Wenn alle schlafen, ist Tomte wach. Er geht über den Hof, schaut nach dem Pferd, dem Hund, den Hühnern. Er spricht leise – nicht zu den Menschen, sondern zu den Tieren, zum Schnee, zur Zeit.
Astrid Lindgrens Tomte Tummetott ist ein Weihnachtsbuch, das sich dem Fest entzieht. Kein Lichterglanz, keine Geschenke. Stattdessen: Kälte, Stille, Verantwortung. Der kleine Wichtel mit der roten Mütze wacht in der Winternacht – und bleibt selbst fast unsichtbar. Wer ihn sieht, hat Glück. Wer ihn nicht sieht, spürt vielleicht trotzdem, dass er da ist.
Die Sprache des Wartens
Lindgrens Text besteht aus einfachen Sätzen. Keine Dialoge, keine erklärenden Einschübe. Nur eine ruhige Stimme, die erzählt, was geschieht – und was nicht. Tomte tut, was getan werden muss. Er sorgt, tröstet, sichert. Ohne Drama. Ohne Anerkennung.
Seine wichtigste Botschaft: Der Frühling wird kommen. Das sagt er den Tieren, und vielleicht auch sich selbst. Inmitten der Dunkelheit, der Kälte, der scheinbaren Endlosigkeit der Nacht klingt das wie ein Versprechen – leise, aber verlässlich. Es ist kein Trost, der laut wird. Es ist das Wissen, dass Zeit vergeht. Und dass das Warten dazugehört.
Die Kraft der Bilder
Die Illustrationen von Harald Wiberg tragen das Buch. Ihre zurückhaltende Farbigkeit – viel Grau, viel Blau, etwas Weiß – schafft eine Stimmung zwischen Stille und Erwartung. Das Licht ist sparsam gesetzt. Schatten sind weich. Die Welt wirkt eingefroren, aber lebendig.
Wiberg malt keinen Märchenwald. Er zeigt einen Hof im Winter, ein Fenster mit Licht, Spuren im Schnee. Tomte ist klein, oft nur eine Figur am Bildrand. Und doch ist er präsent. Immer. Er ist Teil der Landschaft, Teil des Hauses, Teil der Zeit.
Das Zusammenspiel von Bild und Text gelingt selten so gut wie hier. Die Worte sagen wenig. Die Bilder schweigen nicht – sie erzählen. Und wer genau hinschaut, erkennt: Diese Nacht ist keine gewöhnliche. Sie trägt Fürsorge in sich, ohne sie zu zeigen. Sie ist kein Spektakel, sondern eine Haltung.
Weihnachten ohne Bühne
Tomte Tummetott zeigt Weihnachten nicht als Ereignis, sondern als Zustand. Es gibt keinen Höhepunkt, keine Bescherung. Das Buch beginnt in der Nacht – und bleibt dort. Doch diese Nacht ist nicht leer. Sie ist gefüllt mit Pflicht, mit Wärme, mit Geduld.
In dieser Erzählung ist Weihnachten nicht laut, sondern leise. Nicht sichtbar, sondern spürbar. Kein Lärm, keine Musik. Nur Atemwolken, Tierfelle, Mondlicht. Und ein Wichtel, der sich kümmert, weil es sonst keiner tut.
Ein stiller Klassiker
Das Buch erschien 1960 im Oetinger Verlag – und ist seither ein fester Bestandteil der skandinavischen Weihnachtsliteratur. Es wird Kindern ab vier Jahren empfohlen, ist aber auch für Erwachsene ein Trost: eine Erinnerung daran, dass das Kleine trägt. Dass nicht alles sichtbar sein muss, um zu wirken.
Die Geschichte basiert auf einem Gedicht von Viktor Rydberg, einem Klassiker der schwedischen Literatur. Lindgren hat es in eine erzählerische Form gebracht, die Kindern zugänglich ist – ohne es zu vereinfachen.
