Ein vorweihnachtlicher Stadtbesuch mit meinen Großeltern – eine Erinnerung.

Vorlesen

„Menschen hasten eilig durch Straßen und Geschäfte, immer im Glauben etwas besonderes zu ergattern und ein Schnäppchen mit nach Haus zu bringen.“

Das war früher nicht anders, als heute. Als Kind war es immer sehr aufregend, wenn es hieß, heute fahren wir in die Stadt. Schon der Gedanke an etwas Glitzer und Glimmer in den Schaufenstern ließ mein Kinderherz höher schlagen. Es war ja schon klar, dass ein solcher Besuch in einer Konditorei endete, mit viel Kuchen und Eis. Nylonstrümpfe und Klamotten haben mich nie interessiert, eher schon dieses immense Kaufhaus mit Rolltreppen. Das allein war schon eine gefühlte unendliche Reise von zu Hause in die Stadt wert.

Natürlich gab es noch nicht soviel für Kinder, weil Kinder damals nicht als Kunden galten. Also mit Bällebad und Spielecken war ja nichts. Man musste brav an der Hand bleiben oder stillstehen und ja nicht ausbüxen. Aber das ganze Drumherum und die vornehmen Menschen überall gekleidet als würden sie gleich in die Oper gehen. Ich staunte immer Bauklötze und versuchte das Getue nachzuahmen, was aber prompt mit scharfen Blicken meiner Großeltern sofort unterbunden wurde. Erwachsene sind schon manchmal komisch. Da wird alles bestaunt, ständig in die Hand genommen und mit hochtrabenden Worten kritisiert oder für außergewöhnlich gehalten. Also ich weiß ja nicht, wie man sich über Schlüpfer und Strümpfe so auslassen konnte.

Am schlimmsten war es in der Kosmetikabteilung. Es hat so gestunken, oh ich meinte natürlich gerochen, dass es einem schier den Atem verschlug. Hunderte von Cremchen und Döschen wanderten in Minutenschnelle in den Einkaufskorb. Was machen die Erwachsenen nur damit? Es blieb mir lange Zeit ein Geheimnis.

Dann ging es noch in die Schmuckabteilung zum Begutachten der neuen Zeitmesser (Uhren) sowie Ketten und Ringe. Es glitzerte und flimmerte in dementsprechenden Licht. Viele der Erwachsenen hängten sich alles Mögliche um, es erinnerte mich immer an Weihnachtsbäume mit viel Lametta.

Stunden vergingen bis es zu einem Ringkauf kam und ich wusste vor lauter Langeweile nicht, was ich tun sollte. Also entschloss ich mich zum gleichen Ritual des Behängens mit Ketten und Armbändern. Das wurde dann doch sehr schnell bemerkt und es gab sofort ein großes Gezeter der lebenden Weihnachtsbäume. Mein Gott führten die sich auf. Sogar meine kleine Hosentasche wurde akribisch kontrolliert, damit ja kein Ringlein verloren ging. Das war eine Aufregung. Bei mir im Kindergarten ging es nicht so lustig zu. Nachdem meine Großeltern nun beschlossen hatten, den Ausgang zu wählen, sah ich mich schon in der Konditorei. Doch dann fiel den lieben Erwachsenen ein, noch in die Porzellanabteilung zu wechseln.

Oh, wie grauste es mir vor dieser unübersichtlichen Abteilung. Innerlich ahnte ich schon, wie die Zeit von jetzt Mittag auf Abend wechselt. Gefühlte unendliche Zeit ging es von Kaffeekannen zu Gläsern, Nippes und Glastierchen. Ich verstand nicht, warum man immer akribisch jedes Teil umdrehte, um alles zu lesen, was da stand. Ich schaute es mir auch an und fand immer nur irgendwelche Zahlen, die ich noch nicht kannte und mystische Zeichen. Fand man nun endlich ein passendes Zeichen, ging ein oh und ah durch die Abteilung und jeder in der Nähe stehende Kunde staunte mit. In so einem Fall staunte ich natürlich auch, weil es wahrscheinlich als freundlich und nett galt. Auch das kam nicht so gut an und man verwies mich auf meinen Platz, als Kind immer den Mund zu halten, wenn Erwachsene sich äußern. Ich wusste, dass ich das machen sollte, sonst gab es weder Kuchen noch Eis.


Doch nun endlich, nachdem es meinen Großeltern gelungen war ein Figürchen aus Porzellan zu kaufen, ging es zum Ausgang.


In mir stieg die Vorfreude und meine Laune bessert sich zunehmend, je näher wir zu der Konditorei kamen. Herrlich, alleine das Eis war sensationell. Es nannte sich Fürst Pückler, wer immer das auch war, aber Eis herstellen konnte er. Später wusste ich natürlich wer dieser Herr war, als Kind war es mir einerlei.

Doch schlagartig blieb meine Großmutter stehen und schaute in die Auslage eines Hutgeschäfts. Sie war der Meinung genau jetzt und zu mittlerweile später Stunde einen Hut kaufen zu müssen und das schärfste war, das auch ich solch ein Teil haben sollte.
Mein Großvater begrüßte diesen Schritt und auf ging es in den Laden. Mein Gott, soviel Hüte hatte ich noch nicht gesehen. Einige hatten Verzierungen, die ich nicht entschlüsseln konnte, andere hatten einen ganzen Kleinzoo auf der Hutkrempe und wieder andere erinnerten an einen Garten mit Salatblättern und Beeren. Warum um Himmels willen muss man so etwas tragen.

Freudig verschwand meine Großmutter auf unbestimmte Zeit zwischen Unmengen von Hüten und ich musste mit meinem Großvater in die Herren und Kinderhutabteilung. Schon wanderten die kleinsten Hüte auf meinem Kopf, manche bedeckten das ganze Gesicht. Es wurde alles probiert, was die Auslage hergab.


Schließlich hatte ich einen auf dem Kopf und da musste er bleiben. Meine Großmutter kam mit einem Riesenteil auf dem Kopf. Er sollte wahrscheinlich gleich als Regenschirm dienen.
Nun konnten wir endlich diesen Laden verlassen, doch die Gefahren weiterer Geschäfte war noch nicht gebannt. Es kamen noch ein Buchladen, ein weiteres Strumpfgeschäft, ein Pfeifenladen und noch viele mehr. Doch die Einkaufswut meiner Großeltern war endlich befriedigt und jetzt ging es mit Eilschritten zur Konditorei und die war voll. Kein Sitzplatz war in Sicht und wir standen an und ich schaute ganz scharf auf alle, die eventuell gehen wollten.

Die Eisbecher, die serviert wurden, waren köstlich anzusehen und ich wusste vor Aufregung nicht, welchen ich bestellen sollte.


Nach gefühlten Stunden der Qual endlich ein Sitzplatz. Das Warten auf den Kellner dauerte auch nochmal so lange und langsam steigerte sich meine Aufregung in Wut und Verzweiflung. Doch nun kam endlich der Kellner und nahm die Bestellung entgegen. Kaffee Melange und Schwarzwälder Kirschtorte für meine Großmutter, ein Glas Wein für meinen Großvater und mein Fürst Pückler Eisbecher mit viel Schlagsahne sowie ein Stück Schokoladenkuchen.


Für mich war das Himmelreich angebrochen und ich beteiligte mich an keinem Gespräch. Ich wusste ja schon, dass Kinder nicht sprechen dürfen und träumte schon vom nächsten Besuch in der Stadt, aber dann esse ich etwas anderes und einen neuen Hut brauche ich auch nicht.


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