Was mit einer widerständigen, unbequemen Haltung begann, endete auf den Talkshow-Bühnen dieser Welt. Hannelore Schlaffer erzählt in ihrem Essayband "Rüpel und Rebellen" eine interessante Geschichte des Intellektuellen.
Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen
Wo sind sie eigentlich, die Zeitung unter dem Arm tragenden, selbstbewussten und mit einer Haltung bewaffneten Männer? Wo ist die "freischwebende Intelligenz" die sich in einem provokanten und Regeln überschreitenden Verhalten zeigt? Wo sind die Rüpel und Rebellen, die die Germanistin Hannelore Schlaffer meint, wenn sie in ihrem Buch von "dem Intellektuellen" spricht? Für Schlaffer definiert sich dieser nämlich vor allem durch seine Haltung gegenüber der bürgerlichen Mitte; durch seinen Habitus eher als durch Bildung und Profession. Dieser "Intellektuelle", der sich einmischt und allein mit seinem Auftreten provoziert, existiert für die Autorin nicht mehr: „Wo auf der Straße der Mann mit der Zeitung unter dem Arm fehlt, gibt es keinen Intellektuellen mehr.“.
Streitkultur und Habitus
Hannelore Schlaffer beginnt ihre Genealogie des Intellektuellen mit Denis Diderots Rameuas Neffe, jener unangenehmen, gesellschaftsuntauglichen Figur, die dem Philosophen Jean Jacques Rousseau nachempfunden ist. In dieser unbequemen Figur sieht die Autorin bereits die Geburt des Intellektuellen angelegt. Sie fragt sich, ob nicht auch Rousseaus unkonventionelles Auftreten im Frankreich der Aufklärung maßgeblich zu dessen Erfolg beigetragen hat. Weiter geht es mit Goethe, der den Dialog Rameaus Neffe ins Deutsche übersetzte, und sich während seiner Sturm und Drang Zeit selber gern als Enfant terrible sah. Ein Streben, welches ebenso auf die deutschen Studenten der Romantik und den französischen Bohemiens zutrifft. So erstellt Schlaffler ein Panoptikum unbequemer Charaktere, deren Dissidenz sie in die Intellektuellen-Gilde einführt. Als ein Gegengift der stringenten Abläufe des gesellschaftlich angepassten Lebens. So wirft sie auch einen Blick auf die in den Salons, den Zeitungen und dem Stadtleben herrschende Streitkultur.
Public intellectual, Medienstars und Pöbelkultur
Aus den Kneipen und den Cafés heraus, begleiten wir den Intellektuellen direkt auf die Theater- und Fernsehbühnen der Gegenwart. Die Autorin erkennt den Untergang des Intellektuellen interessanterweise dort, wo dieser zu einem Experten wird. Die provokante Wirkung der unangepassten Haltung wird durch eine Expertise ersetzt. Der Rüpel und Rebell ist zu einem Fernsehstar geworden, dessen Absicht es ist, eine Fangemeinde um sich zu scharen. Diese Absicht aber, setzt ein Kalkül voraus, welches dem Rebellischen widerspricht.
Im Abschied des Intellektuellen erkennt Schlaffer weiterhin die Spuren einer gesellschaftlichen Veränderung. Umgekehrt ließe sich dasselbe sagen. Die Veränderung der Medienlandschaft und die damit einhergehenden Möglichkeiten der Kommunikation lassen laut der Autorin die These zu, dass der Privatmann die Position des Intellektuellen übernommen hat. Unangepasste, provokante Postings ersetzen so die verloren gegangene Haltug. Da ein beträchtlicher Teil dieser Postings wiederum als "haltlos" erscheint, ist die Position des Intellektuellen nicht ausgefüllt.
Frauen spielen bei Schlaffers Analyse seltsamerweise eine Nebenrolle. Zwar gibt es Passagen in denen sie auf Figuren wie Madame de Staël oder George Sand zu sprechen kommt, im Großen aber wird der Frau imzuge der Abhandlung die Postion des Gegenparts zugeschrieben: Salondamen, Mätressen und Schauspielerinnen. Dies ist verwunderlich, denn der Charakter der Repräsentation, die Sprache des Körpers, nimmt in dieser Abhandlung einen wichtigen Stellenwert ein. Man kann vermuten, dass die Autorin die Frau als Intellektuelle absichtlich, vielleicht sogar aus emanzipatorischen Gründen in den Hintergrund stellte. Eine Erläuterung hierzu wäre wünschenswert gewesen, bleibt aber leider aus.
Hannelore Schlaffer, Rüpel und Rebellen. Eine Erfolgsgeschichte des Intellektuellen; zu Klampen Verlag, 2018, 192 S., 20 €
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