Du läufst durch Straßen.
Straßen voller Häuser.
Große Häuser, kleine Häuser, bunte Häuser und schlichte Häuser.
Häuser mit Vorgarten, Springbrunnen und mehreren Autos in der Garage –
bis zu Mehrfamilienhäusern, wo du um einen Fahrradparkplatz kämpfen musst.
An die dazwischen wirst du dich nach wenigen Sekunden nicht mehr erinnern,
da sie nicht extrem genug sind.
Doch plötzlich hörst du Stimmen –
aufgeregt und laut –
und deine Aufmerksamkeit schweift zu einem der unauffälligen Häuser.
Dort herrscht ein heftiger Konflikt.
Worum es geht, kannst du nicht hören.
Glas und Porzellan zerbricht.
Fensterscheiben zersplittern.
Wochenlang hörst du es immer wieder.
Wie lange geht das schon so?
Die Polizei eilt zur Hilfe.
Du kennst die Leute nicht, die dort wohnen,
also gehst du weiter.
Du schaust weg.
Du schweigst.
Zu Hause erzählst du deinem Partner von jenem Haus.
Du spekulierst.
Du hinterfragst.
Du beschuldigst.
Du erzählst anderen Leuten davon.
Du erzählst ihnen deine Geschichte.
Doch du weißt gar nichts.
Welche Farbe hat das Haus?
Wie viele Fenster hat das Haus?
Stand ein Auto vor dem Haus?
Da ist nur noch dieser Konflikt.
Das ist alles, was du siehst.
Du siehst nur den Konflikt und die Scherben.
Scherben sind gefährlich –
da hält man lieber Abstand.
Geht lieber schnell weiter.
Du siehst aber nicht,
wie die Fensterscheiben repariert wurden.
Wie die Scherben zusammengekehrt und entsorgt wurden.
Wie aus Konflikt und Geschrei
Spaß und Gelächter wurden.
Du siehst nicht,
dass es hier nicht um Häuser geht.
Dass es eigentlich um einen doch so unauffälligen Menschen geht.
Dessen Fassade dem inneren Krieg nicht mehr standhielt.
Dessen Fassade ein Lückentext aus Scherben und Narben ist.
Blind füllst du den Lückentext.
Blind schreibst du deine Geschichte.
Ihre Geschichte.
Diese Geschichte bildet deine Meinung.
Und ebenso realitätsfern wie deine Geschichte
ist der Wunsch des betroffenen Menschen,
dass du deine Geschichte –
deine Meinung –
bei ihm in den Briefkasten wirfst.
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