Julian hat sich Großes vorgenommen: Zum 22. Geburtstag will er seiner stockkonservativen Familie endlich den „Mann an seiner Seite“ vorstellen. Seine Mutter würde aufhören, ihm ständig einen Boyfriend anzudichten, und sein Vater vielleicht den stummen Widerstand gegen Julians Sexualität aufgeben. Ein Plan mit einem kleinen Haken: Julian hat gar keinen Mann an seiner Seite.
Was wie eine brave Coming-out-Geschichte beginnen könnte, entwickelt sich bei Brezina schnell zu einer ironisch grundierten Suche nach Nähe und Identität, bei der jedes Date eine neue Demütigung bereithält. Hilfe naht – mehr oder weniger zuverlässig – von seiner besten Freundin Antonia, die ihn auf sämtliche Datingplattformen schleust, als wären sie Trainingslager fürs Herz.
Datingpannen, WG-Chaos und eine unerwartete Nachricht
Während Julian sich auf Grindr und Konsorten durch eine Parade verpatzter Treffen kämpft, erreicht ihn eine Nachricht: Tarek, ein Unbekannter, scheint ihn besser zu verstehen als alle anderen. Endlich ein Lichtblick in diesem Gefühlslabyrinth? Gemeinsam mit Antonia, die in ihrer polyamourösen Beziehung eigene Kämpfe ausficht, versucht Julian, Ordnung in sein emotionales Durcheinander zu bringen.
Doch das Schicksal, immer ein Freund komplizierter Wendungen, hat noch eine weitere Überraschung parat: Erik, ein neuer Mitbewohner in der WG, bezahlt seine Miete bar, bleibt wortkarg und verschwindet gern spurlos. Und ausgerechnet Erik entfacht in Julian Gefühle, die ihn noch mehr aus dem Konzept bringen als jede misslungene Verabredung.
Ein Roman, der nicht auf der Suche nach Normalität bleibt
„Liebe ist niemals normal“ ist alles andere als eine klassische Liebesgeschichte. Brezina erzählt von der Unordnung der Gefühle, von den zahllosen Farben, Formen und Irrwegen der Liebe. Sein Blick auf Datingkultur, Bindungsängste und moderne Beziehungsmodelle bleibt dabei liebevoll und feinsinnig, ohne je die Ironie zu verlieren. Kleine, lakonische Seitenhiebe – etwa auf Nickelback, Millionenshow-Simulationen oder Klosterfantasien nach peinlichen Dates – sorgen dafür, dass das Buch nie in wohlfeile Betroffenheit abgleitet.
Besonders reizvoll: Trotz sorgfältiger Social-Media-Recherche ist spürbar, dass hier ein Erzähler am Werk ist, der auf die Naivität der ersten Liebe nicht mehr angewiesen ist. Brezina nimmt die Unsicherheiten seiner Figuren ernst – und erlaubt sich dennoch ein augenzwinkerndes Staunen darüber, wie absurd die Suche nach Nähe manchmal sein kann.
Thomas Brezina und der Mut, die Perspektive zu wechseln
Dass der ehemalige Kinderbuchkönig nun einen queeren Roman für Erwachsene schreibt, ist weniger eine Provokation als eine logische Erweiterung seines Werkes. Statt Tabubruch setzt er auf Echtheit. Statt Sensation auf Zärtlichkeit im Umgang mit den Unzulänglichkeiten seiner Figuren. „Liebe ist niemals normal“ ist ein Roman über das Ankommen bei sich selbst – voller Witz, Wärme und einer feinen Traurigkeit, die ihn leuchten lässt.
Hier bestellen
Topnews
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff – Zuhause auf Station
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke von Joachim Meyerhoff – Scheitern als Schule des Gelingens
Alle Toten fliegen hoch – Amerika von Joachim Meyerhoff – Ein Austauschjahr, das zum Lebensstoff wird
Charles Bukowski: Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend
Susanne Fröhlich: Geparkt
Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat von Dr. Seuss
So ein Struwwelpeter von Hansgeorg Stengel & Karl Schrader
Thomas Bernhards „Holzfällen“ – eine literarische Erregung, die nicht vergeht
John Irving – Königin Esther
Vea Kaiser: Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
The Witcher von Andrzej Sapkowski – Reihenfolge, Inhalt, Motive & Netflix-Adaption (komplett erklärt)
Harry Potter und der Feuerkelch
Harry Potter und der Stein der Weisen
Die Harry Potter-Reihe von J. K. Rowling – Sieben Bände, ein literarisches Kontinuum
Kurt Prödel: Klapper (park x ullstein, 2025)
Aktuelles
Der Butt – Günter Grass
Bachmannpreis 2026: Diese 14 Autorinnen und Autoren lesen in Klagenfurt
Hundejahre – Günter Grass
Katz und Maus – Günter Grass
Die Blechtrommel – Günter Grass
Warum man diesen Sommer Günter Grass lesen sollte – und warum seine Bücher bleiben
Der Bademeister ohne Himmel von Petra Pellini: Ein Roman über Demenz, Würde und die kleinen Momente des Menschseins
Leo Tolstoi: Wie „Der Tod des Iwan Iljitsch“ das Sterben aus der Sprache der Gesellschaft befreit
Ein Erzähler des Zweifels: Norbert Gstrein erhält den Siegfried-Lenz-Preis 2026
International Booker Prize 2026: Warum „Taiwan Travelogue“ gewinnen musste
Träume aus Salz von Anika Landsteiner: Ein Roman über Verlust, Fernweh und die Frage, wie man mit Erinnerungen weiterlebt
Zwischen gestern und für immer von A. D. Wilk: Ein Roman über Verlust, Erinnerung und die Frage, ob Liebe Zeit überdauern kann
Häftling von Freida McFadden: Dieser Psychothriller spielt mit Angst, Erinnerung und der Frage, wem man glauben kann
Warum «Schlich ein Puma in den Tag» zu den außergewöhnlichsten Kinderbüchern des Jahres gehört
Wer gewinnt den International Booker Prize 2026?
Rezensionen
Der Friede im Osten: Erik Neutschs Romanzyklus als Chronik eines historischen Versuchs
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman: Ein stiller Roman über Einsamkeit, Erinnerung und das Menschsein
Die Vermessung der Leere: Georges Perecs Träume von Räumen und das Schreiben gegen das Verschwinden
Die Familie als Riss – Madeline Cashs „Verlorene Schäfchen“
Liebewesen von Caroline Schmitt: Ein Roman über Nähe, Sehnsucht und die Angst, wirklich gesehen zu werden
Der Mann ohne Gesicht: Max Frischs Stiller und die Erfindung des Selbst
Nachts ist man am besten wach von Kristina Valentin: Eine Liebesgeschichte über zweite Chancen und die leisen Stunden dazwischen
Was ich nie gesagt habe von Susanne Abel: Wenn Wahrheit nicht befreit, sondern verändert
Stay Away from Gretchen von Susanne Abel: Eine Geschichte über Erinnerung, Schuld und die Schatten der Vergangenheit
Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl: Wenn Fürsorge kippt und Stille laut wird
Im Namen der Barmherzigkeit von Hera Lind: Eine wahre Geschichte über Schuld, Urteil und die Grenzen von Mitgefühl