Am Anfang steht eine Frau, die nicht schläft. Ein Mann schnarcht neben ihr, seine Gegenwart ist dichter Atem als Beziehung. Sie weiß, sie muss jetzt gehen. Nicht morgen, nicht „bald“. In dieser Minute. Die Sätze sind knapp, der Moment klar: Trennung hat einen zeitlichen Punkt, und dieser Punkt ist immer jetzt. Karen Waldau packt nicht. Sie sortiert nicht. Sie wägt nicht ab. Sie verlässt. Diese Unmittelbarkeit ist nicht nur biographisches Faktum, sondern tonales Setzen: Hier wird entschieden, bevor die Dinge sich in Wörter verwandeln.
Karen wächst in einem Dorf in Thüringen auf, Tochter eines ehemaligen Nazis, dessen Entnazifizierung „ganze Arbeit“ hatte – eine Phrase, die sich nicht nur auf Verfahren, sondern auf Seelenzustände bezieht. Die Entnazifizierung war Arbeit, Erinnerung ein Belastungstest. Später verlässt sie das Dorf, wird Notarin, lebt in der Stadt – mit einem Mann, der Philosophie lehrt und bald nur noch spricht, statt zu denken. Ein Kind verbindet sie. Doch die Sprache trennt.
Tetzners Sprache ist sparsam, nicht karg. Sie arbeitet mit Andeutungen und Zwischenräumen, als ob sie sagt: Nicht alles, was wichtig ist, lässt sich aussprechen. Daraus entsteht ein Rhythmus, der den Leser zu aktiver Wahrnehmung zwingt. Nicht analysierend, sondern eindringend. Das Erzählen tastet. Es horcht. Es denkt nicht laut – es erinnert. In Bildern, Gerüchen, Strukturen.
Ein Kleidungsstück, das nicht gewaschen wurde. Ein feuchter Beutel. Staub auf dem Türschild. Diese Dinge sind keine Requisiten, sondern Ausdrucksformen von Beziehungslosigkeit. In ihnen lagert sich das Ungesagte ab. Was nicht aufgeschrieben, nicht ausgesprochen wird, manifestiert sich im Banalen – das ist die stille, aber durchdringende Ethik dieses Romans.
Von innen heraus: DDR jenseits der Ideologie
Der Roman spielt in den frühen 1960er Jahren, auf dem Boden der DDR, doch er ist kein staatskritisches Manifest. Was Tetzner interessiert, ist nicht die große Systemfrage, sondern der Moment der Entscheidung, der sich im Kleinen vollzieht: in einem Bett, in einer Küche, in einem Brief. Der Osten ist nicht das Andere, sondern ein Raum, in dem Individuen, genau wie Karen, ihre Haltung aushandeln – zwischen Anpassung und Wahrheit, zwischen Müdigkeit und Aufbruch.
Sprache wird dabei zum Prüfstein. Die Floskeln des öffentlichen Lebens, die sprachlichen Gewohnheiten in der Partnerschaft, die Überformung von Wirklichkeit durch Sätze – all das ist nicht Nebensache, sondern zentral. Denn wenn die Sprache nicht mehr trägt, verliert auch das Leben seinen Zusammenhang.
Nicht gegen den Staat – gegen die Verkrustung
Karen W. ist kein Roman der Feindschaft. Und er ist kein Roman der Entlarvung. Gerti Tetzner schreibt nicht gegen die DDR – sie schreibt gegen den Moment, in dem ein Versprechen seine Sprache verliert. In diesem Punkt steht sie Christa Wolf näher, als es jede literarhistorische Zuordnung erfassen könnte: Beide teilen die Erfahrung, dass man an ein Projekt glauben kann und zugleich an seinen Repräsentanten verzweifelt.
Was Karen abstößt, sind nicht die Ideen, sondern ihre Verwalter. Nicht das Kollektiv, sondern jene, die sich im Namen des Kollektivs selbst erhöhen. Die Funktionäre erscheinen im Roman nicht als brutale Gegner, sondern als selbstverliebte Figuren einer sprachlichen Erstarrung. Sie reden zu viel und sagen nichts. Ihre Macht ist nicht Gewalt, sondern Dauer. Ihre Besessenheit nicht ideologisch, sondern narzisstisch. Sie verhindern nichts aktiv – aber sie verstellen alles.
