Es kommt selten vor, dass ein deutschsprachiger Roman im englischsprachigen Raum eine derartige Welle schlägt – und noch seltener, dass die Reaktionen über bloßes literarisches Wohlwollen hinausgehen. Daniel Kehlmanns Roman Lichtspiel, in den USA unter dem Titel The Director erschienen, hat diese Ausnahme geschafft. Seit dem 6. Mai 2025 häufen sich in amerikanischen Medien Rezensionen, die das Buch nicht nur als literarisches Ereignis, sondern als politisches Signal deuten.
Die Aufmerksamkeit, die Kehlmanns Roman derzeit erfährt, reicht von der New York Times über The Atlantic bis zur Washington Post. Die Besprechungen sind ausführlich, zum Teil hymnisch, und selten wurde ein europäischer Roman in derart direktem Zusammenhang mit dem Zustand der amerikanischen Gegenwart gelesen. Dass das Buch überhaupt als „Spiegel unserer Zeit“ begriffen wird, liegt nicht nur an seiner meisterhaften Konstruktion, sondern auch an einem historischen Stoff, der unbequeme Fragen stellt, ohne sie zu erklären – und genau darin liegt seine Kraft.
Georg Wilhelm Pabst: Aufstieg, Flucht, Rückkehr
Im Zentrum steht Georg Wilhelm Pabst, Regisseur von Klassikern wie Die freudlose Gasse oder Die Büchse der Pandora, ein Mann, der die Weimarer Republik filmisch mitprägte und dann – wie so viele – vor den Nationalsozialisten floh. Anders als viele kehrte Pabst jedoch zurück. Er drehte zwar keine offenen Propagandafilme, arbeitete aber im NS-System weiter. Ein ambivalenter Rückzug ins Licht.
Kehlmann interessiert sich weniger für Heldenmut als für Nuancen: Wie viele kleine Kompromisse braucht es, um am Ende tief verstrickt zu sein? Und wie klingt das Echo dieser Kompromisse in heutigen Künstlerbiografien? Die moralische Frage steht im Zentrum – und sie wird nicht als These, sondern als Strukturvorgabe gestellt. Man rutscht ab. Langsam. Und es gibt keine saubere Linie, keinen rettenden Sprung zurück.
Die Amerikaner lesen mit gespitztem Ohr
Besonders die Washington Post betont, wie präzise Kehlmann historische Details mit erzählerischer Raffinesse verwebt. Episodenhafte Kapitel, die sich zu einem Mosaik fügen, stilistisch geschliffen, inhaltlich unbequem. Es ist kein Zufall, dass amerikanische Kritiker die Figur des Joseph Goebbels – in Kehlmanns Darstellung ein intellektuell unterfütterter Demagoge mit zynischem Talent – mit aktuellen politischen Akteuren vergleichen. Nicht nur, aber auch Donald Trump, dessen Wiederwahlkampagne unübersehbar den kulturellen Resonanzraum dieses Buches mitprägt.
In einem Fernsehinterview mit CNN erklärte Kehlmann, die Parallelen hätten sich nicht aufgedrängt, sie seien einfach dagewesen. Die amerikanische Kulturindustrie – so scheint es – will das Buch vor allem als Warnung lesen. Robert De Niro tut das in Cannes ganz öffentlich und vergleicht The Director mit Klaus Manns Mephisto, ebenfalls ein Roman über die Preisgabe moralischer Integrität im Tausch gegen ästhetische Karriere.
Literatur als Kommentar – und als Spiegel
Man kann all das für eine etwas arg eifrige Politisierung von Kunst halten. Aber man kann auch feststellen: The Directorfunktioniert auf mehreren Ebenen. Er ist ein Roman über Filmästhetik – wie Kehlmann Pabsts Schnitttechnik in seine Erzählstruktur übersetzt, ist mehr als nur formale Spielerei. Es ist ein Essay über künstlerische Entscheidungsprozesse unter Druck. Und ein stiller, aber eindringlicher Abgesang auf die Vorstellung, man könne inmitten der Barbarei einfach weitermachen, als sei nichts geschehen.
Dass dieser Roman gerade jetzt, im Frühjahr 2025, in den USA erscheint, ist kein Zufall – sondern ein glücklicher Unfall der Veröffentlichungspolitik. Denn das Timing trifft einen Nerv. Die amerikanische Kultur blickt auf sich selbst, nervös, vor den nächsten Wahlen, und fragt: Wer spielt mit? Und warum?
Politische Resonanz: Amerika sieht sich selbst, Deutschland schaut auf das Handwerk
Die kontrastreiche Rezeption des Romans in Deutschland und den USA spiegelt auch die Unterschiede im politischen Klima beider Länder. Während amerikanische Kritiker The Director nahezu zwangsläufig im Lichte der jüngsten Wahl und des gesamtgesellschaftlichen Klimas nach einer autoritären Legislaturperiode lesen, zeigt sich die deutsche Kritik deutlich nüchterner – und im Zweifel näher am Text als am Zeitgeist. In Deutschland wird geprüft, wie gut Kehlmanns Figuren gebaut sind, wie tragfähig seine Dramaturgie, ob das moralische Dilemma literarisch greift.
In den USA hingegen wurde der Roman von Beginn an als Kommentar zur Lage der Nation gelesen – zur Stille vieler Intellektueller, zum Rückzug der Kulturbranche aus der politischen Arena, zur Frage, wer heute bereit ist, seine künstlerische Autonomie gegen gesellschaftliche Verantwortung abzuwägen. Der Regisseur Pabst, der sich leise in den Dienst eines Systems stellt, das er eigentlich verachtet, wird dort zum emblematischen Spiegelbild einer Gegenwart, in der das Spektrum zwischen Mitläufertum und stiller Duldung zunehmend schwerer zu trennen ist.
Deutschland diskutierte nach Erscheinung des Romans über Sprache, Struktur und psychologische Kohärenz – Amerika über Haltung, Wirkung und die moralische Reichweite künstlerischer Entscheidungen. Dass beides in demselben Buch Platz findet – das ist vielleicht Kehlmanns eigentliche Leistung. Und auch ein Hinweis darauf, wie verschieden Literatur gelesen werden kann, je nachdem, wohin gerade der Blick der Gesellschaft gerichtet ist.
Erscheinungstermin UK: The Director am 22. Mai 2025, riverrun (Quercus Publishing)
Übersetzung: Ross Benjamin
Erscheinungstermin Deutschland: Lichtspiel am 10.10.2023, Rowohlt Buchverlag
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