Wenn das der Führer sähe… Was damals Unrecht war - ist es heute umso mehr

Aktuell und Bewegend: Zur Leipziger Buchmesse erscheinen als Gesamtausgabe Teil 1 und 2 des Buchs „Wenn das der Führer sähe…“ der Berliner Autorin Jacqueline Roussety Schon der erste Teil, 2015 vom Verlag frankly veröffentlicht, überzeugte durch detailliertes Wissen und anrührende Beschreibung.

LBM16
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  	  	Führer
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  	  	Fahnenflucht
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  	  	Schule
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  	  	Rezension
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  	  	Walter Gröger
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  	  	Jacqueline Roussety
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  	  	Weltkrieg
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  	  	Acabus Verlag
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  	  	Hans Karl Filbinger
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  	  	Todesstrafe
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  	  	Krieg
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  	  	ISBN 978-3862824069
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  	  	Richter
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  	  	Frankly
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  	  	Roman
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  	  	Empfehlung der Redaktion
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  	  	Opfer
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  	  	Adolf Hitler
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  	  	Wenn das der Führer sähe
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Cover Das Buch „Wenn das der Führer sähe…“ kommt zur rechten Zeit und sollte Pflichtlektüre in jeder Schule sein.

Roussety skizziert das kurze Leben des Marinesoldaten Walter Gröger – einigen Lesern sicher bekannt als letztes Opfer der menschenverachtenden NS-Rechtsprechung von Marine-Richter Hans Karl Filbinger, später Ministerpräsident Baden-Württembergs (1966 bis 1978 ).

Walter Gröger wurde wegen angeblicher Fahnenflucht im März 1945 zum Tode verurteilt. Wer war dieser junge Mann, der nur 22 Jahre alt wurde, der eine Vergangenheit hatte, aber keine Zukunft bekam. Wer war seine Familie, und warum kreuzten sich auf so tragische Weise die Wege die Leben von Walter Gröger und Hans Karl Filbinger Filbinger, im zweiten Weltkrieg Richter am Militärgericht und hier an mindestens 234 Marinestrafverfahren beteiligt, 169-mal als Vorsitzender Richter, 63-mal als Ankläger. In vier Fällen ging es um Todesstrafen.

Vor rund zehn Jahren begegneten sich die zwei Frauen zum ersten Mal: Grögers Schwester Johanna (Jahrgang 1928) aus Schlesien und die Autorin Jacqueline Roussety aus Berlin. Aus einer Begegnung wurden unzählige Gespräche – über viele Monate hinweg. Die alte Dame musste unermüdlich in diesem „national neu erwachten Deutschland“ die Geschichte vom ungerechten Tod ihres Bruders erzählen.

Walter Gröger wuchs im schlesischen Mohrau auf. Roussetys gelingt es, dieses kleine Dorf wieder zum Leben zu erwecken. Man kann das quirlige Leben sehen, die Jahreszeiten fühlen und schmecken und die schlesischen Bräuche miterleben.

Auf knapp 800 durchweg spannenden Seiten geht Roussety den Fragen auf den Grund. Wie konnte aus dem Jugendtraum vieler jungen Deutschen so ein Alptraum werden? Wie hat diese Ideologie viele Menschen verändert und aus Freunden Feinde gemacht? Oder mit den Worten der Ich-Erzählerin Johanna Gröger: „Ich fragte mich unaufhörlich, warum die Erwachsenen all das so sehr gewollt hatten? All das so sehr herbeigesehnt. Vielleicht nicht meine Eltern, aber doch schon mein Bruder und so viele meiner Freunde und Nachbarn. Wo waren die, die sich als Helden fühlten?“ (S.578)

Gröger, der freiwillig in den Krieg zieht, ist voller Gier nach dem sogenannten Heldentum, aber schnell merkt er: „Wie Sklaven werden wir Matrosen schikaniert und insbesondere ich werde permanent bestraft, weil ich mich zur Wehr setze. Das, was zuerst von der HJ und dem RAD wie eine wunderbare Stulle angepriesen wurde, schmeckt nun bitter nach Blut und Tod. Mutter, Vater, ihr habt so recht gehabt! Was muss ich blind gewesen sein, zu glauben, in diesem Krieg eines Tages ein Held sein zu dürfen“. (S.591)

Gröger kommt auf das Kriegsschiff Scharnhorst, erlebt zum Glück dessen Untergang nicht, da er nach einer durchzechten Weihnachtsfeier nicht auf sein Schiff zurückgekehrt ist. Daraufhin wird er wegen Fahnenflucht gesucht, verhaftet, verurteilt und später erschossen.

Doch das soll die Familie von Walter Gröger erst lange nach dem Krieg, im Jahr 1978, erfahren. Bis dahin tappte sie Jahrzehnte im Ungewissen und hoffte auf die Heimkehr des Sohnes.

Fazit: Das Buch kommt zur rechten Zeit und sollte Pflichtlektüre in jeder Schule sein. Wie Rassismus und Größenwahn die halbe Welt in Schutt und Asche legten, Millionen Menschen das Leben kostete, und was es bedeutet auf der Flucht zu sein: all das scheint aktueller denn je. Und umso mehr erschüttern die Sätze Filbingers, mit denen er im Nachhinein versuchte, seine Taten zu rechtfertigen, noch heute: „Ich habe kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Ich habe ein gutes Gewissen.“ und „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“

Rousettys Buch ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, gegen Kriegslust, Kadavergehorsam und Herzlosigkeit. Sie nimmt uns mit auf eine bewegende Reise aus dem beschaulichen Vorkriegsschlesien bis in die Gegenwart, die immer wieder von der unbewältigten Vergangenheit eingeholt wird. Ein Buch, dass eine große Öffentlichkeit viele Leser verdient hat!

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