Zum 60. Todestag von Ernest Hemingway: Was uns fehlt

Heute vor sechzig Jahren starb einer der erfolgreichsten und bekanntesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Ernest Hemingway. Blickt man heute auf das Leben und Werk dieses Autors, so blickt man auf einen interessanten Dualismus: Künstlerisch ist der Einfluss Hemingways nach wie vor enorm. Menschlich war er eine reine Katastrophe.

Zum 60. Todestag: Ernest Hemingway ist nach wie vor einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Besonders junge Schriftsteller ließen sich von Hemingways lakonischen Stil inspirieren. Foto: Look Magazine, Photographer / Wikipedia

In seinen Geschichten setzte er den desillusionierten und zerbrochenen Helden an die Stelle des amerikanischen Cowboys, der lange Zeit die Identifikationsfigur schlechthin war. Hemingway schrieb für die Entwurzelten, für die Zerschossenen, für die ständig Fliehenden, die sich ohne genaues Ziel durch eine ihnen fremd gewordene Welt bewegen und denen nur noch der Stillstand ein Graus zu sein scheint. Rastlos wie Hemingways Helden, war Hemingway selbst. Boxer, Abenteurer, Hochseefischer, Großwildjäger. Ein Macho wie er, wortwörtlich, im Buche steht. Nicht nur als Romancier, sondern auch als Reporter und Kriegsberichterstatter schuf Hemingway Geschichten aus seinen Begegnungen und Erfahrungen. Und an diesen mangelte es nicht.

 

1918, der Erste Weltkrieg neigt sich dem Ende zu, meldet sich Hemingsway freiwillig als Fahrer des Roten Kreuzes. Wenige Wochen später zieht man ihm die Stahlsplitter einer Granate aus dem Bein, anschließend liegt er sechs Monate in einem Krankenhaus in Mailand. Er verliebt sich unglücklich in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky. Die Fronterfahrungen und die zurückgewiesene Liebe werden knapp 10 jähre später Thema in dem Roman "In einem andern Land" sein.

Einfluss auch auf deutsche Autoren

Hemingway, der Abenteurer, der Ruhelose. Einer der uns heute, ähnlich wie Richard Wagner oder Martin Heidegger, als höchst ambivalente und fragwürdige Gestalt erscheinen muss. Ein Macho, der Frauen ebenso wie Großwild jagt und sich für Stierkämpfe begeistern kann. Ein Macho, dessen Einfluss auf die Gegenwartsliteratur beinahe beispiellos ist. Kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts, hat eine solch starke Faszination insbesondere auf die unmittelbar folgende Schriftstellergeneration ausgeübt. Auch in Deutschland waren Autoren, die später Rang und Namen hatte, gerade zu Beginn ihrer Karriere von Hemingway begeistert.

Am deutlichsten ist dieser Einfluss wohl bei Heinrich Böll nachzulesen. Der Grund ist einfach. Böll wollte in seinen Romanen den Kriegsrückkehrer als Identifikationsfigur etablierten. Hemingway war hier das perfekte Vorbild. Es ist wenig überraschend, das man gerade in Deutschland nach 1945 aus der Suche nach Antihelden in der Literatur war. Man fand sich in Hemingways Figuren wieder, in den Zerrüttungen, die sich in einem lakonischen Stil spiegeln. Denn wenn der Krieg in einem nachwirkt, und also im Innerer ständig Kräfte am wirken sind, bleibt nach Außen hin nur wenig Raum für blumige, verschnörkelte Sätze. Hinter dem Schweigen der Zurückgekehrten schlagen sekündlich Blitze ein. Diese im Schweigen geäußerte Spannung greifbar machen, das war Hemingways, und später auch Bölls Ziel.

Literaturnobelpreis

1954 erhielt Ernest Hemingway den Literaturnobelpreis für seine Novelle "Der alte Mann und das Meer". In seiner Dankesrede veranschaulicht er sein Vorgehen während des Schreibens mit einer Eisberg-Metapher.

"Ich versuche immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, was man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker. Es liegt alles an dem Teil, der unsichtbar bleibt. Wenn ein Schriftsteller etwas auslässt, weil er etwas nicht weiß, dann ist ein Loch in der Geschichte."

Hemingways lakonischer Stil gründet auf umfangreichen Ereignissen - sieben Achtel sind erfahren, ein Achtel wird beschrieben. Primum vivere, deinde scribere - erst leben, dann schreiben - lautet eine alte Devise, die im Erregungsdiskurs des 21. Jahrhunderts bedauerlicherweise immer unsichtbarer geworden ist. Was wir von Hemingway - wie von allen großen AutorInnen - lernen können, ist, dass vielleicht die wichtigste Voraussetzung dafür, ergreifende, bedeutende Literatur zu produzieren, außerhalb des Literarischen liegt. Erzählt werden sollte nicht so sehr, was erzählt werden will, sonder was erzählt werden muss.

Die "glatte, braune Geliebte"

Dieses Müssen, diese Kompromisslosigkeit zeichnete Hemingway aus. Er war im besten Sinne das, was wir heute mit dem Begriff "authentisch" umschreiben würden. Seinen Geschichten jagte er nach, fand sie auf dem Meer, am Straßenrand, an der Front, auf Reisen. Da "authentische" Persönlichkeiten damals nicht weniger faszinierend waren als sie es heute sind, hatten die Zeitungen schnell gefallen an diesem Schriftsteller gefunden. Obgleich er sich selbst über seine Außenwirkung im klaren war, sich stellenweise für die Öffentlichkeit sogar überinszenierte, litt Hemingway enorm an den um ihn gesponnenen Personenkult. Diese Ambivalenz ist wohl auch auf die heftigen depressiven Schübe zurückzuführen, an denen er zeit seines Lebens litt. Manche Autoren schreiben ihm das Krankheitsbild bipolare Störung zu. Damit einher ging ein übermäßiger Alkoholkonsum.

Nachdem Hemingway erfolglos mit Medikamenten und Stromimpulsen in verschiedene Krankenhäuser behandelt wurde, kehrte er im Dezember 1960 zu seinem letzen Wohnsitz, ein Landhaus in Ketchum, zurück. Am 2. Juli jagte er sich eine Kugel in den Kopf. Das Gewehr, welches er hierfür verwendete, bezeichnete er bereits seit längerem seine "glatte, braune Geliebte".



 
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