegung bemerkte. Sie hatte den Mann nicht gesehen! Stand er schon lange dort? In seinem dunklen Anzug ging er fast im Schatten unter. Der Mann betrachtete sie ruhig und regungslos. Pauline konnte sich vor Schreck nicht rühren.
Oh Gott, was sind das für tiefblaue Augen, dachte sie verwirrt.

Pauline merkte, wie sie diesen Fremden anstarrte. Ihr Herz schlug heftig, doch sie spürte irritiert, dass sie sich trotz des Schrecks nicht bedroht fühlte. Hitze stieg in ihr auf, ihre Hände wurden feucht. Pauline wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Was war hier los? Was war mit ihr los? Sollte sie weglaufen? War sie in Gefahr? Was sollte sie tun?

Da machte der Mann auf einmal einen Schritt auf sie zu. Sein Anzug war gar nicht so dunkel und er sah auch nicht bedrohlich aus. Er war jung, elegant und hatte ein freundliches Gesicht. Jetzt lächelte er sie an. Der Schreck war vorbei, der Bann löste sich.
„Guten Tag“, sagte er leise auf Italienisch, „verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.“
Während er sprach, verneigte er sich leicht, als wollte er sie begrüßen.

Pauline musterte ihn und bemerkte ein kleines Notizheft in seiner Hand. Hatte er hier etwas gezeichnet? Dann sah sie wieder in sein Gesicht. Eine kleine schwarze Haarlocke war ihm in die Stirn gefallen. Dieser Moment traf Pauline wie ein Blitz. Sie nickte nur leicht. Der Mann betrachtete ihr Gesicht mit leichter Amüsiertheit. Sie bemerkte, wie ihre Wangen rot wurden. Der Mann näherte sich und nur noch wenige Schritte trennten sie. Sie erkannte ein Funkeln in seinen äußerst blauen Augen.

Da löste sich plötzlich die Starre bei Pauline. Etwas stimmte hier nicht. Sie war hier allein mit einem fremden Mann. Und auch, wenn er offenbar keine Gefahr für sie war, musste sie raus. Sie drehte sich abrupt um und ergriff förmlich die Flucht. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, rannte Pauline den Gang des Seitenschiffes hinunter und zum Kirchenportal hinaus. Die schwere Tür fiel hinter ihr laut ins Schloss.

Draußen auf dem großen Platz blieb sie schwer atmend mitten in der heißen Sonne stehen und wagte nicht, sich umzudrehen. Dieser gutaussehende junge Mann mit den tiefschwarzen Haaren, der kleinen Locke in der Stirn und den wachen, leuchtend blauen Augen hatte sie erst erschreckt, dann verwirrt und irgendwie beeindruckt, sodass ihre Wangen glühten und ihre Knie weich waren. Wer er wohl war? Gedankenverloren strich sie sich mit dem Handrücken ein wenig Schweiß aus dem Gesicht. Jetzt schämte sie sich für ihr Benehmen.

Wie kindisch! Er hatte sie freundlich angesprochen und nicht bedroht. Aber hatte ich das überhaupt gedacht? Nein. Ich bin vollkommen kopflos hinausgelaufen. Sollte ich umkehren und mich entschuldigen?
Unentschlossen ging sie auf und ab und sogar ein paar Schritte in Richtung Kirche zurück. Aber sie ging nicht hinein. Nein, das traute sie sich nicht. Das wäre zu peinlich.

Schließlich schüttelte sie den Kopf und machte sich zögerlich auf den Weg zurück ins Hotel. In Gedanken stellte sie sich immer wieder vor, dass sie doch ganz mutig gewesen und zurück in die Kirche gegangen wäre.
Und als sie im Hotel ankam, war sie sich sicher, dass es ein Fehler gewesen war, wegzulaufen und nicht zurückzugehen. Sie spürte, dass sie diesen wunderschönen Mann niemals vergessen würde.

