Die Ermordung der Instagram-Künstler*innen

Bernd Bloß

Die Instagram-Profile unserer unzähligen „Künstlerinnen und Künstler“ zeigen deutlich, wie hilflos diese armen Menschen den Sozialen Medien ausgeliefert sind. Scheint es doch so, als müssten sie, diese armen Künstlerchen, sämtliche Gadgets, Features, Filter und Variationen immer sofort nutzen, als würden sie also von diesen Gadgeds, Features und Filtern immer sofort eingenommen, und von den lustigen und aufregenden Spielereien sofort in ein Abhängigkeitsverhältnis gezogen werden. Die Neuen Gadgeds und Filter und Modifikationsangebote der Sozialen Medien unterwerfen tagtäglich unzählige „Künsterlinnen und Künstler“, indem diese ihre veränderten und modifizierten und witzig verzierten Gesichter täglich, beinahe stündlich, in die – künstlerisch immer völlig unbedeutende – Instagram-Sphäre schicken, und somit die Ahnung bestätigen, dass sie selbst, diese „künstlerischen“ Menschen, den Glauben an die Notwendigkeit ihrer eigenen Arbeit vollkommen verloren haben. Selbstaufgabe hinter einem Katzengesicht, welch eine lustige Selbstenthauptung, der wir alle – tosend applaudierend - teilhaftig werden dürfen.

Mit diesen – sie werden sagen: immer nur ironsich gemeinten – Selbstmodifikationen, die (auch das werden sie sagen) natürlich immer auch eine Kritik in den endlosen Weiten der Kritikerinnen und Kritiker - Kritiken, doch in Wahrheit längst dort drinnen verloren gegangen und also wertlos geworden sind, versuchen sich unsere armen Künstlerchen selbst zu erhalten: „Noch schauen sich 1500 Leute täglich meine Story an, doch ich selbst weiß längst (und ich weiß, sie wissen es auch), dass all das dort Gezeigte so unendlich unbedeutend und längst dem Aussterben übergeben worden ist. Noch sehen sie zu! Schauen wie ich sterbe!" Und sie werden weiterhin zusehen, bis zum letzten Filter, bis zur letzten niederträchtigen Modifikation, bis zur entgültigen Selbstenthauptung, bis zum letzten Hieb, bis das letzte Neue ausprobiert und mit ihnen geteilt wurde. "Noch sehen sie zu! Noch gieren sie nach dem Schwachsinn, noch wollen sie sich vor sich selbst blamieren, selbst geißeln, noch sehen sie zu! Noch spühlen sie mich und sich hinunter, noch sinken wir gemeinsam, noch sehen sie zu!"

Ein Selbsterhaltungsversuch im Wissen darum, dass die Selbsterhaltung keinerlei Legitimation hat. Wozu da sein, wozu bleiben? Es ist der/die längst auf dem Boden Aufgeschlagende, der/die sich nichts anderes wünscht, als sich immer wieder fallen zu sehen. Denn in der Tat: Die Künstlerchen wissen natürlich um den Überfluss und der Blödsinnigkeit ihrer modifizierten Gesichter, und sie wissen auch, dass jedes weitere modifizierte Gesicht immer auch eine weitere Schaufel Sand auf ihrem eigenen Grab bedeutet. Leider sind unsere Künstlerchen zu schwach, zu kraftlos. Sie sind zu kraftlos, um sich ihren eigenen Überfluss einzugestehen, und so schaufeln sie also weiter, bis zur letzten Schaufel, und hoffen mit jeder weiteren Schaufel, dass eine Zeit kommen wird, in der die Selbstaufgabe, die Selbstenthauptung, das Zuschütten des eigenen Grabes also, dieses Fest der Blödsinnigkeit, nicht mehr nur zelebriert, sondern ernst genommen wird. Dies ist die heimliche Hoffnung unserer "Künstlerinnen und Künstler": das man ihren stillen Selbstmord endlich einmal ernst nimmt. Und weil sie selbst nicht mehr in der Lage dazu sind, geeignete Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, unterwerfen sie sich vollends und mit einer unvorstellbaren Radikalität einem idiotischen System, welches diesen ihren Selbstmord natürlich nicht "ernst" sondern immer nur "idiotisch" und immer "idiotischer" erscheinen lässt. Unsere "Künstlerinnen und Künstler" wissen um ihre eigene Bedeutungslosigkeit und um ihre eigene Blödsinnigkeit, aber sie wissen nicht, wie sie damit umzugehen haben. Und nur aus Überforderung greifen sie zur Schaufel und begraben sich jeden Tag weiterhin selbst, indem sie jeden Tag ein weiteres ihrer modifizierten Gesichter zur Schau stellen und also immer weiter schaufeln. Sie schaufeln weiter und werden weiterhin behaupten, dass dieses ihr Geschaufle nur ein ironisch und immer kritisch gemeintes Schaufeln ist, und dass sie also, wenn schon Leichen, so doch kritische und ironische Leichen sind.

Es ist im Grunde alles gesagt worden und längst bekannt: Die Sozialen Netzwerke sind nichts anderes als riesige, unüberschaubare "Künstler und Künstlerinnen" - Friedhöfe, auf denen sich diese "Künstler und Künstlerinnen" pausenlos selbst begraben. Selten kommt es dann vor, dass Galeristen und "Förderer" über den Friehof streifen, um, sozusagen, „noch eine Schippe draufzulegen“. Was hingegen häufig, ja ununterbrochen, vorkommt ist, dass"Kulturbegeisterte" und "kulturell Interessierte" über den Friedhof streifen. Pausenlos spaziert das Kulturpublikum über unseren Friedhof, um die täglich neu zugeschaufelten Künstler-Gräber festzutreten. Die Künstlerchen modifizieren ihre Gesichter, und schaufeln ihre Gräber zu, und das Publikum betrachtet diese modifizierten Gesichter, und tritt den frisch auf das Grab geschaufelten Sand fest. Die Künstlerchen warten auf das Festtreten ihres Sandes und schaufeln fleißig und wie vom Selbstmord besessen weiter, und das Kulturpublikum schaut weiterhin, ebenso von der Selbstermordung der "Künstler und Künstlerinnen" besessen, die Storys der Künstlerchen an, um auch den neuen, frisch aufgeworfenen Sand aufs Neue festzutreten. Der gesamte Kulturbetrieb ist im Grunde ein einziges Begräbnis, eine einzige, einwandfrei funktionierende, Maschinerie des lebendig Begrabens. Und das eigentlich furchtbare ist, dass niemand sagen kann, wann dieses Begräbnis sein Ende finden, wann die letzte Leiche also endgültig begraben und somit endgültig der Verrottung übegeben werden wird. Die Künstlerinnen und Künstler schaufeln ins Schwarze hinein. Und sie werden weiterhin ins Schwarze hinein schaufeln, solange sie zulassen, dass das, über den Friedhof spazierende, Kulturpublikum an diesen ihren Selbstbegrabungs-Prozessen teilhaftig sein kann.

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