Enis Maci - "Wunder" Eine Antwort wäre ein Produkt

In "Wunder" landen Figuren vor riesigen Mauern. Manche verenden. Andere machen sich hübsch und drehen um. Sie laufen. Bis zur anderen Seiten. Foto: Suhrkamp

Mit ihrem 2018 erschienenen, vielbeachteten Buch "Eiscafé Europa" trat die Autorin Enis Maci als glänzende Essayisten auf, deren Umgang mit zeitgenössischen Fragen ein unkonventioneller und in gewisser Hinsicht auch radikaler ist. Damals wühlte sie im Internet wie in einer riesigen offenen Wunde, zog ProtagonistInnen auf die Bühne, stieß sie wieder von sich, reflektierte, protestiere und suchte, am Rande der Verzweiflung, nach einer Form des Widerstands. In ihrem vor kurzem bei Suhrkamp erschienen Buch "Wunder" beschäftigt sich die gefeierte Theaterregisseurin nun mit dem Körper als Ware -und mit dem von ihm ausgehenden Warenfetisch. Wieder eine Wunde die strahlt, die abwirft. Ein poetischer Essay in theatralischer Verkleidung.

 

Wer unschuldig ist beschmutze sich als erster im Netz. In Enis Macis schmalen Büchlein "Wunder" wird das Unschuldig-Sein als ein Zustand vorgeführt, der längst der Vergangenheit angehört. Schuld daran ist der Sog der Warenwelt, der globale Kapitalismus, der seinen Dreck längst in sämtliche Ecken geschleudert hat. Das Wunder ist der Körper, der zugleich Wunde ist. Auf den ersten Seite stellt Maci die ProtagonistInnen ihres "Stückes" vor. ICH, ICH, ICH, ICH, ICH... das könnten im Grunde wir alle sein.

Mein Körper gehört mir nicht

In ihrer ganz individuellen und von Problemen belagerten Besonderheit, sind diese Protagonisten austauschbar geworden. Und jene gleich-diversen Körper beginnen nun, über die Möglichkeiten ihrer eigenen Veredelung nachzudenken, Fitness-Center-Besuche und Pflegeprodukte anzupreisen, über Fettzellen, Entzündungen und Verzicht zu sprechen. Unter all dem liegt ein ständiges, beklemmendes Vibrieren. Die Selbstoptimierung erscheint als eine nie endende Suche nach Auswegen, hie und da finden man welche, schlägt sie ein, nur um sich kurze Zeit später abermals vor einer unüberwindbaren Mauer wiederzufinden.

Ab und an versterben Protagonisten vor dieser Mauer. Beispielsweise der Pornostar Cora Wosnitza, die Weltrekordhalterin im Blowjob ist und aus der Narkose nach ihrer fünften Brust-OP nicht mehr erwacht. Wosnitza ist eine von mehreren Figuren, die in der zweiten Hälfte des Büchleins mit Namen genannt werden und sich selbst vorstellen. Alle sind sie ferngesteuert, eingesperrt. Auf ihren Körpern zeichnet sich die Lust am Besitz ab, der Warenfetisch, der den Besitz selbst zur kommunikativen Einheit erhebt und die Produktion von so etwas wie Selbstbewusstsein überspielt.

Alles mit einem Abschluss ist ein Produkt

Was in Macis Text deutlich wird, ist ein Dilemma, welches sich nahezu durch alle Bereiche unseres Lebens zieht, ganz gleich ob im Miteinander oder in der Einsamkeit. Die Autorin zeigt, dass jede abgeschlossene Handlung, jedes Zwinkern, jede gutmütige Aktion, jede Spende, jeder Mord zu einem Produkt erhoben, medial ausgeschlachtet und vermarktet werden kann. Auf Grundlage dieser entwaffnenden Feststellen tanzen die Figuren in diesem Text glücklich und unglücklich vor sich hin, tanzen vor ihrem Schicksal weg. Reale Tragödien werden durch auf Bildschirme blickende Augen gezeigt. Am Ende hinterlässt uns Macis kurzer Text mit der Frage: Wofür kämpfen, wenn der Akt des Kämpfens selbst bereits dem Gegner dient?

So schlägt Enis Maci einen Bogen zu ihrem 2018 erschienen Buch "Eiscafé Europa", in welchem sie sich bereits mit der Möglichkeit der Widerstands-Organisation beschäftigt hatte. Eine Antwort blieb aus. Eine Antwort muss ausbleiben. Auch heute. Eine Antwort wäre ein Produkt.


Enis Maci: "Wunder", Suhrkamp Verlag 2021, 114 Seiten, 16 Euro

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