Der Deutsche Buchpreis geht an Sasa Stanisic. In seiner Dankesrede bezog sich der aus Bosnien stammende Schriftsteller auf die Verleihung des Literaturnobelpreises, der dieses Jahr auch an Peter Handke ging. Die Entscheidung der schwedischen Akadmie, so Stanisic, habe ihm die Freude über seinen eigenen Preis vermiest.
"Er erwähnt die Opfer nicht.": Buchpreis-Träger Sasa Stanisic über Peter Handke
Montag morgen in Frankfurt: Vor dem Mikrophon steht ein mit "1200 Ibuprofen" vollgepumpter Schriftsteller, der soeben den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. "Ich konnte heute die Zahnpastatube nicht aufmachen, ich musste sie aufschneiden, weil mir meine Muskeln so wehgetan haben." beschreibt Sasa Stanisic sichtlich angeschlagen die ihn plagende Schilddrüsenentzündung, die ihn jedoch nicht davon abhalten konnte, zur Preisverleihung zu erscheinen. Neben der Infektion hat der Autor in diesen Tagen jedoch noch mit einer anderen Sache zu kämpfen: Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke.
Die Wahrheit zurechtlegen
Die ihm nun kurz zur Verfügung stehende Öffentlichkeit, will der Autor dafür nutzen, sich "kurz zu echauffieren". Er habe das Glück gehabt, "dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt." Handke, so Stanisic weiter, habe sich die Wirklichkeit zurechtgelegt. Indem er behauptete, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, schuf er Lügen dort, wo einst Wirklichkeit war. Dies, so Stanisic, sei nicht der Zweck von Literatur.
Der Autor bezieht sich damit auf Äußerungen Peter Handkes, mittels denen er - während des Bosnienkrieges in den neunzigerjahren Jahren - Partei für Serbien ergriffen hatte. Sasa Stanisic selbst stammt aus Bosnien und floh 1992 nach Deutschland. Er hatte miterlebt, worüber Handke aus der Entfernung berichtete. "In seinem Text, der über meine Heimatstadt Visegrad verfasst worden ist, beschreibt Handke unter anderem: ‚Milizen, die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben.‘ Diese Milizen und ihr Milizenanführer, der Milan Lukic heißt und lebenslang hinter Gittern sitzt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erwähnt er nicht. Er erwähnt die Opfer nicht. Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert so was, dass so was prämiert wird."
Vor allem richtet sich die Wut Stanisics gegen die Idee Handkes, in Berufung auf eine literarische Freiheit geschichtliche Tatsachen zu verdrehen, Wahrheit und Lüge zu vertauschen. Eine dieser Wahrheiten ist die, dass es während des Bosnienkrieges Massaker, ethnische Säuberungen und Vergewaltigungen von Seiten serbischer Milizen gab. In seinem Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" hatte sich Stasinic mit dem Bosnienkrieg auseinandergesetzt.
Eine andere Literatur
Stanisic selbst stehe für eine andere Literatur ein. "Ich feiere eine Literatur, die alles darf und alles versucht, auch gerade im politischen Kampf mittels Sprache zu streiten. Ich feiere Literatur, die dabei aber nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet, und zwar freiwillig, Fakten, an denen scheitert."
Damit bezieht sich der Buchpreis-Träger auch auf die Schriftstllerin Olga Tokarczuk, die neben Peter Handke in diesem Jahr einen Literaturnobelpreis gewonnen hat. Mit den versöhnlichen Worten "Lassen Sie sich nicht anstecken – außer von guter, verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur.“ beendet der Schriftsteller seine Rede, und somit auch die Handke-Disskusion, die seit der Nobelpreisverleihung in der literarischen Welt für aufsehen sorgt.
Topnews
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Verstoßene und Flaneure: Das bringt Suhrkamp im März
Frankfurter Buchmesse: Ein schwieriger Start, ein guter Verlauf
Frankfurter Buchmesse: Eröffnung ohne Publikum
Deutscher Buchpreis für Anne Weber
US-Autorin Louise Glück erhält den Literaturnobelpreis 2020
Frankfurter Buchmesse: Erste Einblicke und Zahlen
Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020
Die Frankfurter Buchmesse: Ein Millionenverlust
ZDF und 3sat: Literarische Höhepunkte zur Frankfurter Buchmesse
Diese Peter Handke Bücher erwarten uns in diesem Jahr
Literaturnobelpreis: Komitee verliert zwei Mitglieder
Frankfurter Buchmesse: Grüße vom "Blauen Sofa" - Termine und Veranstaltungen
Literaturnobelpreis für Peter Handke und Olga Tokarczuk
Zwei Bestseller und drei Debüts
Die Longlist des Deutschen Buchpreises
Aktuelles
Wer hat Angst vorm Märchen?
Böse Stunde von Catherine Shepherd – Wenn die Zeit zur Tatwaffe wird
Hotlist 2026: Dreißig Bücher gegen die Gleichförmigkeit
Als wir träumten von Clemens Meyer
Donald Duck im Ruhrgebiet: Micky Maus Magazin 17/26 schickt die Kult-Ente auf eine außergewöhnliche Reportage
Stuttgarter Buchwochen 2026 setzen auf Bestseller, Leseförderung und neue Formate
Julia Bielenberg über Bildung: Die erste Schule heißt Familie
Shortlist zum Deutschen Kinderbuchpreis 2026 veröffentlicht: Zehn Bücher hoffen auf die Auszeichnung
Monika Helfer ist tot
Deutscher Buchpreis 2026: Die SWR-Favoriten stehen fest
Elle Kennedy: Das Phänomen ihres Erfolges – warum ihre Romane eine Generation erreichen
Amazon Charts Belletristik: Harry Potter dominiert die meistgelesenen Bücher – Freida McFadden erobert die Verkaufscharts
Die Psychiaterin von Freida McFadden: Ein Haus voller Stimmen – und keine davon sagt die ganze Wahrheit
Maggie Nelson: The Slicks – Sylvia Plath, Taylor Swift und die Erfindung weiblicher Genialität
Nachtschatten von Kristina Ohlsson: Ein atmosphärischer Schwedenkrimi zwischen Familiengeheimnissen und tödlichen Wahrheiten
Rezensionen