Fortsetzung
Dem Original folgte nur ein weiterer Band: Tomte und der Fuchs. Auch dort ist es Nacht, auch dort ist der Schnee gefallen. Ein hungriger Fuchs schleicht sich auf den Hof. Tomte, der stille Wächter, sieht ihn – und entscheidet sich nicht für Strafe, sondern für Milde. Er gibt dem Fuchs zu essen, schützt gleichzeitig seine Tiere. Das Buch folgt dem gleichen Rhythmus wie der erste Band: ruhig, umsichtig, zurückhaltend. Es erweitert die Welt von Tomte nicht, sondern vertieft sie.
„Es ist Nacht. Alle schlafen. Nur Tomte ist wach.“
Tomte Tummetott ist mehr als ein Bilderbuch. Es ist ein Wintertext, ein Ritual, ein stiller Begleiter durch dunkle Monate. Wer es liest, findet keinen Trubel, keine Spannung, keine moralische Lehre. Stattdessen: Ruhe. Beständigkeit. Eine Welt, in der jemand da ist – auch wenn man ihn nicht sieht.
Ein Weihnachtsbuch, das auf leisen Sohlen kommt. Astrid Lindgrens Tomte Tummetott, eindrucksvoll illustriert von Harald Wiberg, erzählt von Sorge, Zeit und Verlässlichkeit – und bleibt dabei so zurückhaltend wie seine Hauptfigur. Ein stiller Klassiker, der weiterwirkt.
Hier bestellen
Topnews
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
„Freiheitsschock“ von Ilko-Sascha Kowalczuk
Weihnachten in Bullerbü– Astrid Lindgrens Bullerbü als Bilderbuch
Kein Dach, kein Zuhause – The Family Under the Bridge und das andere Weihnachten
Zwischen Vers und Verwandlung – Fitzebutze als poetische Kindheitsform
Elizabeth Shaw: Der kleine Angsthase
Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch von Sven Nordqvist
Unsere Weihnachts-Buchtipps für Kinder
Weihnachtsbuchklassiker für die jungen Leser
Spuren im Weiß – Ezra Jack Keats’ „The Snowy Day“ als stille Poetik der Kindheit
Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat von Dr. Seuss
So ein Struwwelpeter von Hansgeorg Stengel & Karl Schrader
Jostein Gaarders: Das Weihnachtsgeheimnis
Briefe vom Weihnachtsmann von J. R. R. Tolkien
Rabimmel Rabammel Rabum – St. Martin und Laternenfest
Zeit für Geschichten: Klassische Kinderbücher für eine magische Weihnachtszeit
Nussknacker und Mausekönig von E.T.A. Hoffmann
Aktuelles
„Druckfrisch“-Sendung vom 18. Januar 2026: Spiegel-Bestseller-Sachbuch
„Druckfrisch“ vom 18. Januar 2026
Literatur, die nicht einverstanden ist
Salman Rushdie bei der lit.COLOGNE 2026
Der Sohn des Wolfs – Jack Londons frühe Alaska-Erzählungen
Warum uns Bücher heute schneller erschöpfen als früher
Wolfsblut – Der Weg aus der Wildnis
Manfred Rath :In den Lüften
Ruf der Wildnis – Der Weg des Hundes Buck
Manfred Rath: Zwischen All und Nichts
PEN Berlin startet Gesprächsreihe über Heimat in Baden-Württemberg
Der Seewolf – Leben und Ordnung auf offener See
Goldrausch in Alaska – Wege, Arbeit, Entscheidungen
Crown and Bones – Liebe kennt keine Grenzen von Jennifer L. Armentrout – Der Moment, in dem Macht persönlich wird
Flesh & Fire von Jennifer L. Armentrout – Vom heiligen Schleier in die Welt der Konsequenzen
Rezensionen
Blood and Ash – Liebe kennt keine Grenzen von Jennifer L. Armentrout - Eine Auserwählte, die aufwacht
Die weiße Nacht von Anne Stern – Berlin friert, und die Wahrheit bleibt nicht liegen
Woman Down von Colleen Hoover – Wenn Fiktion zurückschaut
To Break a God von Anna Benning – Finale mit Schneid: Wenn Gefühl Politik macht
To Love a God von Anna Benning – Wenn Lichtstädte Schatten werfen
Funny Story von Emily Henry - „Falsche“ Mitbewohner, echter Sommer, echte Gefühle