Digitale Dienstleistungen sind mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Tagtäglich wird millionenfach online bestellt und somit der Weg aus dem Haus umgangen. Die Wissenschaftlerin und Autorin Sarah Spiekermann warnt jedoch: Es fehlt die "moralische Aufmerksamkeit" im Digitalen. Sie fordert eine neue Ethik für IT-Systeme.
Apps die ausspionieren, Spiele die süchtig machen, Algorithmen die auf Nutzer zugeschnittene News in die Timeline spühlen: Der Mensch hat sich, selbstbestimmt wie er fast geworden wäre, mit einer feierlichen Selbstverständlichkeit von der Selbstbestimmtheit verabschiedet. Wie eine der berühmtesten und nur allzu menschlich erscheinenden Maschinen sagen würde: "Hasta la vista, baby!"
Vom Verlust der Freiheit
Sarah Spiekermann ist Professorin für Wirtschaftsinformatik in Wien. Ihr Buch "Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert" beschäftigt sich, wie der Titel bereits erahnen lässt, mit den ethischen Fragen im digitalen Tumult. Die Grundthese des Buches lautet: Die Fokussierung auf den wirtschaftlichen Erfolg lässt kaum Platz für das Individuum. Enormer Zeitdruck und die Einschränkung der Privatssphäre sind beinahe immer Nebenerscheinungen der Nutzung von digitalen Diensten. Dabei geht es ausnahmsweise nicht ausschließlich um mich als Individuum, sondern eben auch darum, was ich mit einer Online-Bestellung in Gang setze, welche - meist unter unmöglichen Bedingungen stattfindenen - Produktionsweisen ich "klickweise" affirmiere. Aus dieser Perspektive bringe, so Spiekermann, die Digitalisierung keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt mit sich.
Um aus der Rückwärtsbewegung wieder einen Fortschritt zu machen, fordert die Autorin von Firmen, Unternehmen und Nutzer mehr ethische Aufmerksamkeit, also eine Umorientierung vom Profitdenken hin zu einer Werteethik.
Wie aber soll die Wiedereinführung solcher Werte gelingen? Sarah Spiekermann nimmt hier die Politikerinnen und Politiker in die Pflicht, was natürlich Sinn macht, muss es doch einen gesellschaftlichen Rahmen geben, der das Aufkommen, das Wahrnehmen und Erhalten gewisser Werte fordert und fördert. In diesem Sinne zeigt die Wissenschaftlerin an zahlreichen Beispielen, dass bestimmte Designs auch bestimmte Werte evozieren. Auch das stellen von Fragen sei unbedingt notwendig: „Man muss sich philosophische Fragen stellen: Welche Folgen hat die Einführung einer neuen Technologie für die Stakeholder? Welche Tugenden fördert oder zerstört sie?“
Acht Augen und Vier Handys am Abendbrotstisch
Warum arbeiten hochkarätige Neurobiologen im Silicon Valley? Richtig, damit Sie nicht mehr mit ihren Kindern am Abendbrotstisch reden müssen. Zahlreiche Apps, so Spiekermann, seien so entwickelt, dass sie den Nutzer / die Nutzerin süchtig machen. Ununterbrochen geschieht etwas "Neues". Immer dann, wenn - vielleicht nur sekündlich - nichts "Neues" geschieht, ist man dazu angehalten, unbedingt nachschauen, ob man gewisse Apps aktualisieren sollte, damit endlich wieder, sekündlich, etwas "Neues" geschehen kann.
Das Konzept, welches Spiekermann dieser Art der Aufmerksakeitsökonomie entgegensetzten will, nennt sich "Ethics by design". Gemeinsam mit über tausend anderen Experten des Ingenieursverbands IEEE hat sie einen Katalog an „Wertprinzipien“ erstellt.
Was aus diesem Ansatz erfolgen kann, zeigen Spiekermanns Studenten. Sie haben eine App entwickelt, durch die der Essenlieferservice zu einem gesünderen und gemeinschaftlicheren Unterfangen wird. Die Implementierung einer Werteethik in IT-Systeme, lässt auf mehr solcherlei Experimente hoffen.
Sarah Spiekermann: „Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert“ ; Droemer Knaur Verlag, 2019, 304 Seiten, 19,99 Euro
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