Diese Männer – an Tischen, in Konferenzen, in internen Runden – leben in einer Welt aus Signalen, Titeln, kleinen Vorteilen. Ihre Sprache ist glatt, funktional, selbstgenügsam. Karen spürt instinktiv: In dieser Sprache ist kein Platz mehr für Erfahrung. Und damit auch nicht für sie. Was sie verlässt, ist weniger ein Mann als ein Milieu. Ein Lebensmodus, der alles verschattet, was nicht verwertbar ist.
Gerade darin liegt die politische Schärfe des Romans. Tetzner zeigt, dass ein System nicht an seinen Gegnern zerbricht, sondern an seinen Erstarrungen. Dass Ideale nicht verraten werden müssen, um wirkungslos zu werden – es reicht, sie zu verwalten. Karen W. ist ein Buch über diesen Moment: wenn Überzeugung zur Pose wird und Engagement zur Karriere.
Alltag als Widerstand
Die Szenen auf dem Feld, die frühen Morgenstunden mit den Osthausener Bauern, die Arbeit mit dem Tierarzt – all das sind keine folkloristischen Einschübe. Sie sind Lagerstätten dessen, was Erfahrung im eigentlichen Sinn heißt: die Verbindung von Hand, Körper, Erde, Gespräch. Die Genossenschaft ist nicht das Ideal des Sozialismus, sondern ein soziales Labor, in dem Karen sich selbst neu kalibriert. Diese Kalibrierung ist kein simpler Progressivismus. Sie ist eine Form des Widerstands gegen die Reduktion des Menschen auf Funktion, Doktrin oder Zugehörigkeit.
Und sie ist, letztlich, die Antwort auf das, was Karen nachts nicht mehr schlafen lässt. Die Erkenntnis, dass nichts sich ändern wird, wenn man sich nicht selbst ändert. Die Endlichkeit ihres Lebens wird zur Erkenntnisform – nicht pathetisch, sondern genau, körperlich, klar.
Ein Roman der Rückgewinnung
Karen W. erzählt von einer Frau, die das gemeinsame Leben mit einem Mann hinter sich lässt, dessen Sprache sie nicht mehr erreicht – und die mit ihrer Tochter in ihr Kindheitsdorf zurückkehrt, um dort, zwischen Feldarbeit, Tierarztbesuchen und Erinnerungsfetzen, eine andere Form des Daseins zu erkunden. Es ist ein Roman über die Schwierigkeit, in einer Welt zu bestehen, die das Persönliche dem Allgemeinen unterordnet – und über die Kraft, sich dem nicht mehr zu beugen.
Die Neuauflage des Romans, erstmals wieder greifbar nach Jahrzehnten, enthält ein Gespräch mit der heute 89-jährigen Gerti Tetzner, in dem sie über den Ursprung des Buches, ihre Freundschaft mit Christa Wolf und die Sprachlosigkeit in ideologisierten Systemen spricht. Besonders eindringlich beschreibt sie darin, wie das Tagebuchschreiben für sie zum Akt der Selbstvergewisserung wurde – und wie das Erzählen selbst zum Widerstand gegen das allmähliche Verstummen wurde. Dieses Interview macht die Neuausgabe zu mehr als einer literarischen Wiederentdeckung: zu einem Dokument innerer Wahrheit gegen äußere Gewissheiten.
Vita der Autorin
Gerti Tetzner, 1936 in Thüringen geboren, war Juristin, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Als Richterin hätte sie über Republikflüchtige urteilen sollen – sie kündigte und schrieb sich am Literaturinstitut Leipzig ein. Mit Christa Wolf verband sie ein intensiver Austausch. Ihr Roman Karen W. erschien 1974 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Ihr zweites Buch wurde von der DDR-Zensur gestoppt – der geplante Westverlag wurde durch einen Besuch der Stasi verhindert. Tetzner veröffentlichte daraufhin Kinderbücher, arbeitete später in der Schuldnerberatung – und schreibt heute wieder.
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