Der Tomte-Sänger trifft in seinem Debut-Roman auf den Sensenmann. Und der erweist sich als trinkfester Kumpel, der dem Weltlichen aufgeschlossen gegenübersteht.
Was tun, wenn es an der Tür klingelt? Diese Frage ist für den Erzähler in "Sophia, der Tod und ich" ein zentraler Lebensbestandteil. Der passionierte Drückeberger und Faulpelz, der sich höchstens für Fußball begeistern kann, ignoriert die Türklingel in einem solchen Fall. Doch heute macht er einen entscheidenden Fehler: Er öffnet, und vor ihm steht der Sensenmann. Der Tod gönnt ihm vor seinem Ableben gerade noch drei Minuten und einen letzten Wunsch.
Der Sensenmann trinkt einen mit
Da fällt unserem Erzähler tatsächlich ein wichtiger Grund ein, um noch etwas über die drei Minuten hinaus zu leben. Er möchte noch einmal seinen Sohn Jonny sehen. Der Tod erweist sich abgesehen von der mit ihm einhergehenden Endlichkeit des Lebens eigentlich als ein ganz dufter Typ und sagt eine letzte Reise nach Süddeutschland zum Kind zu.
Dumm nur, dass im Jenseits andere Gesetze herrschen. So darf beispielsweise niemand den Tod berühren, während er gerade einen Todgeweihten abholt. Ansonsten ist derjenige selbst fällig, sowie er sich weiter als 400 Meter vom Tod in Aktion entfernt. Ausgerechnet Sophia, die burschikose Ex-Freundin des Erzählers, platzt in die Verhandlungen zwischen dem Erzähler und dem Tod und fängt sich den Fluch ein.
Gezwungenermaßen machen sich Sophia, der Tod und der Erzähler gemeinsam auf eine Odyssee, um Jonny ein letztes Mal zu sehen. Nach etlichen Abenteuern und einem gewaltigen Zug durch die Gemeinde, an dem insbesondere der Tod großes Vergnügen findet, trifft das Trio auf die Mutter des Erzählers und sind - der Todesfluch, Sie erinnern sich? - fortan ein Quartett.
Thees Uhlmann erhebt den Zeigefinger - und bestellt Bier
Die skurrile Landpartie endet darin, dass der Erzähler Versäumtes nachholt, sich an Vergessenes erinnert und schließlich nach einem vergleichsweise kurzen, aber erfüllten Leben sterben kann. Dass dies nicht zu sehr ins Triviale abgleitet, liegt am Tod. Der hat nämlich auf dem bierseligen Roadtrip zwischen Himmel und Hölle verdammt viel Spass.
Fazit: "Sophia, der Tod und ich" liest sich, als würde Thees Uhlmann nebenbei eine Anekdote vom Stapel lassen. Die ulkige Reisegruppe, zu der nach kurzer Zeit auch die Mutter des Erzählers gehört, ist ein wandelnder Krisenherd an Charakteren. Mithilfe der Kindheits-, Beziehungs- und Verantwortungstraumata des Protagonisten, die auch seine Mitstreiter umwabern, arbeitet er seine Vergangenheit auf, ohne den Leser zu nerven. Im Gegenteil: Da wird die überfürsorgliche Mutter vom Tod umgarnt (der plötzlich den Galan zu geben weiß), die Ex-Freundin duelliert sich zu allen und jeden Lebenssituation verbal mit dem Helden und alles wird von alkoholisierten Lebensweisheiten zusammengekittet. Kurzweilig, zum Schreien situationskomisch und absolut lesenswert. Für die Bevölkerung nördlich der Elbe ist der Roman oder das vom Autor selbst gelesene Hörbuch ohnehin Pflichtlektüre: Kenner des Hamburger Schnacks ziehen noch einige nordische Extralacher heraus.
Topnews
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Die völlig andere Zombie-Invasion
Lohnt sich das Buch zur TV-Serie?
So viel Spaß macht die Apokalypse
Das Lieblingsbuch des Literarischen Quartetts
Das Alptraumschiff mit Sebastian Fitzek
Hjorth & Rosenfeldt treiben die Spannung auf die Spitze
Der programmierte Rufmord
Sebastian Fitzek glüht "Das Joshua-Profil" vor
Ein Himmelfahrtskommando zum Ablachen
Mutmachbuch für Machos
Jenseits der Bosheit
Ein entsetzliches Vergnügen
Faszinierende Zeitreise zu den Tudors
Erwartet Unerwartetes
Das Orakel vom Berge Rezension | Philip K. Dick – The Man in the High Castle & Alternative History
Aktuelles
Worte in der Wüste
Wolf-Ulrich Cropp
Brummel und der liebe Gott
Dieter Blunk
Weil sie lügt von Caroline Seibt: Ein Psychothriller über Wahrheit, Manipulation und die dunklen Folgen einer einzigen Entscheidung
Jan Fleischhauer: Du bist nicht allein – Wenn die Mehrheit schweigt
Die Mitternachtsreise von Matt Haig: Eine berührende Geschichte über Reue, Liebe und die Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht
Yesteryear von Caro Claire Burke: Der Roman, der den Tradwife-Trend auf den Prüfstand stellt
Mikhail Zygar: Die Zukunft, die nie kam – Rezension des Sachbuchs über den Zerfall der Sowjetunion und Putins Russland
Bernhard Kegel: Rettung durch schnelle Evolution. Warum Arten unerwartet überleben – Die Natur antwortet
Hurra, der Sommer ist da
Ulf Poschardt: Bückbürgertum – Die Republik im Rückzug
Die gute Tochter von Karin Slaughter: Ein Thriller über Trauma, Familie und die Gewalt, die niemals verschwindet
Sebastian Fitzeks „Die Einladung“ wird 2027 als Theaterproduktion auf Tournee gehen
Das Buch Henoch: Die zensierte Apokryphe der Bibel – Rezension: Zwischen religiösem Geheimwissen und populärer Geschichtserzählung
Selfpublisher-Umfrage 2026: Neue Einblicke in die Entwicklung des Selfpublishings
Petra Morsbach: Orion
Rezensionen
Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello von Melanie Pignitter: Eine Reise nach Italien – und zurück zu sich selbst
Die Kinder des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Der Roman, in dem die Dune-Saga ihre wahre Dimension entfaltet
Nathan Devers erzählt in „Gegen sich selbst denken“ von der Freiheit der Philosophie – und von einer Sprache, die den Glauben überlebt
Dunkle Sühne von Karin Slaughter: Ein düsterer Thriller über Schuld, Gewalt und die Geheimnisse einer Kleinstadt
Der Herr des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Die geniale Fortsetzung, die den Mythos des Helden zerstört
Dune von Frank Herbert: Warum dieser Science-Fiction-Klassiker bis heute das Genre prägt
Wer wärst du ohne deine Sorgen? – Martin Wehrle sucht den Ausgang aus dem Gedankenkarussell
John Fowles’ „Magus“: Der Roman, der seinen Lesern misstraut
Positive Psychologie von Johanna E. Kappel: Kann positives Denken das Leben wirklich verändern?
Die 4-Stunden-Woche von Tim Ferriss: Das Buch, das unsere Vorstellung von Arbeit und Freiheit verändert hat
Elisa Hoven: Feine Risse – Schuld, Wahrheit und die Grenzen des Urteils
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
Die Frauen, die bleiben – Rafik Schamis spätes Mosaik der Erinnerung
Powerless – Die Flucht von Lauren Roberts: Die düstere Fortsetzung der BookTok-Sensation