Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen Hinter der Mauer im Grau

Heiner Müller brauchte die DDR, die er zugleich scharf kritisierte. Das kapitalistische System war ihm keine Alternative. Zwischen den Ländern, in zwei Diktaturen, nährte er das, was er später seine "Katastrophenliteratur" nannte. Bild: Kiepenheuer & Witsch

Heiner Müller gilt als der wichtigste deutsche Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zählt zu den bekanntesten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR. In der BRD, so hatte Müller einmal den berühmten Karl Kraus-Satz paraphrasiert, hätte er nur Hühneraugen-Dramatik schreiben können. In der DDR schrieb er Krebs-Dramatik, seine "Katastrophenliteratur". Heute jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 60 Mal. Wir antworten mit Heiner Müllers "Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen", einem Buch, welches die DDR vorrangig anhand des Kulturlebens zeigt.

 

"Gestern an einem sonnigen Nachmittag. Als ich durch die tote Stadt Berlin fuhr. Heimgekehrt aus irgendeinem Ausland. Hatte ich zum ersten Mal das Bedürfnis. Meine Frau auszugraben aus ihrem Friedhof..."

So beginnt Heiner Müllers Gedicht "Gestern an einem sonnigen Nachmittag...", lakonisch, unaufgeregt den Eindruck vermittelnd, hier spräche jemand, der sich den schrecklichen Gegebenheiten gebeugt hat. Das Gegenteil aber war der Fall. Müller hatte die Verhältnisse in der DDR zu seinem Material gemacht, seine Dramen, seine Lyrik und ebenso seine Prosa waren am Schrecken erprobt; und wenn Müller das oben genannte oder auch andere Gedichte beziehungsweise Dramen-Passagen mit einer gewissen Apathie vorträgt, dann spiegelt sich darin nichts anderes als ein letzter, eingestampfter aber nicht aufgegebener Wille zum Widerstand. Dabei stand Müller immer zwischen den Stühlen und somit, als intellektuelle Persönlichkeit, öffentlich für die Kontroverse: Die DDR kritisierte der scharf. Den westlichen Kapitalismus aber als einzig mögliche Alternative zu betrachten, lehnte er ebenso ab. Diese Zerrissenheit, die als innere nicht unbemerkt bleiben konnte, war entscheidender Zündstoff für seine Werke.

Heiner Müller, ein Theatermensch

Ebenso wie sein großes Vorbild Berthold Brecht war Heiner Müller dem Theater verschrieben. Ein Besessener, der aufführen und, wenn nicht politisch, so doch ästhetisch aufklären wollte. Der aber in einem Land lebte, welches mit Terror und Zensur nicht sparte. In seinem autobiografischen Buch "Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen" erzählt Müller über den Kampf um die Aufführungen verschiedenster Stücke, die erst erlaubt, dann verboten, erlaubt und wieder verboten und, in letzter Instanz, nicht selten heimlich aufgeführt wurden.

Das Buch versammelt eine Fülle an Anekdoten aus dem Kulturleben der DDR und zeigt Müllers langjährige Arbeit als Dramatiker und Regisseur. Heiner Müller, der Geprügelte, der mit aller Verbissenheit an diesem Land festhielt, um Störender bleiben zu können, um von innen heraus über einen Schmerz zu schreiben, der nur dort spürbar war und der aus jenen Erfahrungen seine Katastrophenliteratur entwickelte.

Die Literatur war es auch, die ihn rettete, nachdem er - der Vater hatte einen Job als Krankenkassenfunktionär bekommen - 1938 nach Mecklenburg gezogen war, wo er sich als Außenseiter fühlte. Auch damals bereits von den Mitschülern geprügelt floh Müller in die Lektüre, las wie besessen alles, was er in die Hände bekommen konnte.

Verlassen im Grau

1951 setzte sich sein Vater in den Westen ab, die Mutter zog nach und Müller, 22 Jahre alt, blieb allein im Osten zurück. Von Dostojewski, Schiller, Freud und Nietzsche war er bereits zu Sartre und Jünger, zu existenzialistischer und expressionistischer Lektüre übergegangen. Er verstand sich als Schriftsteller im Grau, als Aufbegehrender in einem Land, welches für das Aufbegehren nicht sehr viel übrig hatte. Bald litt er darunter "keiner Gruppe anzugehören, von keiner akzeptiert zu werden", bald verstand er, welch künstlerisches Potential in der nicht selbst erwählten Einsamkeit liegt.

Die Kunst. Das Schreiben. Der junge Müller schlägt sich in Ost-Berlin zunächst mit Brotarbeiten durch - Übersetzungen, Klappentexte, Buch-Rezensionen. Er lernt Inge kennen, eine angehende Schriftstellerin, die er umgarnt und schließlich heiratet. Mit ihrer Hilfe gelingt der erste große Erfolg: Das Hörspiel "Die Korrektur". Auch wenn das Stück verboten wurde, gab es doch Resonanz und Aufmerksamkeit. Andere Stücke wurden aufgeführt, und Müller feierte -selbstverständlich von Skandalen und Aufregung begleitet - zunehmend mehr Erfolge. In den siebziger und achtziger Jahren wuchs der Ruhm vor allem in der Bundesrepublik, dann auch in Italien und Frankreich.

Ost und West

Müller changiert in seinen Berichten zwischen Ost- und Westdeutschland, zeigt die unterschiedlichen Voraussetzungen auf, unter denen die Theaterarbeit hier und dort möglich oder eben unmöglich gemacht wurde. Repression und Unterdrückung als Werkzeug poetischer Arbeit? Das wurde selbstverständlich von keiner Seite akzeptiert. Wie Müller selbst sorgte auch dieses Buch, seine Lebenserinnerungen, für Furore, spaltete das Publikum, wurde entrüstet abgelehnt und begeistert aufgenommen.

"Natürlich ist eine Diktatur farbiger als eine Demokratie", sagt Müller in seiner Biographie; auch "Shakespeare ist nur denkbar in einer Diktatur oder in einer Monarchie". Müller zehrte von der Ablehnung, egal, ob es sich dabei um die von ihm geäußerten, oder gegen ihn gerichtete handelte. Er war auf der Flucht, ungehalten, von Mauern umgeben; aber eben diese Umständen hatten sein erst Drama erwachsen lassen. Es gibt einen Satz des norwegischen Malers Edward Munch, der ebensogut auf Müller zutrifft: "Ohne Angst und Krankheit wäre ich wie ein Boot ohne Ruder."


Heiner Müller: "Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen"; Kiepenheuer & Witsch, 2009, 528 Seiten, 12, 99 Euro

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