Longlist Deutscher Buchpreis 2021: Christian Kracht - "Eurotrash"

In "Eurotrash" führt Christian Kracht sein Vexierspiel fort, und verbindet Erfundenes im Erlebtes. Der Roman zeigt, was Erinnerungsarbeit leistet kann; und was nicht. Bild: Kiepenheuer und Witsch

In Christian Krachts Roman "Eurotrash" reist der Autor als Erzähler dorthin, wo sein großer - vor mehr als 25 Jahren geschriebener - Debütroman "Faserland" endete. "Eurotrash" ist ein Buch, welches sich permanent mit der Qualität des Rückblicks beschäftigt, mit den Lücken der Erinnerung und dem fragmentarischen Charakter der eigenen Geschichte. Überall dort, wo die Erinnerung schwammig wird, legt Kracht das Skalpell an. Was er herausschneidet, ersetzt er sogleich. Täuschend echt.

 

In seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Eurotrash" blickt Christian Kracht nicht nur auf die eigene Geschichte, sondern auch auf das eigene Debüt. Vor mehr als 25 Jahren begann mit "Faserland" seine literarische Laufbahn. Es ist auch der Beginn eines öffentlichen Versteckspiels, einer großen, mal mehr mal weniger aufgeklärten Inszenierung. Jetzt also, 25 Jahre später, blickt er auf jenen Erzähler aus "Faserland", der er selbst sein könnte; blickt auf sein Leben, stellt einzelne Stellen scharf, um aus flirrenden, weichen Umrandungen scharfe Konturen zu machen. Als Rahmen wählt er die Begegnung mit der eigenen, psychisch instabilen, alkohol- und tablettensüchtigen Mutter. Und eine gemeinsame Reise.

Plastiktüte voller Geld

Die Geschichte entspringt durchweg der Erinnerung des Erzählers. Kracht erinnert sich, wie er nach dem Anruf seiner Mutter zu ihr nach Zürich reist, dort eine schwere, aufwühlende und von diversen Gedanken und Sorgen durchtränkte Nacht in einem Hotel verbringt, um dann, am Folgetag, die ebenso kranke wie reiche Mutter zu besuchen. Während der letzten Finanzkrise, erfahren wir aus den Erinnerungen, hat diese in Fußbodenreinigungsmaschinen investiert. Jetzt besitzt sie ein Vermögen von dreizehn, vielleicht vierzehn Millionen Franken.

Um einen sich anbahnenden Streit auf dem Weg zu gehen, beschließt der Erzähler prompt, mit der Mutter gemeinsam eine Reise anzutreten. Diese spielt mit. Ihr Zeil: Afrika. Kracht ruft das Taxi, es geht zur Hausbank, welche die Mutter mit einer Plastiktüte - randvoll mit Geld - wieder verlässt.

Richtung Saanen, Richtung Ende

Zunächst soll es nach Saanen gehen, dorthin, wo Christian Kracht geboren wurde. Drei Stunden liegt der Ort von Zürich entfernt. Mutter und Sohn übernachten in der Geburtsstadt des Schriftstellers, fahren mit der Seilbahn auf einen Gletscher, dann an den Genfer See. Sie besuchen das Chalet des verstorbenen Vaters und Borges Grab und dann, nach zwei ausschweifenden, wiedererinnerten Tagen, endete diese Geschichte.

Was also, kann die Erinnerung verfärben, was bedeutet in diesem Zusammenhang Authentizität und: Gibt es diese überhaupt? Ist Authentizität nicht selbst eine literarische Kategorie, im Sinne der erzählten Selbstinszenierung? Das sind die Themen, die Christian Kracht in seinem Roman "Eurotrash" mit Rückblick auf sein Debüt "Faserland" nicht zu beantworten, sondern, im Gegenteil, weiter zu verwischen versucht. Kracht, ein Meister der Inszenierung, schreibt über den Christian Kracht, den sich als den Autor des Buches "Faserland" ausgedacht hatte, in diesem Buch beispielsweise folgendes:

"Der Ich-Erzähler, also ich, sollte bevorzugt die Eagles hören, das hatte ich mir so bei Bret Easton Ellis abgeschaut. Das hatte mich sehr, sehr beeindruckt damals, weil ich, also das wirkliche Ich, nämlich die Eagles schrecklich fand ..."

Autorenschaft und Authentizität

Dass Kracht über Kracht schreibt, selbst aber wieder nichts weiter als eine ausgedachte Figur sein könnte, stellt wunderbar die Individualitätskatastrophe unserer Zeit in den Vordergrund. Das Thema der Autorenschaft ist und bleibt ein zentrales in Krachts Werk. Besonders aufreibend wird das Changieren zwischen tatsächlicher Biografie und Illusion dort, wo es um Themen wie Vergewaltigung geht.

In seiner Frankfurter Poetikvorlesung hatte Kracht bereits bekannt gemacht, das er während seiner Zeit im kanadischen Internat Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden war. Dieses Thema klingt auch im Roman an. Hier wird es, wie alles Erinnerte, zu Stoff, der literarisch verarbeitet, verdichten und durchaus auch verschoben wird. Die Erinnerungsarbeit, dies ist der zentrale Punkt in Krachts Roman, ist eine Arbeit, die verstaubte Bilder passend in die Gegenwart setzt, und dafür auch Verfälschungen in Kauf nehmen muss.


Christian Kracht: "Eurotrash"; Kiepenheuer und Witsch, 2021, 304 Seiten, 22 euro

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