Thomas Manns Felix Krull - Die Welt will geblendet sein

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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Der Memoiren erster Teil Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Der Memoiren erster Teil Insel Verlag

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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Der Memoiren erster Teil

„Alle fliegen wie die Mücken ins Licht. Die Welt, diese geile und dumme Metze will geblendet sein …“

Der Satz steht mittendrin. Nicht als Pointe, nicht als Bekenntnis. Und doch erklärt er den ganzen Text. Er benennt nicht das Scheitern einer Ordnung, sondern ihre Voraussetzung: Sie verlangt nicht Wahrheit, sondern Wirkung.

Felix Krull handelt danach. Er betrügt nicht gegen Widerstand. Er ersetzt, was ohnehin leer ist. Die Rollen, die er übernimmt, gehören niemandem. Sie stehen bereit.

Eine Figur ohne Gegenspieler

Krull wächst im Rheingau auf, als Sohn eines Sektfabrikanten. Die Flaschen tragen goldene Etiketten, der Inhalt bleibt zweitrangig. Als das Geschäft zusammenbricht, bleibt von der bürgerlichen Fassade nicht viel übrig.

Krull lernt schnell, wie Geltung erzeugt wird. Er beobachtet, imitiert, probiert sich aus. Er täuscht Krankheit vor, wird ausgemustert, geht nach Paris.

Im Hotel arbeitet er als Liftboy, später als Kellner. Er fällt nicht auf, er verhält sich richtig. Höflich, diskret, verlässlich. Das genügt.

Als sich die Gelegenheit ergibt, übernimmt er die Identität eines jungen Adligen. Kein Plan, keine Vorbereitung – nur ein offenes Feld. Der Name passt, die Rolle wird nicht geprüft.

Der Roman besteht aus zwei Teilen: Kindheit und Hotel. Weiteres wurde nicht geschrieben. Aber es fehlt nichts. Denn das Muster ist gesetzt. Es braucht keine Entwicklung.

Handlung als Wiederholung

Die Stationen – Provinz, Hotel, Schlafwagen, Lissabon – markieren keine innere Bewegung. Sie zeigen das Verfahren. Krull verändert sich nicht. Er variiert.

Er passt sich an, bleibt kontrolliert, meidet Konflikte. Es gibt keine Szene, in der er auffliegt. Keine, in der etwas zerbricht. Die Täuschung wird nie aufgedeckt. Sie bleibt möglich, weil niemand sie verhindern will.

Was erzählt wird, ist keine Geschichte. Es ist ein Ablauf.

Stil als Maske

Krull erzählt selbst. Sein Ton ist höflich, gestelzt, oft übergenau. Er spricht, wie man spricht, wenn man dazugehören will – und gelernt hat, wie das klingt.

„So möchte ich behaupten …“, „schien es mir doch angemessen zu sagen …“, „wenn ich mich nicht irre …“ – solche Formeln ziehen sich durch den Text.

Sie zeigen keinen Charakter, sondern eine Haltung: vorsichtig, bemüht, kontrolliert. Der Stil ist uneindeutig. Manchmal prätentiös, dann wieder betulich, oft überformt.

Krull hat keine eigene Stimme. Er benutzt, was verfügbar ist. Sprache ist für ihn kein Ausdruck, sondern ein Werkzeug. Der Stil wird zur Rolle – und in dieser Rolle wird er sichtbar.

Keine Kritik, keine Korrektur

Thomas Mann bewertet nichts. Er beschreibt. Die Ironie des Textes liegt nicht im Spott, sondern im Abstand.

Krull begegnet niemandem, der ihn entlarvt. Niemand prüft seine Herkunft, niemand durchschaut ihn. Das System funktioniert, solange es bedient wird. Der Betrug bleibt unauffällig, weil die Form stimmt.

Der Roman ist keine Farce. Keine Satire. Keine Warnung. Er ist eine Darstellung.

Die Gesellschaft als Bühne

Krull bewegt sich in einer Welt, die aus Fassade besteht. Titel, Kleidung, Sprachform – alles hat eine Funktion, alles zeigt etwas, das nicht hinterfragt wird.

Der bürgerliche Habitus der Gründerzeit bildet das Inventar: Salonkultur, Etikette, Besitz als Legitimation. Krull nutzt das – nicht durch Widerstand, sondern durch Mitspielen.

Was Mann zeigt, ist keine Ausnahme. Es ist der Normalfall. Der Text stellt nicht eine Figur bloß, sondern ein Milieu, das sich selbst zu ernst nimmt und dabei blind bleibt.

Ein Antiheld ohne Störung

Krull ist kein Rebell, kein Unterwanderer, kein Kommentator. Er will nichts zeigen. Er will nur durchkommen.

Dass er das kann, liegt nicht an seiner Brillanz. Sondern daran, dass das System offen ist – für jeden, der weiß, wie man sich verhält.

Die Figur bleibt lesbar, weil sie nicht psychologisch aufgeladen ist. Keine Kindheitserklärung, kein innerer Konflikt. Nur das: ein Mann, der sich bewegt, weil er erkannt hat, dass es geht.

Eine Konstruktion aus Material

Der Text entstand über Jahrzehnte. Erste Entwürfe reichen bis 1911. Mann unterbrach die Arbeit, kehrte zurück, änderte kaum etwas.

Im Nachlass finden sich Mappen voller Zeitungsartikel, Notizen zu Interieurs, Betrügern, Reisen. Die Konstruktion ist sichtbar. Der Text erfindet nicht, er montiert.

Felix Krull verschwindet nicht. Er geht weiter, weil niemand ihn aufhält.

Thomas Mann

Thomas Mann (1875–1955) zählt zu den prägenden Autoren des 20. Jahrhunderts. Er veröffentlichte Die Buddenbrooksmit 26, erhielt 1929 den Literaturnobelpreis, emigrierte 1933 und starb im Exil in Zürich. Die Arbeit an Felix Krullbegann früh – erste Skizzen entstanden 1910, veröffentlicht wurde der fragmentarische Roman erst 1954.

Felix Krull war kein Nebenwerk. Mann sammelte über Jahrzehnte Material: Zeitungsnotizen, Beschreibungen von Hotels, Berichte über Betrüger, Gesellschaftsszenen. Der Roman ist das Ergebnis genauer Lektüre bürgerlicher Oberfläche. Krull selbst ist keine Figur der Fantasie, sondern eine Montage aus Sprache, Haltung und Gelegenheit.

Was wie eine leichte Erzählung wirkt, war für Mann eine systematische Arbeit an Täuschung, Form und Geltung – geschrieben über ein halbes Leben lang.


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