Leipziger Lerche

    Wohnungssuche Blut und Schokolade

    Wenn der Baustellenlärm in der Nachbarschaft an meinen Nerven zerrt, schließe ich die Fenster und suche Entspannung im Internet: Ich schaue nach, was der Leipziger Wohnungsmarkt zu bieten hat. Die interessantesten Angebote gibt es zur Zeit in meinem Viertel Plagwitz, vor allem für Fans moderner Lofts in ehemaligen Fabriken. Doch Fabrikloft-Zeiten mit Dachterrassen und Fahrstühlen so groß wie Wohnzimmer liegen längst hinter mir. Mir gefallen altmodische Wohnungen ohne neue Lifte, ohne Wellness-Oasen und ohne Stellplätze im Hof, dafür mit Gärten. Die gemütlichsten werden zur Zeit im Stadtteil Stötteritz vermietet, an jedem Mietshaus ein Garten, mittlerweile eine Seltenheit in Leipzig.

    Illustration © Yvonne Kuschel / yvonne-kuschel.de In meinem Plagwitzer Garten an einem Abend im Mai

    Wie gerne würde ich dort wohnen! Schließlich kenne ich sehr nette Menschen in diesem Teil der Stadt. Doch leider liegt Stötteritz im Schatten des Völkerschlachtdenkmals, das gerne als Anti-Kriegs-Denkmal präsentiert wird. In meinen Augen jedoch ist das Monstrum nichts anderes als ein kriegsverherrlichendes Bauwerk, und somit etwas, wovor es mich gruselt.

    Die Leipziger aber lieben ihr “Völki”. So werben manche Wohnungsmakler mit Texten, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen: “Leben auf geschichtsträchtigem Boden! Dort, wo die Völkerschlacht stattfand! Mit unverbautem Blick auf das Völkerschlachtdenkmal!” Mit erholsamen Schlaf wäre es bei mir vorbei, würde ich dort einziehen.

    Einmal besuchte ich das Denkmal. Die Atmosphäre davor und darin berührte mich auf eine unangenehme Weise. Nicht nur die furchteinflößend monumentalen Krieger, die das Bauwerk beherbergt riefen in mir Beklemmungen hervor, auch der zum Aussichtsbalkon führende und immer schmaler werdende Treppenaufgang versetzte mich in Panik. Im letzten Teil wird es so eng, dass eine Ampel eingebaut werden musste: Treppe betreten nur bei grün, rot bedeutet Gegenverkehr. Ab Kleidergröße 42 würde ich niemandem raten, diesen Weg freiwillig zu betreten.

    In diesem Jahr wird das 200. Schlacht-Jubiläum gefeiert. GEFEIERT! Und 100 Jahre Völkerschlachtdenkmal. Juhu! Die größte Schlacht des 19. Jahrhunderts mit ca 110 000 Toten, ein schöner Anlass für Budenzauber? Immerhin war es eine Niederlage für den siegesverwöhnten Napoleon... Die Leipziger lassen es gerne knallen, hier gibt es Feuerwerke zu jeder Gelegenheit, nicht nur zu Sylvester, nicht nur am Wochenende, einfach so um Mitternacht, vielleicht weil auf dem Tacho eine runde Kilometerzahl erscheint oder der Hund Geburtstag hat. Pyrotechnische Weltmeisterschaften fanden hier auch schon statt, alles wird geliebt, wenn es nur knallen tut.

    Die Nachstellung einer Schlacht aus dem 19. Jahrhundert wird wahrscheinlich leiser ausfallen, aber es würde mich wundern, wenn es im Anschluss daran kein modernes Feuerwerk geben sollte. Die Stadt scheint dem Völkerschlacht-Jubiläumsfieber verfallen zu sein, es gibt sogar eigens dafür kreierte Schokoladeneditionen und Torten.

    Werden in Zukunft auch blutrünstige Ereignisse aus dem 20. Jahrhundert gefeiert und womöglich nachgestellt? Ich mag mir das gar nicht vorstellen.

    Da bleibe ich lieber erstmal in Plagwitz. Einen Garten gibt es auch hier. Und was die Baustellen betrifft: Irgendwann ist doch alles fertig gebaut, sagt mein Mann. Und wenn doch nicht, dann kann man immer noch nach Meuselwitz, Wadewitz oder Minkwitz ziehen. Dort tritt ab und zu die Weiße Elster über ihr Ufer und überflutet malerisch die Landschaft... mit Wasser, nicht mit Blut!

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