Literaturpreise "Er erwähnt die Opfer nicht.": Buchpreis-Träger Sasa Stanisic über Peter Handke

Der Deutsche Buchpreis geht an Sasa Stanisic. In seiner Dankesrede bezog sich der aus Bosnien stammende Schriftsteller auf die Verleihung des Literaturnobelpreises, der dieses Jahr auch an Peter Handke ging. Die Entscheidung der schwedischen Akadmie, so Stanisic, habe ihm die Freude über seinen eigenen Preis vermiest.

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Foto. Wikipedia Sasa Stanisic erhält den Deutschen Buchpreis. In seiner Dankesrede echauffiert sich der Autor über die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke.

Montag morgen in Frankfurt: Vor dem Mikrophon steht ein mit "1200 Ibuprofen" vollgepumpter Schriftsteller, der soeben den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. "Ich konnte heute die Zahnpastatube nicht aufmachen, ich musste sie aufschneiden, weil mir meine Muskeln so wehgetan haben." beschreibt Sasa Stanisic sichtlich angeschlagen die ihn plagende Schilddrüsenentzündung, die ihn jedoch nicht davon abhalten konnte, zur Preisverleihung zu erscheinen. Neben der Infektion hat der Autor in diesen Tagen jedoch noch mit einer anderen Sache zu kämpfen: Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke.



Die Wahrheit zurechtlegen

Die ihm nun kurz zur Verfügung stehende Öffentlichkeit, will der Autor dafür nutzen, sich "kurz zu echauffieren". Er habe das Glück gehabt, "dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt." Handke, so Stanisic weiter, habe sich die Wirklichkeit zurechtgelegt. Indem er behauptete, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, schuf er Lügen dort, wo einst Wirklichkeit war. Dies, so Stanisic, sei nicht der Zweck von Literatur.

Der Autor bezieht sich damit auf Äußerungen Peter Handkes, mittels denen er - während des Bosnienkrieges in den neunzigerjahren Jahren - Partei für Serbien ergriffen hatte. Sasa Stanisic selbst stammt aus Bosnien und floh 1992 nach Deutschland. Er hatte miterlebt, worüber Handke aus der Entfernung berichtete. "In seinem Text, der über meine Heimatstadt Visegrad verfasst worden ist, beschreibt Handke unter anderem: ‚Milizen, die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben.‘ Diese Milizen und ihr Milizenanführer, der Milan Lukic heißt und lebenslang hinter Gittern sitzt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erwähnt er nicht. Er erwähnt die Opfer nicht. Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert so was, dass so was prämiert wird."

Vor allem richtet sich die Wut Stanisics gegen die Idee Handkes, in Berufung auf eine literarische Freiheit geschichtliche Tatsachen zu verdrehen, Wahrheit und Lüge zu vertauschen. Eine dieser Wahrheiten ist die, dass es während des Bosnienkrieges Massaker, ethnische Säuberungen und Vergewaltigungen von Seiten serbischer Milizen gab. In seinem Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" hatte sich Stasinic mit dem Bosnienkrieg auseinandergesetzt.

Eine andere Literatur

Stanisic selbst stehe für eine andere Literatur ein. "Ich feiere eine Literatur, die alles darf und alles versucht, auch gerade im politischen Kampf mittels Sprache zu streiten. Ich feiere Literatur, die dabei aber nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet, und zwar freiwillig, Fakten, an denen scheitert."

Damit bezieht sich der Buchpreis-Träger auch auf die Schriftstllerin Olga Tokarczuk, die neben Peter Handke in diesem Jahr einen Literaturnobelpreis gewonnen hat. Mit den versöhnlichen Worten "Lassen Sie sich nicht anstecken – außer von guter, verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur.“ beendet der Schriftsteller seine Rede, und somit auch die Handke-Disskusion, die seit der Nobelpreisverleihung in der literarischen Welt für aufsehen sorgt.


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