Die bezaubernde Statue der Ludovica Albertoni hatte Pauline darüber vollkommen vergessen.

Der junge Mann war in die Kirche gekommen, weil auch er die Statue der seligen Ludovica Albertoni anschauen und zeichnen wollte. Zuerst hatte er die feinen Linien und die Lichteffekte ganz in Ruhe studiert. In seinem kleinen Skizzenbuch entstand dann ein grober Entwurf. Aber er wurde abgelenkt, als er die Kirchentür laut ins Schloss fallen hörte, dabei drehte er sich um und schaute zum Mittelschiff hinüber.

Eine bezaubernde junge Frau hatte die Kirche betreten und ging jetzt andächtig bis zum Altar. Sie schaute sich um, sah sich alles ganz genau an. Am Altar sank sie dann zum Gebet nieder. Er hatte sie immerzu beobachtet und schämte sich beinahe dafür. Ein feines Sommerkleid mit kleinen Blumen umspielte ihre zarte Figur. Aber vor allem ihr Profil war so schön, so zart, dass er seinen Blick nicht abwenden konnte.

Wie eine Erscheinung. Ein Engel. Ihre Anmut ist atemberaubend, dachte er.
Sie trug ein sanftes Lächeln im Gesicht, während ihre Augen geschlossen waren. Eine kleine Locke ihres dunklen Haares lugte unter dem modernen Strohhut hervor und schien sanft ihre Wange zu streicheln. Trotz der stolzen Haltung sah sie zart und zerbrechlich, ja fast schutzbedürftig aus.
Plötzlich wollte er jede Linie ihres Körpers, jedes Detail ihres Profils in einer Skizze festhalten. So blätterte er auf eine freie Seite in seinem Heft und begann einige Linien zu zeichnen. Dabei fragte er sich:

Wer ist sie? Eine Römerin? Eine Besucherin?

Er spürte ein unerklärliches Verlangen, sie anzusprechen, aber auch eine Scheu, diese vollkommene Schönheit zu stören. Als sie dann in seine Richtung kam, zog er sich unbewusst ein wenig in den Schatten zurück, denn so konnte er sie noch ein wenig länger in Ruhe betrachten. Offenbar wollte auch sie die Ludovica anschauen. Dann hielt er fast den Atem an. Diese beiden Frauen so nahe beieinander zu betrachten, die eine aus Stein und die andere aus Fleisch und Blut, das war wie in einem Traum. Gebannt wollte er auch diesen Anblick festhalten. Gleichzeitig spürte er das Verlangen, die junge Besucherin in die Arme zu schließen. Er war von seinen Gefühlen hin- und hergerissen.

Dabei musste er sich bewegt haben. Denn die junge Frau entdeckte ihn und erschrak. Er schaute in ihre dunklen Augen und glaubte sofort, darin zu ertrinken. Ein Bann hielt ihn fest. Sie strahlte einen so starken Zauber auf ihn aus. Doch als er sie freundlich ansprach, drehte sich die junge Frau plötzlich um und ihm schien, dass sie geradezu aus der Kirche flüchtete. Er sah ihr nach, wollte ihr folgen. Doch etwas hielt ihn zurück.

Er sah auf die geschlossene Kirchentür. Womit hatte er sie wohl verschreckt? Er konnte es sich nicht erklären. Schließlich drehte er sich zu der seligen Ludovica Albertoni um und schaute die Statue lange an. Aber er sah nicht das Gesicht der wunderschönen Römerin. Vor sich sah er das Gesicht der jungen Frau, die eben noch leibhaftig vor ihm gestanden hatte.
„Wie schön sie war“, murmelte er, „so zarte Gesichtszüge und doch eine kraftvolle Ausstrahlung, so unschuldig und auch so ....“

Tief in Gedanken versunken und auch voller Hoffnung, löste sich sein Blick von der Statue. Er würde ein anderes Mal wiederkommen, um sie zu zeichnen.

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