Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)

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Manche Familien kennen keine Privatsphäre. Sie kennen nur Umlaufbahnen. Wer zu ihnen gehört, kreist um dieselben Erinnerungen, dieselben Kränkungen, dieselben Geschichten. In Rabih Alameddines Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) ist die Mutter das Zentrum einer solchen Welt. Laut, energisch, übergriffig und unwiderstehlich zugleich hält sie ihren Sohn Radscha in einer Nähe fest, die Schutz verspricht und Freiheit erschwert.

Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) Rabih Alameddine C.H.Beck

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Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter): Roman. National Book Award for Fiction 2025

Radscha ist Philosophielehrer, nicht mehr jung, homosexuell und noch immer in Beirut verwurzelt. Er lebt mit seiner Mutter zusammen, während draußen eine Stadt um Stabilität ringt. Bankenkollaps, Pandemie und die Explosion im Hafen von Beirut bilden den historischen Horizont des Romans. Doch Alameddine interessiert sich weniger für politische Analyse als für die Frage, wie Geschichte in das Privatleben eindringt.

Die Mutter spricht zuerst

Die Mutter ist die eigentliche Hauptfigur des Romans, selbst dort, wo sie nicht im Mittelpunkt der Handlung steht. Sie kommentiert, bewertet, kontrolliert und liebt. Ihre Gegenwart füllt Räume. Alameddine zeichnet sie als eine Figur voller Widersprüche. Sie ist fürsorglich und fordernd, komisch und anstrengend, verletzlich und herrisch.

Gerade weil der Roman sie nicht auf eine Rolle reduziert, gewinnt sie literarische Tiefe. Sie ist weder die selbstlose Mutter noch die dämonische Tyrannin. Sie bewegt sich dazwischen. Ihr Sohn bleibt an sie gebunden, obwohl er längst ein eigenes Leben führen möchte.

Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich so zum emotionalen Zentrum des Romans. Jede Bewegung Radschas in Richtung Unabhängigkeit führt zugleich zurück zu den Erwartungen und Loyalitäten seiner Familie. Die Mutter wird zu einer Kraft, die ihn prägt, begrenzt und begleitet.

Beirut zwischen Bürgerkrieg und Hafenexplosion

Beirut erscheint in diesem Roman nicht als bloßer Schauplatz. Die Stadt ist selbst eine Figur. Ihre Geschichte durchzieht jede Seite.

Der Libanon erlebt in den vergangenen Jahrzehnten eine Folge von Krisen. Bürgerkrieg, wirtschaftlicher Zusammenbruch, Pandemie und die verheerende Explosion im Hafen von Beirut bilden die historischen Koordinaten des Romans. Diese Ereignisse bleiben jedoch nicht Hintergrundrauschen. Sie greifen direkt in die Lebensgeschichten der Figuren ein.

Alameddine beschreibt eine Stadt, in der Katastrophen nicht enden, sondern sich übereinanderschichten. Jede neue Erschütterung legt ältere Verletzungen frei. Die Gegenwart kann sich von der Vergangenheit nicht lösen.

Beirut wird dadurch zu einem Speicher der Erinnerung. Die Stadt trägt ihre Geschichte sichtbar mit sich herum. Ihre Bewohner tun es ebenfalls.

Entführung, Missbrauch und sexuelles Erwachen

Die stärkste Passage des Romans führt zurück in die siebziger Jahre des libanesischen Bürgerkriegs.

Der junge Radscha wird überfallen und entführt. Ein älterer Mann namens Budi hält ihn fest. Aus dieser Situation entwickelt sich eine Beziehung, die sich einfachen Kategorien entzieht. Angst, Abhängigkeit und sexuelles Begehren vermischen sich.

Während seiner Gefangenschaft entdeckt Radscha seine Homosexualität. Gleichzeitig wird er Opfer eines sexuellen Übergriffs. Der Roman beschreibt diese Erfahrung nicht als klar abgegrenztes Trauma und ebenso wenig als klassische Coming-of-Age-Geschichte.

Gerade diese Ambivalenz verleiht den Szenen ihre literarische Kraft. Alameddine zeigt, wie schwierig es sein kann, Erinnerungen einzuordnen, die widersprüchliche Gefühle in sich tragen. Die Episode wird weder entschärft noch moralisch vereinfacht. Sie bleibt offen, unbequem und komplex.

