Perserbriefe 1971 - 1981 (4. Teil)

Anna Regina Macula

Es handelt sich hier um Briefe, die eine Studentin aus Isfahan, Roxana, an ihre Schwester Fatima, ihre Familie, ihre beiden Brüder, Abu und Ali, sowie ihre Freunde in Deutschland schrieb und um die Antworten, die sie erhielt. Sie bekam vom DAAD ein Stipendium, um ihr Romanistik- und Germanistik-Studium in Bonn Anfang der 70er Jahren fortzusetzen und eine Doktorarbeit über Montesquieu und die orientalischen Frauen zu schreiben. Geschildert wird ihr Lebenslauf an der Alma Mater in Bonn, ihre Reisen durch Deutschland und nach Paris, wo ihre jüngere Bruder Ali Medizin studiert. Es ist das erste Mal, dass sie ihr Land verlässt und den Okzident besucht, ihre Eindrücke schildernd.


Roxana aus Bonn an Fatima in Isfahan



Zeitgeschehen

Am 23. Juni 1971 einigen sich die Sechs Europäer unter der Leitung von Frankreich, Deutschland und Italien in Luxemburg mit Großbritannien über den Beitritt dieses Landes zur EG. Die Bonzen erweitern ihre Profit- und Ausbeutungsgemeinschaft. Freier Waren- und Kapitalverkehr nebst unbeschränkter Pressung aller Lohnempfänger.


Liebe Fatima

Wie unglücklich bin ich doch! Hier ist in diesen ersten Wochen in Bonn jedenfalls alles schief gelaufen. Am liebsten käme ich gleich wieder nach Isfahan zurück! Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie kalt und böse in Bonn die Menschen sind, hauptsächlich die Älteren. Als ich gestern im Kaufhof ganz in der Nähe der Universität einkaufen wollte, hatte ich ein schlimmes Erlebnis. Eine wildfremde ältere Frau beschimpfte mich als “Kanake” und Türkin, die hier nichts verloren habe und drängelte sich an der Kasse vor. Ich war so verdutzt, dass ich ungläubig um mich sah und da alle, die da standen, entweder hämisch oder teilnahmslos aus ihren feisten weißen Visagen grinsend auf mich herabsahen, ließ ich die alte Frau vor, zahlte, als ich an der Reihe war, ohne ein Wort zu sagen und vergaß sogar in der Aufregung meine Einkaufstüte. Ich weinte vor ohnmächtiger Wut, völlig aufgelöst.

Irgendein blonder junger Mann mit runder altmodischer Nickelbrille und leicht rötlichem Bart kam mir nachgerannt und trug meine Tüte. Er wollte sich vermutlich für die anderen, seine Landsleute, entschuldigen. Doch ich hörte ihm gar nicht zu, sah ihn noch nicht einmal richtig an, obwohl er mir mit seinem blonden leicht lockigen Haar nicht unsympathisch war. Er sprach ganz schüchtern und leise und begleite mich, meine Einkaufstüte tragend, durch den ganzen Hofgarten. Am Studentinnenwohnheim angekommen, nahm ich wortlos meine Tüte. Vor der Eingangstür lies ich ihn einfach stehen, ohne mich zu bedanken. Gleich darauf tat er mir leid, doch ich traute mich nicht umzukehren. Ich war wie unter Schock, hatte verschmierte und verweinte Augen.

Was meine Einschreibung an der hiesigen Bonner Universität betrifft, ich hatte mich ja in der Deutschen Botschaft in Teheran für Germanistik, Geschichte und Philosophie bei der Stipendienvergabe angemeldet. Jetzt tauchten auf einmal unerwartete Schwierigkeiten auf. Ich käme zwei Wochen zu spät sagte man mir im Universitätssekretariat. Zig Formulare musste ich ausfüllen, durch die Botschaft meine iranischen Schul und Universitätszeugnisse aus Isfahan und Teheran noch einmal ins Deutsche übersetzen und danach durch einen beeidigten Übersetzer beglaubigen lassen. Auch bei der Ausländerpolizei bin ich schon gewesen und habe dort stundenlang vor einem Schalter in einer endlosen Schlange auf ein Formular gewartet. Da ich die Immatrikulationsbestätigung und Wohnheim-bescheinigung noch nicht hatte, schickte man mich, als ich endlich an der Reihe war, unwirsch einfach wieder weg. Niemals hätte ich mir die Deutschen und Deutschland so vorgestellt. Im Iran wirkten sie doch so freundlich und aufgeschlossen! Ich bin schrecklich enttäuscht und deprimiert.

