Ich nehme ein weißes Blatt und einen Bleistift.
„Komm, meine Süße“, sage ich. „Ich male dir ein Bild vom Leben.“
Der Bleistift ist gespitzt und ich beginne zu zeichnen. Erst zeichne ich einen Kreis als Kopf,
gefolgt von zwei Strichen für die Arme, zwei Strichen für die Beine und einen Strich als Rumpf. In
die Mitte kommt ein Dreieck.
„Dieses Strichmännchen bist du und das erkennst du, weil du einen Rock trägst“, erkläre ich
meiner kleinen Schwester und tippe auf das Dreieck. „Irgendwann wirst du zu einer Frau werden,
aber du behältst immer deinen Rock an. Auf den Toilettentüren und am besten auch im echten
Leben; denn die Männer werden dir gerne hinterherpfeifen.“
„Warum sollten die Männer pfeifen?“, fragt meine kleine Schwester. Uns trennen zehn Jahre; sie
war die ungeplante Nachzüglerin.
„Na, weil du einen Rock trägst“, antworte ich geduldig. Mama glaubt, sie ist zu jung für dieses
Thema; ich glaube, Mama ist verblendet. „Neben dem Pfeifen werden die Männer dich anstarren,
dir Namen geben und dich sogar beleidigen.“
„Und warum?“, fragt sie und greift zu den Schokoladenkeksen.
„Na, weil du einen Rock trägst“, wiederhole ich.
Schmollend schiebt sie ihre Lippe vor. „Du sagst immer das Gleiche!“
„Weil es die Antwort auf Vieles ist.“
Ihre Augen verengen sich trotzig und ihr Blick wandert zu der Zeichnung. „Hmm…“, brummt sie
nachdenklich, während sie auf ihrer Lippe kaut. „Hmmmm…“ Ihr Brummen wird länger und ihre
Lippe verschwindet immer weiter in ihrem Mund. „Hmmmmmm... Hmm… Kriegt mein
Strichmännchen auch ein Gesicht?“
Ich kichere amüsiert über ihr Mienenspiel. „Nein, das ist nicht notwendig. Was ich für dich
zeichne, passiert allen Frauen. Es spielt also keine Rolle, wie du aussiehst.“
„Na gut, dann brauche ich kein Gesicht.“ Schlagartig verlässt sie alle Anstrengung und sie
knabbert an ihrem Keks. Sie ist so süß und unschuldig; ich seufze – doch ihre Unschuld schützt
sie nicht vor der Realität.
„Manche Männer wollen aber mehr als nur Pfeifen. Sie wollen dich anfassen.“ Ich zeichne zwei
Strichmännchen; eins mit und eins ohne Rock. „Weißt du was? Wir sagen ab jetzt
Strichmännchen und Strichweibchen. Das macht es leichter.“
Das Strichmännchen streckt seinen Arm aus. „Dieses Strichmännchen berührt das
Strichweibchen gegen ihren Willen. Das kann überall passieren, selbst wenn andere
Strichmenschen in der Nähe sind.“ Ich zeichne um das Strichmännchen und das Strichweibchen
eine S-Bahn. „Wie zum Beispiel in einer S-Bahn.“
Mein Radiergummi und mein Bleistift zaubern aus der S-Bahn einen Bus; dann einen Park; und
ein Kino; ein Schwimmbad; und einen Supermarkt; eine Disko; und letztlich ein normales Haus.
„Manche von uns sind nicht mal zuhause sicher. Viele Strichweibchen werden von ihren
Männchen bedrängt.“ Aus der Frau mache ich ein Mädchen. „Und viel zu oft passiert das kleinen
Mädchen wie dir.“
„Also haben wir Glück, dass Papa lieb zu uns ist?“
„Ja und dafür können wir dankbar sein“, sage ich lächelnd. „Dann gibt es aber noch die
umgekehrte Situation.“ Ich zeichne ein neues Strichmännchen; die Arme bestehen aus
Halbkreisen, die auf seinen Schritt zeigen. Neben ihm ist ein Strichweibchen. „Es gibt
Strichmännchen, die sich selbst anfassen, während sie ein Strichweibchen gegen ihren Willen
beobachten. Auch das kann in der Öffentlichkeit passieren, genauso wie hinter verschlossenen
Türen.“
Ohne Pause rede ich weiter. „Manche Strichmännchen wollen aber noch mehr. Sie wollen mit
dir allein sein.“ Für die nächste Szene zeichne ich drei Strichweibchen. „Hier bist du mit deinen
Freundinnen in einer Bar. Ihr habt Spaß, bis ein Strichmännchen eure Aufmerksamkeit will.“ Ich
zeichne ein Strichmännchen mit einem Glas in der Hand. „Es will euch trennen, indem es Tropfen
in dein Glas gibt. Dadurch bist du verwirrt und das Strichmännchen kann mit dir machen, was es
will. Am nächsten Tag erinnerst du dich an nichts.“
Empört stopft sich die Kleine einen Keks in den Mund. „Das ist voll gemein!“
„Das ist normal, meine Süße“, sage ich sanft und streiche Krümel von ihrer Wange. Ich radiere
alles weg bis auf eine Frau; neben ihr ziehe ich zwei Linien, eine rechts und eine links. Eine Straße.
