Bov Bjergs "Auerhaus" hat am Freitag einhellig begeistert. Doch ist das Buch für Normalsterbliche überhaupt genießbar? Lesering meint: Unbedingt!
Wer deutsche Feuilletonisten Bücher loben, ist Vorsicht geboten: Das ist oft ein Hinweis auf schwer verdauliche, weitreichend vergeistigte und nicht gerade unterhaltsam zu lesende Werke. Entsprechend selten treten am Leser vorbei Rezensiertes in den Bestseller-Listen oder gar Bücherregalen in Erscheinung.
Wenn dann auch noch das komplette Literarische Quartett "Auerhaus" von Bov Bjerg bejubelt, schrillen sämtliche Alarmglocken.
Literatur darf Spaß machen
Doch Volker Weidermann, Maxim Biller, Christine Westermann und Daniel Cohn-Bendit hatten vergangenen Freitag tatsächlich ein Buch vorgestellt, dass nicht nur literarischen Ansprüchen genügt, sondern schlicht und ergreifend riesigen Spaß macht.
Bov Bjerg entführt den Leser in eine Coming-of-Age-Geschichte im Westdeutschland der 80er Jahre. In einem Dorf schluckt der 18jährige Frieder Tabletten und wird in die Anstalt eingewiesen. Sein Freund Höppner besucht ihn regelmäßig.
Die gut situierten Eltern von Frieder sind auch nach dem Klinik-Aufenthalt besorgt und stellen ihr altes Bauernhaus als WG für ihn und seine Freunde zur Verfügung. Er soll von seinen Freunden betreut werden. Das Dorf ist vom Selbstmordversuch so schockiert, dass die Eltern von Höppner, dessen polygamer Freundin Vera sowie der verwöhnten Cäcilia der WG zustimmen. Da im Haus ständig "Our House" von Madness läuft, taufen es die Dorfbewohner kurzerhand auf "Auerhaus".
Im Auerhaus entdecken die Jugendlichen das Abenteuer der Freiheit: Als der der schwule Stricher Harry zu ihnen stößt, werden sie ausreichend mit Marihuana versorgt. Aus der Nervenklinik bringt der mittlerweile verliebte Frieder schließlich die psychotische Brandstifterin Pauline ins Auerhaus. Es wird gekifft, gefeiert, geweint und gelacht und keine Gelegenheit ausgelassen, haarsträubenden Unfug anzustellen. So fällt Frieder den Dorf-Weihnachtsbaum, sie klauen organisiert im Supermarkt und provozieren die Polizei. Über den Jungs schwebt noch dazu die drohende Einberufung zur Bundeswehr, und der Druck zum Abi wächst.
Der Tod kommt zweimal
Doch die Unbeschwertheit währt nur ein Jahr: Für einige Freunde nimmt es ein böses Ende, doch für alle bleibt die Gewissheit, dass die Zeit im Auerhaus die Zeit ihres Lebens gewesen war.
Fazit: Bov Bjerg erzählt in einem ungemein einnehmenden Plauderton eine zunächst trotz des Selbstmordversuchs von Frieder oberflächlich vergnüglich erscheinende Geschichte einer Gruppe von Heranwachsenden. Tatsächlich aber beschreibt er die tiefgreifende Verunsicherung der Jugendlichen angesichts des beginnenden Lebens, wo sie mit Homosexualität, Prostitution und Drogen konfrontiert werden und ständig Probleme mit der Polizei haben. Dazu orchestriert Bov Bjerg teils herrliche Dialoge, gespickt mit reichlich Teenager-Weisheiten. "Ich wollte mich gar nicht umbringen", teilt Frieder da zum Beispiel Höppner mit. "Ich wollte nur nicht mehr leben." Die 240 Seiten von "Auerhaus" sind in drei Stunden gelesen, aber die Wirkung hält an. Ein hervorragendes Buch!
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