Ein Adamsapfel hebt sich. Zu groß, zu sichtbar, zu eigenständig für den Hals, in dem er sitzt. Joachim Mahlke trägt ihn nicht – er wird von ihm markiert. Noch bevor er spricht, noch bevor er handelt, ist er bereits gelesen.
Katz und Maus beginnt nicht mit einer Geschichte, sondern mit einem Blick. Und dieser Blick bleibt.
Ein Körper, der nicht in Ruhe gelassen wird
Mahlke fällt auf. Das ist sein erstes und vielleicht entscheidendes Merkmal. Der Adamsapfel zieht Aufmerksamkeit an wie ein Magnet. Die anderen Jungen sehen ihn – und machen ihn zum Maßstab.
Grass zeigt hier mit einer fast beiläufigen Präzision, wie soziale Ordnung entsteht: über Körper, über Abweichung, über das, was nicht ins Bild passt. Mahlke ist kein Außenseiter aus eigenem Entschluss. Er wird dazu gemacht.
Und alles, was folgt, ist Reaktion.
Pilenz erzählt – und verschiebt
Die Geschichte gehört nicht Mahlke allein. Sie gehört Pilenz, der sie erinnert. Und damit verändert sich alles.
Denn Pilenz erzählt nicht glatt. Er tastet, setzt neu an, relativiert, lässt aus. Seine Sätze tragen Unsicherheit. „Ich glaube“, „es könnte gewesen sein“, „vielleicht“ – Erinnerung wird hier nicht als Wissen präsentiert, sondern als Bewegung.
Und in dieser Bewegung liegt Macht. Pilenz entscheidet, wann Mahlke sichtbar wird, wann er verschwindet, wie er erscheint. Erzählen ist hier kein neutrales Medium. Es ist Ordnung.
Das Wrack unter Wasser
Vor der Küste liegt das Wrack eines gesunkenen Minensuchboots. Die Jungen tauchen dorthin. Immer wieder. Sie verschwinden unter Wasser, halten den Atem an, kehren zurück.
Dieses Wrack ist kein bloßer Schauplatz. Es ist ein Gegenraum. Unten herrschen andere Regeln. Mut wird messbar, Angst auch. Mahlke ist hier überlegen. Unter Wasser entzieht er sich den Blicken.
Doch er kann nicht dort bleiben.
Das Auftauchen bringt ihn zurück in die Ordnung der Gruppe. Und diese Ordnung vergisst nicht.
Leistung als Antwort
Mahlke beginnt zu leisten. Sportlich, später militärisch. Er versucht, das, was ihn markiert, zu überschreiben. Anerkennung zu erzwingen.
Das Ritterkreuz wird zum Ziel. Ein Zeichen, das Zugehörigkeit verspricht. Und tatsächlich: Mahlke erhält es. Für einen Moment scheint die Ordnung sich zu verschieben.
Aber nur für einen Moment.
Denn das Zeichen gehört nicht ihm. Es bleibt gebunden an die Struktur, die es verleiht. Und diese Struktur kann es wieder entziehen.
Katze und Maus – ein Spiel ohne Gleichgewicht
Der Titel wirkt leicht. Fast kindlich. Aber das Spiel ist ungleich.
Wer Katze ist, wer Maus, bleibt nicht festgelegt. Die Rollen wechseln. Mahlke wird gejagt – und entzieht sich. Dann wieder scheint er Kontrolle zu gewinnen.
Doch das Spiel kennt keine Ruhe. Es läuft weiter, auch wenn niemand mehr spielt.
Grass entzieht dem Leser die Möglichkeit, sich festzulegen. Es gibt keinen klaren Täter, kein eindeutiges Opfer. Stattdessen Beziehungen, die sich verschieben.
Der Blick der Gruppe
Die Jungen sind kein Hintergrund. Sie sind das System. In ihren Blicken, in ihrem Spott, in ihrer Bewunderung entsteht das, was zählt.
Der Nationalsozialismus ist präsent, aber nicht als großes Thema. Er ist in die Gruppe eingesickert. In ihre Logik, in ihre Sprache, in ihre Vorstellungen von Leistung und Anerkennung.
Grass zeigt das ohne Erklärung. Gerade darin liegt die Schärfe.
Das Verschwinden
Mahlke verschwindet. Kein klares Ende, kein eindeutiger Tod. Er ist einfach nicht mehr da.
Doch dieses Verschwinden löst nichts. Es bleibt. In Pilenz’ Erzählen, in den Lücken, in dem, was nicht gesagt wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern der Novelle: dass sie keine Auflösung bietet. Dass sie etwas offen hält, das sich nicht schließen lässt.
Erinnerung als späte Unruhe
Pilenz erzählt, weil etwas geblieben ist. Nicht geklärt, nicht abgeschlossen. Seine Erinnerung wirkt wie ein spätes Arbeiten an etwas, das sich nicht mehr ordnen lässt.
Hier berührt der Text jene Bewegung, die Grass später in Beim Häuten der Zwiebel explizit macht: Erinnerung ist kein Zugriff. Sie ist Schicht. Und jede Schicht verschiebt, was darunter liegt.
Alles ist Bewegung
Ein Hals, der sich bewegt. Ein Wrack unter Wasser. Ein Junge, der auftaucht und wieder verschwindet. Ein Erzähler, der nicht sicher ist.
Katz und Maus ist ein schmaler Text. Ein starker Text. Weil er nicht erklärt. Weil er zeigt, wie schnell ein Blick zur Ordnung wird – und wie schwer es ist, sich ihr zu entziehen.
Und irgendwo zwischen einem zu großen Adamsapfel und einem Satz, der sich nicht festlegt, bleibt eine Bewegung zurück, die sich nicht beruhigt.
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