Als Roger Willemsen 2016 verstarb, hatte er das von ihm geplante Buch für und über die Musik noch nicht begonnen. Nun veröffentlichte der S.Fischer Verlag posthum einen Band, der einzelne Töne, Analysen und Betrachtungen zu diesem Thema versammelt. Texte, aus dem Dateiordner „Musik“, den die Herausgeberin Insa Wilke im Nachlass fand.
Kolumnen, Radiomoderationen, Texte aus CD Begleitheften, Zeitungsartikel und Essays. „Musik! Über ein Lebensgefühl“ zeig auf gut 500 Seiten die enorme Faszination, die Wärme und das Feingefühl, mit welchem Willemsen nicht nur der Musik gegenübertrat. Eine Faszination, die er so ausgezeichnet verstand in seine Sätze zu legen, eine Wärme, die man aufkommen spürt während man diese liest und das Feingefühl schließlich, welches dadurch transportiert wird. Es sind weniger die besprochenen Interpreten und Stücke, die diese Texte ausmachen. Vielmehr ist es Willemsens Akribie, in Tonalitäten, Pausen und musikalisch erschaffende Räume einzutreten, sich in ihnen umzuschauen, sie abzuklopfen und auszumessen. Immer wieder findet er dabei einzelne Bruchstücke, funkelnde Accessoires, die man im Schritttempo nur allzu schnell übersieht. Willemsen analysiert nicht mit kaltem Blick, er bewundert mit ruhiger Freude, die unmissverständlich aufzeigt, dass es sich hierbei um eine Herzensangelegenheit handelt.
Der selbe Enthusiasmus, mit dem Roger Willemsen über die Enden der Welt, über seinen Knacks und über den Bundestag schrieb, wird auch hier in jedem einzelnen Satz spührbar. Kommunikation war für Willemsen immer der Versuch, Einsamkeiten zu überwinden. Es lag ihm daran. Und gerade hier, wo ein Element der Überwindung, die Musik, kommuniziert wird, kommt man nicht umhin von Liebe zu sprechen. Denn vielleicht ist es der Musik gegenüber eine liebende Geste, sie nicht im wissenschaftlichen Sinne zu dechiffrieren ("die Geheimsprache der Musikwissenschaft"), sondern zu versuchen eine Sprache zu finden, die eine eventuell entstandene Wunde, eine Empfindsamkeit transportieren kann. Das bedeutet auch anstelle eines „Ich höre dies und das!“ ein „Kannst du es auch hören?“ zu setzen. Dieser Versuch, so hat man das Gefühl, klingt bei jeder der hier versammelten Betrachtungen als Selbstverständlichkeit mit.
Auf der Trauerfeier für Roger Willemsen am 22.02.2016 erklangen Keith Jarretts Blame It on My Youth und Bill Evans’ Peace Piece. Letzterem widmete Willemsen auch im Buch ein wunderbares Kapitel. Er höre die Komposition mit Absicht selten – "um sie nicht abzunutzen, um sie nie ganz auswendig zu können". Hier sprach jemand in tiefer Verneigung und mit größtem Respekt über die unerschöpfliche Kraft der Musik.
Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl; hrsg. von Insa Wilke; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018; 512 S., 24,– €
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