Aufgrund der fatalen Situation an der polnisch-belarussischen Grenze hatte die Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch wiederholt mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko telefoniert. Ein etwa 50-minütiges Gespräch am Montag zwischen Merkel und Lukaschenko hatte international Kritik hervorgerufen. Jetzt verteidigte die belarussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch die Entscheidung der Bundeskanzlerin. "Es war eine furchtbare Wahl, vor der Merkel stand", so die Schriftstellerin.
Es waren schreckliche Bilder, die uns in den vergangenen Wochen von der polnisch-belarussischen Grenze erreichten. Menschen, hungernd und frierend, weinende Kinder an einem Feuer vor Stacheldrahtzäunen. Eine Lösung war kaum absehbar. der belorussische Machthaber Lukaschenko hat die Flüchtenden systematisch an die Grenze geliefert, sie als politisches Druckmittel missbraucht. Angesichts dieser desaströsen Lage hatte die deutsche Regierungschefin Angela Merkel wohl keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als zum Hörer zu greifen um mit dem Machthaber Lukaschenko zu sprechen. In einem ersten, am Montag stattfindenden Gespräch, setzte sich die Kanzlerin für eine Deeskalation der Lage ein. In einem zweiten, am Mittwoch geführten, unterstrich sie die Notwendigkeit, mit Hilfe des UN-Flüchtlingwerkes UNHCR, der Internationalen Organisation für Migration und in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission für die "humanitäre Versorgung und Rückkehrmöglichkeiten der betroffenen Menschen zu sorgen."
Merkels Entscheidung sorgte international für heftige Kritik. Die EU erkennt den autoritär regierenden Lukaschenko nicht als Präsidenten an. Hintergrund ist einerseits seine von Betrugsvorwürfen begleitete Wiederwahl gewesen. Weiterhin hatte Lukaschenko im August vergangenen Jahres friedliche, gegen ihn gerichtete Demonstrationen gewaltvoll niederschlagen lassen.
"Es war eine furchtbare Wahl, vor der Merkel stand"
Nun hat sich die belarussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu Wort gemeldet und die Entscheidung der Bundeskanzlerin in einem Interview mit der ARD verteidigt. "Ich würde sagen, dass ich an ihrer Stelle das Gleiche gemacht hätte. Wenn man die weinenden Kinder an der belarusisch-polnischen Grenze sieht, aus Afghanistan und Iran, die dort an den Feuern sitzen und frieren, dann würde ich auch tun, was mein Herz mir befiehlt und nicht auf politische Distanz achten.", so Alexijewitsch. Zwar sei Lukaschenko kein legitimer Präsident von Belarus und man solle eigentlich nicht mit ihm reden, "... aber in seinen Händen liegt das Schicksal von diesen Menschen, den Frauen und Kindern. Es war eine furchtbare Wahl, vor der Merkel stand."
Weiterhin sagte Alexijewitsch dem ARD: "Es ergibt keinen Sinn, irgendjemand anderen verantwortlich zu machen für das, was in Belarus passiert, als Lukaschenko und sein Regime. Er ist der Einzige, der verantwortlich ist für das, was im Land geschieht - auch für die Migrationskrise."
"Acht Tage Revolution"
Beide Interviews werden Teil der kommenden Ausgabe (21.11.) des ARD-Kulturmagazins "titel, Thesen, temperamente" sein. Sie wurden im Zusammenhang mit der Vorstellung des Buches "Acht Tage Revolution" (Suhrkamp) des belarussischen Schriftstellers Artur Klinau geführt. In seinem Buch, welches mit dem Zusatz "Ein dokumentarisches Journal aus Minsk" unterschrieben ist, berichtet Klinau von dem Verschwinden seiner Tochter Marta während der Präsidentschaftswahl in Belarus letzten Jahres.
