Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek befand sich vor langer Zeit auf einer Lesereise durch Westdeutschland mit ihrem neu erschienenen Buch „Die Klavierspielerin“ und kam in die Stadt, in der ich damals für eine kurze Zeit wohnte. Einer meiner damaligen Freunde wollte unbedingt hin und ich ging als Begleitung mit.
Frau Jelinek ließ sich jedoch wegen Magenverstimmung entschuldigen und schickte statt ihrer eine befreundete Schauspielerin. Im Publikum saßen viele sehr junge Mädchen mit braven weißen Krägen und züchtig zurückgebundenem Haar, allesamt Abiturientinnen des örtlichen neusprachlichen Gymnasiums, wie es sich später herausstellte.
Die Lesung löste in mir eine Abneigung gegen Frau Jelineks Prosa aus und obwohl ich das Gesicht der Schriftstellerin faszinierend finde und es sehr gerne anschaue, zu ihren Büchern finde ich auch heute keinen Zugang.
Nach der Veranstaltung gab es Schmalzstullen und Bier. Mein Begleiter liebte Schmalzstullen! Ich vermute sogar, das frisch gebackene Brot mit dem besonderen Aufstrich (auch damals schon ein altmodischer Snack) war der wirkliche Grund, warum er die kulturellen Veranstaltungen an jenem Ort so gerne besuchte. Wir standen an der Theke zwischen all den Schülerinnen und ließen uns die Stullen schmecken, da hörte er plötzlich auf zu kauen und schaute wie erstarrt auf etwas oder jemanden hinter meinem Rücken.
Unauffällig drehte ich mich um. An die Wand gelehnt, in einer Hand ein Brot, in der anderen ein großes Glas Bier, stand dort eine Frau im königsblauen Wollkleid. Sie war nicht besonders schön und das Strickkleid, das ihre üppige Figur umspannte, hätte gerne eine Nummer größer sein können. Aber sie strahlte etwas aus, das Lebensfreude und Sinnlichkeit erahnen ließ. Sie hatte daheim bestimmt keine Waage, keine Kalorientabelle und ihr Kühlschrank war immer gut bestückt. Liebe geht durch den Magen, sagte ich zu dem Freund. Er kaute langsam hinter, dann erwiderte er etwas, was mich für den Rest meines Lebens (oder zumindest für die nächsten zwei Stunden) in Erstaunen versetzte: er hätte nicht die Frau, sondern nur das Kleid bewundert.
Du meinst das blaue Stück zwischen dem Hals und den Knien? vergewisserte ich mich.
Und da er nichts zu antworten wusste (mittlerweile lief ihm das geschmolzene Fett vom Brot das Handgelenk hinunter), reichte ich ihm eine Papierserviette und diese Geste setzte einen Schlusspunkt an unsere kurze, noch nicht wirklich erblühte Beziehung.
Ich sah ihn nie wieder, aber der Barkeeper erwähnte mal, er hätte gehört, die Frau in Blau hätte die Stadt verlassen, und zwar nicht allein.
Mögen die beiden kugelrund und glücklich durch das Leben rollen!
Wer weiß, wo ich heute ohne Frau Jelineks Lesung wäre? Vielleicht gar nicht hier? Das wäre dann wirklich eine Tragödie!
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