Es ist der dritte Tag des neuen Jahres. Der Baum nadelt, die Vorsätze sind noch frisch, und irgendwo zwischen Kalenderblatt und Kaffeeduft steht die stille Frage: Wird es diesmal anders?
Doch Hoffnung hat selten etwas mit Anfang zu tun. Sie ist kein Feuerwerk, sondern ein Echo. Eine Bewegung, die aus der Erinnerung kommt, nicht aus dem Enthusiasmus. Hoffnung ist das, was bleibt, wenn das Alte noch nachhallt und das Neue noch nicht spricht.
Der Januar als Schleife
Jedes Jahr beginnt gleich: Vorsätze, Fitnessprogramme, Aufräumaktionen, ein bisschen Weltschmerz. Wir tun so, als ließe sich das Leben resetten, dabei wissen wir längst, dass alles eine Wiederholung ist. Vielleicht ist genau das der Trost: dass es immer weitergeht, auch ohne Erlösung.
Friedrich Hölderlin hat diesen paradoxen Zustand in eine Zeile gefasst, die bis heute standhält, weil sie nichts verspricht:
„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“
Das ist der Ton des Januars – kein Triumph, kein Pathos, sondern die nüchterne Einsicht, dass Gegensätze sich nicht aufheben, sondern ineinander wohnen.
Erinnerung als Treibstoff
Hoffnung ist kein Ausweg aus der Vergangenheit, sondern ihre Fortsetzung. Paul Celan, dessen Schreiben aus Verlust und Bruch hervorgeht, notierte den Satz:
„Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt.“
Hoffnung erscheint hier nicht als Gefühl, sondern als Zumutung. Etwas soll sich verändern, obwohl alles dagegen spricht. Nicht aus Optimismus, sondern aus Notwendigkeit.
Auch Samuel Beckett wusste, dass Hoffnung nichts Glänzendes ist. In Worstward Ho schreibt er:
„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“
Das ist kein Trost im klassischen Sinn. Es ist eine Haltung. Hoffnung als Bewegung im Scheitern, nicht als Ausweg aus ihm. Kein Vielleicht, sondern ein Trotzdem.
Die kurze Nacht, das lange Licht
Die längsten Nächte liegen hinter uns, und doch ist es noch dunkel. Aber die Erde hat sich bereits entschieden: Sie wendet sich dem Licht zu. Vielleicht ist das die eigentliche Hoffnung – nicht das Versprechen, sondern die Bewegung.
Emily Dickinson hat dieses Prinzip in eine der bekanntesten Metaphern der Moderne übersetzt:
„Hope is the thing with feathers / That perches in the soul.“
Hoffnung sitzt nicht am Horizont, sondern im Inneren. Sie singt, schreibt Dickinson, selbst im Sturm. Nicht laut, aber beharrlich.
Clarice Lispector hätte diese Vorstellung verstanden. Für sie lag Hoffnung nicht im Ergebnis, sondern im Bewusstsein – in jenem Moment, in dem man bemerkt, dass die Welt weiter atmet, auch wenn man selbst innehält.
Hoffnung als Haltung
Ingeborg Bachmann schrieb den Satz:
„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Das gilt auch für Hoffnung. Sie ist keine Flucht, kein Zuckerüberzug, sondern eine Form der Klarheit. Sie hält aus, dass Wiederholung kein Versagen ist und Stillstand keine Option.
Vielleicht muss man Hoffnung also neu denken: nicht als Ziel, sondern als Methode. Als Aufmerksamkeit für das, was bleibt, wenn man alles verloren glaubt. Als Fähigkeit, im Unfertigen zu verweilen, ohne es zu verklären.
Nach dem Licht
Hoffnung ist das, was man tut, nicht das, woran man glaubt. Sie steckt in der Entscheidung, weiterzulesen, weiterzuschreiben, weiterzuleben – obwohl man weiß, dass sich vieles wiederholen wird.
Die längsten Nächte sind vorbei.
Das Licht kommt langsam zurück.
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