Wie ich sie auf einmal verabscheue, diese bleichen Visagen. Woher kommt nur dieser geifernde Hass der alten Dame gegenüber denjenigen, die eine etwas dunklere Hautfarbe haben als sie und sich vielleicht nicht so flüssig in der deutschen Sprache ausdrücken können? Immer wieder, auf der Straße, wie bei den Behörden, stoße ich auf Ablehnung oder zumindest Gleichgültigkeit gepaart mit Aggressivität, auf kaum unterdrückten Hass. Nicht so sehr bei den Jüngeren und Studenten, sondern hauptsächlich bei den älteren und einfachen Menschen. Ich bin Iranerin, gerade 21, ziemlich hübsch, „rassig“ wie Renate meine Zimmergenossin meint. Ich habe mandelbraunen Augen und pechschwarzes Haar. Ich kleide mich unauffällig, zumeist in dunkelblau, schminke mich kaum, bin höflich, spreche zwar deutsch mit leichtem Akzent, aber doch fließend. Fünf Jahre habe ich in der Schule in Isfahan deutsch gelernt und drei Jahre anschließend in Teheran die deutsche Sprache studiert. Ich habe mein Lehrerinnendiplom und will nur meine Deutschkenntnisse verbessern, an der Bonner Uni studieren, Land und Leute kennenlernen und habe mich deswegen um ein Stipendium beworben.

Liebe Fatima, die Deutschen sind so ganz anders als ich sie mir vorgestellt habe, und wie ich sie aus Büchern und Zeitschriften sowie von den Lektoren in Teheran her kannte. Ich habe alles was deutsch ist stets bewundert, das weißt Du, und im Gegensatz zu dir und Ali, die deutsche Sprache der französischen und englischen stets vorgezogen. Und nun, im Land meiner Träume, im Land von Börne, Jean Paul und E. T. A. Hoffmann, verstehe ich die Welt nicht mehr und flöge am liebsten gleich morgen nach Isfahan zurück.

Woher kommt nur dieser Rassendünkel der Deutschen, dieses Überlegenheitsgefühl den Türken und Negern gegenüber? Wir sind diesen Leuten fremd, und uns Perser und Araber scheinen sie allesamt für Türken zu halten. Ist das aber ein Grund uns so abzulehnen, zurückzuweisen, ja zu bedrohen? Dabei schien es mir fast, als hätte die alte Frau im Kaufhof Angst vor mir gehabt. Ihr Hass, ihre Ablehnung, gründeten auf einer völlig falschen Vorstellung von mir. Sie schien so zierlich, gedrückt, ärmlich, verbittert. Vielleicht rührte ihre Ablehnung aus irgendeinem Erlebnis der Demütigung her. Sie wollte vermutlich nur auf mich abwälzen, was sie selbst bedrückte, wo doch alle ansonsten auf ihr herumtrampelten. Und so sie fühlte sich stark in der Menge. Im Wörterbuch schaute ich nach, was “Kanake” eigentlich bedeutet. Auf polynesisch heißt “Kanaka” ganz einfach Mensch. Die Weißen bezeichneten so zunächst alle Eingeborenen der Südseeinseln und die deutschen verwenden diese Benennung abwertend für alle ausländischen Arbeitnehmer, insbesondere Türken.

Fast hätte ich vergessen Dir zu berichten, das mich in Bad Godesberg unsere Botschafterin empfing. Sie stammt auch aus Isfahan, kannte unsere Familie dem Namen nach, ist hoch erfreut eine Landsmännin gefunden zu haben. Wir kamen gleich ins Plaudern. Ihr viel älterer Mann und Botschafter kam auch kurz zum Kaffee und scheint sogar Papa zu kennen, jedenfalls soll ich ihn grüßen. Dieser nette Empfang tröstete mich ein wenig über meine Sorgen hinweg und die Botschafterin bat mich, ihr meine Telefonnummer zu geben, damit sie ab und zu mit mir über die Heimat reden könne und um mich zu ihren Kaffeekränzchen in der Botschaft formlos einladen zu können.

Übrigens, ich habe mir hier in Bonn ein nagelneues Damenfahrrad angeschafft. Alle Studenten radeln hier und auch ich bin immer mit dem Rad unterwegs: das ist herrlich! Man fühlt sich so frei und kommt so schnell voran. Die Botschafterin wird ganz neidisch, wenn sie mich radeln sieht. Sie kann gar nicht Fahrrad fahren! Ich ziehe Hosen an oder einen weiten Rock darüber sowie einen warmen Pullover und radle und radle nach Herzenslust, auch immer wieder den Rhein entlang oder in den wunderschönen Wäldern linksrheinisch. Hier ist das etwas ganz normales für Frauen, Kinder und Männer einfach zu radeln und es gibt viele geschützte Radwege. Das ist eine Bewegungsart, die mir behagt, die mich irgendwie vom Alltagsstress befreit.

Ich küsse Dich, mein kleines Schwesterlein, vergiss mich nicht und schreib mir bald, ich sehne mich so nach Dir! Zeig’ diesen Brief bitte nicht Mamma oder Papa, schon gar nicht Omar. Ali habe ich von hier aus einen Brief nach Paris geschickt. Doch genau wie Du, hat er mir noch kein Lebenszeichen gegeben.

Bitte schreibe mir bald! Deine Roxana.



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