In erschütternder Weise berichtet er von Folterungen; von Menschen, die friedlich gegen Wahlfälschung protestierten und anschließend in überfüllte Gefängnisse landeten, von der Staatsmacht festgehalten. Spöttisch und bitter zeichnet Klinau das Bild eines Diktators, eines "Künstlers" sui generis, der seine Werke mit der Axt erschafft.
Hier bestellen
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
4
Wie Kunst auf Politik und Gesellschaft blickt
Rekordstart für Angela Merkels „Freiheit“: Bestsellerlisten erobert, 200.000 Exemplare in einer Woche verkauft
Der Paul-Celan-Preis 2024: Thomas Weiler und die Bedeutung des Übersetzens
Angela Merkel stellt ihre Memoiren im Rahmen der lit.COLOGNE vor
Die Spannung steigt: In wenigen Minuten wird der Literaturnobelpreis 2024 verliehen!
3sat zeigt den Essayfilm "Hermann Hesse – Brennender Sommer"
"Ende des Blutvergießens" - Tausende Autorinnen und Autoren solidarisieren sich mit dem ukrainischen Volk
Politische Autobiografie: Das macht Merkel selbst
Wolf Biermann feiert mit Merkel, Scholz und Steinmeier
Literaturnobelpreis geht an Abdulrazak Gurnah
Literaturnobelpreis: Die ewigen Favoriten?
Elfriede Jelinek soll Ehrenbürgerin Wiens werden
Erste umfassende Merkel-Biografie erschienen
"ttt - titel, thesen, temperamente" auf der Leipziger Buchmesse
Aktuelles
Frankie von Jochen Gutsch & Maxim Leo – Ein Kater als Erzähler, ein Mensch am Rand
Alexander von Ferdinand von Schirach – Wenn ein Kinderbuch plötzlich über die großen Dinge spricht
Morgan’s Hall: Eisland von Emilia Flynn – Das Finale im Frost
Morgan’s Hall: Schattenland von Emilia Flynn – Wenn Vergangenheit nicht stirbt, sondern nur leiser wird
Morgan's Hall: Schicksalsland – Glück fühlt sich in dieser Reihe nie stabil an
Leonie: Ein Gesicht oder doch vielleicht mein Gesicht?
Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Zwischen Gedicht und Geopolitik – Die Shortlist des Sheikh Zayed Book Award 2026
Erfolgreiche Lernkultur gestalten: Wie Unternehmenskultur nachhaltige Kompetenzentwicklung ermöglicht
S.A.Riten – Ausgewählte Texte
Robert Menasse: Die Lebensentscheidung – Europa im Angesicht des Endes
Paweł Markiewicz: Die Piratin in der Taverne II
Leipziger Buchmesse 2026: Maximilian Krah im Spiegel der Medien
Letzte Februarwoche: Wenn der Winter nachlässt
Die Statue von Bernini
Rezensionen
Morgan’s Hall: Ascheland von Emilia Flynn – Nach der großen Liebe kommt der Alltag
Morgan’s Hall: Niemandsland von Emilia Flynn – Wenn das „Danach“ gefährlicher wird als das „Davor“
Morgan’s Hall: Sehnsuchtsland von Emilia Flynn – Wenn Sehnsucht zum Kompass wird
Morgan’s Hall: Herzensland von Emilia Flynn – Wenn Geschichte plötzlich persönlich wird
Real Americans von Rachel Khong – Was heißt hier „wirklich amerikanisch“?
Ostfriesenerbe von Klaus-Peter Wolf – Wenn ein Vermächtnis zur Falle wird
Wir Freitagsmänner: Wer wird denn gleich alt werden? von Hans-Gerd Raeth – Männer, Mitte, Mut zum Freitag
Planet Liebe von Peter Braun – Ein kleiner Band über das große Wort
Die Rache trägt Prada von Lauren Weisberger – Was kommt nach dem „Traumjob“?
Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger – Glamour als Arbeitsvertrag mit dem schlechten Gewissen
Box Hill von Adam Mars-Jones – Zärtlichkeit mit Stacheln