Joachim Meyerhoff präsentiert mit seinem neuen Roman Man kann auch in die Höhe fallen (Erscheinungstermin: 7. November 2024, Kiepenheuer & Witsch) eine bewegende Erzählung über persönliche Krisen, familiäre Beziehungen und den mühsamen Weg zu innerer Ruhe. Der autobiografisch inspirierte Roman vereint wie gewohnt Ernsthaftigkeit mit feinem Humor und beleuchtet zugleich tiefgreifende Themen wie Resilienz, Neuanfänge und den Einfluss von Kunst und Schreiben auf die persönliche Heilung.
Rückzug aufs Land – Eine Chance zur Selbstfindung
Der Erzähler, ein Mann Mitte fünfzig, befindet sich in einer existenziellen Krise. Nach einem Schlaganfall in Wien und einem misslungenen Neuanfang in Berlin, wo die Hektik der Großstadt und die Belastungen seines beruflichen Doppellebens als Schriftsteller und Schauspieler zu viel für ihn werden, zieht er einen radikalen Schlussstrich. Ein Zwischenfall bei der Geburtstagsfeier seines Sohnes markiert den Wendepunkt: Der Erzähler verlässt die Stadt und sucht Zuflucht bei seiner Mutter auf dem Land.
Die Mutter, inzwischen Mitte achtzig, lebt ein eigenständiges und lebhaftes Leben auf einem idyllischen Grundstück unweit der Ostsee. Während der gemeinsamen Wochen entwickelt sich eine besondere Dynamik zwischen Mutter und Sohn. Der Erzähler klinkt sich in den Tagesrhythmus seiner Mutter ein, arbeitet an einem Roman über das Theater mit dem Titel Scham und Bühne und beginnt, seine eigene Lebensgeschichte und die schwierigen Jahre hinter sich zu lassen. Durch die strukturierte, fast meditative Lebensweise seiner Mutter und deren unverblümte Unterstützung beginnt der Erzähler, seinen Zorn und seine Nervosität zu überwinden. (Leseprobe)
Die Kunst des Neuanfangs
Meyerhoffs Roman untersucht die tiefe Verbindung zwischen persönlicher Krise und schöpferischem Prozess. Die Entscheidung, aufs Land zu ziehen, ist mehr als nur eine Flucht vor den Belastungen der Stadt: Es ist ein bewusster Schritt in Richtung Selbstreflexion und Neubeginn. Der Prozess des Schreibens – in diesem Fall eines Theaterromans – wird zum Vehikel der Selbstheilung. Der Titel Man kann auch in die Höhe fallen verweist dabei auf das Spannungsverhältnis zwischen dem emotionalen Absturz und der Möglichkeit, durch Resilienz und Klarheit wieder aufzusteigen.
Die Beziehung zur Mutter, ein zentrales Thema des Buches, wird nicht idealisiert, sondern als lebendig, humorvoll und oft widersprüchlich dargestellt. Meyerhoff beschreibt ihre Interaktionen mit einer Mischung aus Leichtigkeit und Tiefgang. Die Mutterfigur ist eine starke, zugleich lebensnahe Präsenz, die dem Erzähler hilft, seinen inneren Kompass neu auszurichten.
Schreiben, Theater und Heilung durch Familie
Der Roman ist in vielerlei Hinsicht eine Hommage an das Schreiben und die Kunst, aber auch an familiäre Bindungen. Der Erzähler sucht nicht nur Stabilität durch den Rückzug ins Ländliche, sondern auch durch das Schreiben an einem neuen Romanprojekt. Der Arbeitstitel Scham und Bühne spiegelt dabei die zentrale Frage wider, wie das eigene Leben auf der Bühne der Öffentlichkeit interpretiert und verarbeitet wird. Die Verbindung von Schreiben und Selbstheilung wird zu einem wiederkehrenden Motiv im Buch.
Ein weiteres zentrales Thema ist der Kontrast zwischen der urbanen Rastlosigkeit Berlins und der meditativen Ruhe des Landlebens. Dieser Gegensatz erlaubt es Meyerhoff, die Unterschiede zwischen äußerer und innerer Stabilität zu untersuchen und die Bedeutung von Umgebung und Routine für die geistige Gesundheit herauszustellen.
Leichtigkeit und Präzision
Meyerhoffs unverkennbarer Stil zeichnet sich durch eine feine Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit aus. Er beschreibt die Ereignisse mit einer präzisen Sprache, die weder dramatisiert noch verharmlost. Die nüchterne Betrachtungsweise, die der Autor selbst in Interviews als essenziell für seinen Schreibprozess beschreibt, zeigt sich auch in diesem Roman: Überflüssiges wird gestrichen, die Szenen sind klar und oft lakonisch erzählt.
Typisch für Meyerhoff ist auch die humorvolle Schilderung alltäglicher Begebenheiten, die immer wieder für heitere Momente sorgen, ohne die emotionale Tiefe des Textes zu mindern. Die Figur des Erzählers wirkt trotz ihrer Schwächen und Selbstzweifel authentisch und zugänglich.
Über den Autor:
Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg (Saar), ist ein deutscher Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur. Bekannt wurde er vor allem durch seine autobiografischen Romane, die sich durch eine gelungene Mischung aus humorvoller Leichtigkeit und nachdenklicher Tiefe auszeichnen. Meyerhoff begann seine Karriere zunächst als Schauspieler und gehörte über viele Jahre zum Ensemble des Wiener Burgtheaters, wo er mit bedeutenden Regisseuren wie Claus Peymann zusammenarbeitete.
Seinen literarischen Durchbruch feierte Meyerhoff mit der Buchreihe Alle Toten fliegen hoch, in der er Episoden aus seinem Leben schildert. Dabei erzählt er von seiner Jugend in einer psychiatrischen Klinik, in der sein Vater als Direktor tätig war, sowie von prägende Stationen in den USA und Deutschland. Die Reihe fand sowohl bei Kritikern als auch bei Lesern großen Anklang und brachte ihm zahlreiche Auszeichnungen ein, darunter den Deutschen Hörbuchpreis.
Mit seinem einzigartigen Stil, der tiefgründige Themen mit einer Prise Ironie und Humor verbindet, hat sich Meyerhoff in der deutschen Literaturszene einen festen Platz gesichert. Auch seine späteren Werke, darunter Die Zweisamkeit der Einzelgänger und Hamster im hinteren Stromgebiet, wurden zu Bestsellern und zeugen von Meyerhoffs Fähigkeit, autobiografische Erlebnisse in universelle Erzählungen zu verwandeln.
Privat musste Meyerhoff schwere Schicksalsschläge verkraften, darunter ein Schlaganfall im Jahr 2018, der auch in seinem neuen Roman Man kann auch in die Höhe fallen verarbeitet wird. Heute lebt er als Schriftsteller und Schauspieler in Deutschland und widmet sich weiterhin der Kunst, autobiografische Erfahrungen in literarischer Form zugänglich und bewegend aufzubereiten.
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