Erinnerung als widersprüchiger Zeuge

Der Roman interessiert sich weniger für historische Fakten als für die Art, wie Menschen sich erinnern.

Erinnerungen erscheinen hier nicht als verlässliche Archive. Sie verändern sich. Sie verschieben Perspektiven. Sie verbinden Ereignisse, die zeitlich weit auseinanderliegen. Die Vergangenheit tritt unvermittelt in die Gegenwart ein.

Besonders deutlich wird dies in Radschas Blick auf sein eigenes Leben. Erfahrungen aus Kindheit und Jugend wirken bis in die Gegenwart hinein. Der Bürgerkrieg endet politisch, aber nicht im Gedächtnis.

Alameddine zeigt Erinnerung als etwas Bewegliches. Sie bewahrt nicht nur, sie formt auch um. Deshalb bleibt die Wahrheit seiner Figuren stets vorläufig.

Zwischen Autobiografie und literarischer Erfindung

Bereits der Titel spielt mit der Frage nach Wahrheit. Die „wirklich wahre Geschichte“ erweist sich schnell als literarische Provokation.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive erzählt und weist zahlreiche autobiografische Bezüge auf. Wie sein Protagonist stammt auch Alameddine aus Beirut und lebt heute in den USA. Doch der Text verweigert die Lesart als bloßer Schlüsselroman.

Stattdessen entsteht ein produktives Spiel zwischen autobiografischer Erfahrung und literarischer Gestaltung. Der Autor nutzt Erinnerungen als Material, ohne ihnen vollständig zu vertrauen. Realität und Fiktion gehen ineinander über.

Gerade darin liegt eine besondere Qualität des Romans. Er fragt nicht, ob eine Geschichte wahr ist. Er fragt, wie Wahrheit überhaupt erzählt werden kann.

Humor am Rand der Katastrophe

Trotz seiner schweren Themen ist dieses Buch oft überraschend komisch.

Alameddine arbeitet mit Übertreibungen, pointierten Dialogen und scharfem Sarkasmus. Seine Figuren streiten, missverstehen sich und produzieren Situationen, die zwischen Tragik und Farce pendeln.

Vor allem die Mutter sorgt immer wieder für komische Momente. Ihre Kommentare besitzen eine Direktheit, die zugleich verletzend und urkomisch sein kann. Der Autor scheut sich nicht, seine Figuren bewusst zu überzeichnen.

Dieser Humor dient jedoch nicht der Entlastung. Er macht die Tragik erst sichtbar. Das Lachen entsteht dort, wo Menschen mit Erfahrungen konfrontiert werden, die sich anders kaum ertragen lassen.

Komik wird so zur Überlebensstrategie. Sie schützt nicht vor Schmerz, aber sie verhindert, dass er die gesamte Erzählung beherrscht.

Ein Roman über Familie, Macht und Zugehörigkeit

Mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) ist Rabih Alameddine ein Roman gelungen, der Familiengeschichte, queere Identität und politische Erfahrung miteinander verbindet.

Seine größte Stärke liegt nicht in der Darstellung historischer Ereignisse, sondern in der präzisen Beobachtung ihrer Folgen. Der Bürgerkrieg, die Krisen des Libanon und die jüngsten Katastrophen Beiruts erscheinen als Kräfte, die in Biografien weiterwirken. Gleichzeitig erzählt der Roman von den Machtverhältnissen innerhalb einer Familie und von dem schwierigen Versuch, eine eigene Stimme zu finden.

Die Mutter bleibt dabei die dominante Figur. Beirut bleibt die verwundete Stadt. Und Radscha bewegt sich zwischen beiden Polen auf der Suche nach einer Geschichte, die ihm gehört.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieses Romans: Wie erzählt man sein Leben, wenn die Stimmen der Familie, der Geschichte und der Erinnerung immer schon vor einem gesprochen haben? Alameddine gibt darauf keine eindeutige Antwort. Er zeigt lediglich, wie Menschen weiterreden, obwohl sie wissen, dass jede Geschichte unvollständig bleibt.

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Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter): Roman. National Book Award for Fiction 2025

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