Zwischen 1920 und 1943 schrieb J. R. R. Tolkien jedes Jahr im Dezember Briefe an seine Kinder – stets verfasst im Namen des Weihnachtsmanns. Was als verspielte Geste beginnt, wird über die Jahre zu einem literarischen Ritual: Persönliche, illustrierte Nachrichten aus einer kleinen Welt, in der Polarbären durch Dächer krachen, Kobolde das Geschenkpapier klauen und der Weihnachtsmann sich über die wachsende Zahl der Kinder beklagt.
Jeder Brief wurde mit Sorgfalt gestaltet. Tolkien schrieb in verschiedenfarbigen Tinten, verwendete kalligrafische Handschriften, versah die Umschläge mit fantasievollen Briefmarken, Stempeln vom Nordpol und humorvollen Postbezeichnungen wie „Chimney Post“ oder „By Elf Messenger“. Jeder Brief ist ein eigenständiger Text – jedes Blatt, jeder Umschlag, jede Illustration ein kleines Werk für sich.
Geschichten zwischen Alltag und Fantasie
Inhaltlich berichten die Briefe vom Leben am Nordpol: vom Missgeschick des Nordpolarbären, der versehentlich die Spitze des Nordpols abbricht, von entlaufenen Rentieren, mysteriösen Höhlen oder einem verschwundenen Mann im Mond. In späteren Jahren treten Kobolde auf – manchmal als Witzfiguren, manchmal als dunklere Schatten.
Der Brief von 1939 nimmt erstmals Bezug auf den Zweiten Weltkrieg. In den Kämpfen des Weihnachtsmanns gegen die Kobolde lässt sich ein Echo jener Bedrohung lesen, die damals nicht nur politisch, sondern auch privat spürbar wurde.
Stilistisch erinnern die Briefe an Tolkiens Herr Glück: leicht, verspielt, manchmal nachdenklich. Es ist die Mischung aus Humor und leiser Ernsthaftigkeit, die den Ton prägt.
Ein literarisches Familiengedächtnis
Die Briefe dokumentieren, wie aus Erzählen Beziehung wird. Tolkien schreibt nicht, um Botschaften zu vermitteln, sondern um präsent zu sein – durch Sprache, durch Bilder, durch Geste. Die Kinder werden älter, die Briefe kürzer, der Ton wechselt. Und doch bleibt eine Kontinuität, die weniger durch Inhalt als durch Form getragen wird: der Briefumschlag, die Handschrift, der Dezember.
Die Zeitspanne dieser Briefe reicht vom Ende des Ersten bis in den Zweiten Weltkrieg. Während Tolkien noch schreibt, dient sein Sohn Michael bereits in der Armee, Christopher tritt in die Royal Air Force ein. Die Briefe spiegeln – diskret, aber lesbar – auch den Wandel der familiären und gesellschaftlichen Situation.
Vom privaten Spiel zum publizierten Buch
Ursprünglich waren diese Briefe nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Nach Tolkiens Tod 1973 galten sie als verschollen, wurden dann im Nachlass wiederentdeckt. Da Christopher Tolkien mit der Edition anderer Texte befasst war, übernahm Baillie Tolkien die Bearbeitung. Die erste Ausgabe erschien 1976 bei Allen and Unwin, später auch bei Houghton Mifflin. Enthalten war eine Auswahl der Briefe, teils bearbeitet, teils gekürzt, mit einer Auswahl von Illustrationen und Briefumschlägen.
Die jetzt vorliegende Ausgabe bringt das Material vollständig zur Geltung – in Farbe, erweitert und sorgfältig ausgestattet.
Einschätzung
Briefe vom Weihnachtsmann ist kein sentimentales Weihnachtsbuch und kein Kinderbuch im engeren Sinn. Es ist ein dokumentierter Akt der Zuwendung – leise, witzig, gelegentlich melancholisch. Wer Pathos sucht, wird enttäuscht. Wer Literatur als Form von Nähe versteht, findet hier eine seltene Mischung aus Alltagskunst und familiärer Fantasie.
Die neue Ausgabe eignet sich für Leser:innen, die das Persönliche im Literarischen suchen – und für alle, die Weihnachten nicht als Konsumfest, sondern als wiederkehrenden Moment der Aufmerksamkeit verstehen.
Über den Autor
John Ronald Reuel Tolkien, geboren 1892 in Bloemfontein, gestorben 1973 in Bournemouth, war Philologe, Erfinder von Sprachen, Schöpfer von Welten. Als Professor für Angelsächsisch in Oxford formte er seine Leidenschaft für Sprachsysteme und Mythen zu einer Literatur, die zugleich archaisch und modern wirkt. Sein bekanntestes Werk, Der Herr der Ringe, ist mehr als ein Fantasyroman – es ist eine Grammatik der Imagination.
Doch neben den epischen Erzählbögen Mittelerdes existiert eine andere Seite Tolkiens: die des Vaters, der erzählt. Die Briefe vom Weihnachtsmann zeigen diesen Tolkien – nicht als Weltenerfinder, sondern als einer, der jedes Jahr eine kleine, ausgedachte Welt erschuf, um Nähe zu stiften. Hier ist nicht der Architekt von Mythologien zu sehen, sondern der leise Praktiker literarischer Fürsorge.
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