Wann darf sich ein Deutscher als Jude bezeichnen? Vor einigen Wochen entfachte eine Debatte, die sich mit genau dieser Frage auseinandersetzt. Angestoßen hatte sie der Schriftsteller Maxim Biller, der den Publizisten Max Czollek in einer ZEIT-Kolumne attackierte. Czollek, der hierzulande als wichtige jüdische Stimme gilt, sei gar kein Jude, so Biller. Dem Religionsgesetzt zufolge, hat er recht. Demnach ist nur jüdisch, wer eine jüdische Mutter hat. Jetzt schlagen sich diverse Kulturschaffende auf Czolleks Seite und sprechen von "Verleumdung".
Seit einigen Wochen bereits wird eine heftige Debatte um die Frage geführt, wer in einem öffentlichen Diskurs eine jüdische Sprecherposition einnehmen darf und wer nicht. Angestoßen wurde die Diskussion von einer Kolumne des Schriftstellers Maxim Biller, die Mitte August in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" veröffentlicht wurde. Biller schildert darin ein Treffen mit dem Publizisten Max Czollek, den er, im Laufe des gemeinsamen Gespräches vor der Akademie der Künste Berlin, als "Fasching- und Meinungsjuden" bezeichnete.
"Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt.", so beginnt Biller seinen kurzen, aber treffsicheren Exkurs. Wenige Wochen später nur, äußerte sich auch die Schriftstellerin Mirna Funk kritisch gegenüber Czollek und warf ihm Täuschung vor. Ebenso wie Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden. Von Beginn ab schwebt über dieser Debatte die Frage, wann sich ein Deutscher als Jude bezeichnen darf? Und welch eine Öffentlichkeitswirksamkeit mit einer solchen Bezeichnung einhergeht.
Wer darf sprechen?
Dem Religionsgesetzt - der Halacha - zufolge ist Maxim Biller im recht. Demnach ist jüdisch nur, wer eine jüdische Mutter hat, was im Falle Max Czollek, der der Sohne eines sogenannten Vaterjuden ist, nicht zutrifft. Czollek, der vor allem in medialen und öffentlichkeitswirksamen Kreisen als eine der wichtigsten jüdische Stimme im Land zählt, ist also, nach religiösem Gesetzt, gar kein Jude. Und eben hier entsteht die Spannung, der Zwiespalt. Darf ein "Vaterjude" eine öffentliche, jüdische Sprecherposition einnehmen, oder nicht? Aus Billers Text geht -schon gleich im ersten Satz ist es zu lesen - deutlich hervor, dass er Czollek vor allem dafür verurteilt, dass dieser sich als Nicht-Jude das Jüdisch-Sein als Identitätsmerkmal überzieht, als Accessoire gewissermaßen, welches dazu berechtigt, in einer bestimmten Weise aus einer bestimmten Position heraus zu sprechen.
"Haltlose Unterstellung"
In einem offenen Brief haben sich nun insgesamt 278 UnterzeichnerInnen - vor allem Kulturschaffende - mit Max Czollek solidarisiert. In ihrem Schreiben kritisieren sie eine "unerträgliche, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte fassungslos machende Debatte". Zu den Unterzeichnenden gehören unter anderem namenhafte AutorInnen wie Theresia Enzensberger, Mithu Sanyal, Sharon Dodua Otoo, Sasha Marianna Salzmann und Fabian Wolff.
In der Debatte, die einen innenjüdischen Konfliktöffentlich auslöste, erkennen die Unterzeichner vor allem eine wunderbare Chance für konservative Medien, einen "engagierten Befürworter einer pluralistischen Gesellschaft zu diskreditieren". Im weiteren sprechen sie von "haltlosen Unterstellungen", denn Czollek selbst habe niemals vorgegebene, eine jüdische Mutter zu haben. "Die Behauptung, er wolle sich eine Opferidentität erschleichen, ist damit nicht nur aufgrund der Verfolgung seiner Familie in der Shoah falsch und verleumderisch."
Max Czollek
Max Czollek ist der Enkel des kommunistischen Widerstandskämpfers Walter Czollek, der bis 1954 der jüdischen Gemeinde Ost-Berlins angehörte. Er hat das Konzentrationslager Dachaus überlebt und später in der DDR den Verlag "Volk und Welt" gegründet.
2018 erschien Czolleks Streitschrift "Desintegriert euch", in der er die Funktionsweise jüdischer und migrantischer Positionen in Deutschland kritisiert. Das Buch war ein enormer Erfolg und sorgte dafür, dass Czollek, der bisher einige Gedichte in Literaturzeitschriften sowie vereinzelt Artikel zu tagespolitischen Themen veröffentlicht hatte, einem breiteren Publikum bekannt wurde.
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