46. Tage der deutschsprachigen Literatur "Die Wahrheit ist eine Zumutung": Anna Baar eröffnet den Bachmannpreis 2022

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"Und denken Sie daran: Viele der Allergrößten hätten Bewerbe wie diesen nie im Leben gewonnen, wahrscheinlich nicht einmal die Bachmann." - In ihrer Bachmannpreis-Rede blickt die österreichische Schriftstellerin Anna Baar auf ihre Jugend in Klagenfurt, kritisiert Österreichs Umgang mit dem Nationalsozialismus und betont die selbstreferenziellen Zügen des Landes. Gegen Ende ihres Textes beklagt sie die "Betroffenheitsmilde" der Gegenwartsliteratur. Ein flammendes Plädoyer fürs Schreiben, für das Wort.

Die österreichische Schriftstellerin Anna Baar eröffnet das Wettlesen um den Bachmannpreis 2022 mit einem schonungslosen Blick auf die Scheinheiligkeit Österreichs, auf die "Betroffenheitsmilde" der Gegenwartsliteratur und auf den Wettbewerbsgedanken innerhalb des Literaturbetriebs. Ein flammendes Plädoyer für das Schreiben, für das Wort. Bild: ORF/Johannes Puch

Der Leiter der Heilpädagogikabteilung des Kärntner Landeskrankenhauses, Franz Wurst, versteckte den von ihm praktizierten Kindesmissbrauch jahrzehntelang hinter dem Begriff "Zuwendungstherapie". Wurst, von seinem näheren Zirkel auch "Gott" genannt, ist einer der Protagonisten, die in der von der österreichischen Schriftstellerin Anna Baar gehaltenen Bachmannpreis-Eröffnungs-Rede auftritt. Unter der Überschrift "Die Wahrheit ist eine Zumutung" blickt Baar darin kritisch und mit durchaus selbstzersetzender Tendenz auf Klagenfurt und Österreich, auf eine schon Tradition gewordene Doppelzüngigkeiten und eine sich in Schweigen ausdrückenden Ignoranz. "Die Mutter ermahnte uns immer zum Leisetreten. Die Vermieterin, sie wohnte unter uns, konnte es nicht leiden, wenn der Parkettboden knarrte" - so beginnt diese Lesung. Enden tut sie mit einer Forderung, in der jenes "Leisetreten" des Anfangs wieder aufgenommen wird: "Spielen Sie nicht in Socken!", richtet sich Baar an die 14 diesjährigen Autorinnen und Autoren, "Es ist ein Elefant in dieser Lesemanege."

Was aus diesem beeindruckenden und als Eröffnung nicht hoch genug zu hängenden Text am deutlichsten hervorsticht, ist wohl die Warnung davor, die Markt- und Warenlogik noch weiter in die Literatur, in die literarische Themenwahl - ist das Wählen selbst nicht schon zu viel? - ins Texte-Vorzeigen eindringen zu lassen. Denn wenn, wie Ingeborg Bachmann sagte, alles eine Frage der Sprache ist, dann ist alles in jenem Moment bedroht, wo die Sprache zum Mittel wird. Gert Jonke, so Baar, lag absolut richtig, "als er in seiner Rede zu diesem Wettbewerb sagte, Ingeborg Bachmann sei nicht am Schreiben gescheitert, sondern an diesem Betrieb, der sie umgebracht habe, um sie kurz darauf in den Himmel zu heben."

"Weißbrotliteratur ohne besonderen Nährwert"

Abseits des rigorosen Literaturbetriebs aber, liegen Themen am Wegesrand, über die zu Schweigen im Grunde unmöglich, über die zu sprechen allerdings äußerst schmerzhaft ist. Es sind Themen, die Baar in der ersten Hälfte ihres Textes skizziert und flüchtig abhandelt, um an späterer Stelle Anschläge auf eine Literatur zu verüben, die sich an mit "flotten Plots" und "derber Provokation" zufrieden gibt. "Weißbrotliteratur ohne besonderen Nährwert", dem Markt untergeordnet.

Zum Schluss richtet sich Anna Baar dann explizit an jene, die im Laufe der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur ihre Texte präsentieren werden. Ihr Appell ist zugleich ein Einspruch gegen ein Wettbewerbsdenken:"Viele der Allergrößten hätten Bewerbe wie diesen nie im Leben gewonnen, wahrscheinlich nicht einmal die Bachmann." Große Literatur, verdeutliche Baar, zielt in der Motivation nicht aufs Siegertreppchen. Vielmehr versammelt sie die Stimmen der Verlierer, der Ausgegrenzten, der großen Kleinigkeiten außerhalb der eigenen Befindlichkeit. Aufrüttelnder Literaturstoff leitet sich ganz im Gegenteil von jenen Phänomenen ab, die erst befindlich machen, die angreifen, reizen. Diese gilt es zu zerfragen. Möge das Lesen beginnen.

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