An den Himmel male ich den Mond als einzigen Zeugen.
„Wichtig ist, dass du es vermeidest den falschen Strichmännchen zu begegnen. Wenn du also
allein im Dunkeln unterwegs bist, nimm immer den längeren Weg, damit du nicht allein bleibst.“
Ich male ein Strichmännchen – grinsend – und tippe mit dem Bleistift auf sein Gesicht. Einmal.
Zweimal. „Denn das falsche Strichmännchen will deinen Körper anfassen, obwohl du es nicht
willst. Es nimmt dir deine Klamotten weg und was dann passiert, kann sehr wehtun.“ Aus dem
Mond mache ich eine Sonne. „Selbstverständlich passiert das auch am Tag.“
„Er fasst mich wirklich an, obwohl ich es nicht will? Und tut mir einfach so weh?“
„Ja und das ist alles normal.“ Ich nicke zu meiner eigenen Bestätigung. Einmal. Zweimal. Auch
wenn Mama es nicht sehen will. „Manchen Strichmännchen gefällt genau das und anderen ist es
einfach egal.“
Sie knabbert an ihrem Keks. „Hmm… hmm… und warum tun die Männer das alles überhaupt?“
„Weil sie es wollen und weil sie es können.“
Nun greife ich ebenfalls nach einem Keks; es ist Zartbitterschokolade.
„Aber nicht alle Männer tun sowas, oder?“, meint sie. „Nicht jeder will mir wehtun?“
„Nein, natürlich nicht. Es gibt sehr viele nette Strichmännchen.“ Ich male zehn Strichmännchen
in einer Reihe. „Aber stell dir mal vor: Neun von diesen zehn Männern respektieren Frauen.“ Über
dem letzten Strichmännchen schwebt ein Pfeil, der auf seinen Kopf zeigt. „Das heißt aber nicht,
dass dieser Strichmann dich nicht anfassen will… und in einer Stadt können viele Millionen
Menschen leben.“
Sie überlegt. „Also gibt es viele Männer, die mich anfassen wollen und mir wehtun wollen.“
„Genau“, sage ich stolz, während die Zartbitterschokolade in meinem Hals kratzt. „Du bist ein
kluges Mädchen.“
„Hmm…“, brummt sie und pickt die Krümel vom Tisch. „Und wie kann ich die Guten von den
Bösen unterscheiden?“
„Manchmal kannst du das nicht, aber mit den Erfahrungen entwickelst du ein Gefühl“, erkläre
ich. „Einen Instinkt sozusagen.“
Sie runzelt die Stirn. „Das verstehe ich nicht.“
„Keine Sorge.“ Sanft tätschel ich ihren Kopf. „Das wirst du schon noch."
Ich radiere alles weg und zeichne eine Frau mit Rock und drei Männer ohne Rock. „Manchmal
kommen die Strichmännchen auch in Rudeln, um dich anzufassen.“ Ich füge noch einen Mann
hinzu; vier gegen eins – und noch einen. Fünf gegen eins.
Meine Schwester beugt sich vor und betrachtet die Zeichnung genauer; ich ziehe das Papier
leicht beiseite, um das weiße Blatt vor ihren Schokofingern zu schützen. „Und was kann ich
dagegen tun?“
„Du könntest wegrennen oder schreien. Oder du nimmst deinen Schlüssel zwischen die Faust;
so dass der Schlüssel zwischen den Fingern rausschaut, damit du dich wehren kannst. Oder du
könntest so tun, als ob du mit jemanden telefonierst, damit die Strichmännchen denken, du bist
nicht allein. Es gibt viele Möglichkeiten – du und deine Freundinnen werdet bestimmt kreativ,
wenn ihr später eure Erfahrungen austauscht.“
„Also wird mir das auf jeden Fall passieren?“
„Ja. Ganz sicher.“
„Aber ich wünsche dir, dass es nur beim Pfeifen bleibt“, fahre ich fort. „Doch egal was passieren
wird, sie werden sagen, dass du selbst daran schuld bist.“
„Und warum?“, fragt sie.
„Weil du einen Rock getragen hast.“
„Also bin ich wirklich selbst schuld?“
„Nein.“ Liebevoll streichle ich über ihr Haar. „Doch das spielt keine Rolle."
Ich radiere das Rudel Strichmännchen und die Frau wieder weg, sodass das Blatt weiß ist.
„Aber das Wichtigste von allem ist: Egal was die Strichmännchen dir antun, du darfst es
niemanden sagen – denn sie wollen es nicht hören. Falls du aber doch den Mut aufbringst, es
jemanden zu erzählen, werden sie dir nicht glauben. Also spare lieber deine Kraft.“
„Und warum werden sie mir nicht glauben?“
„Weil du eine Frau bist.“
Ein weißes Blatt.
Nein, das Blatt ist nicht mehr weiß. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die grauen
Schatten. Man sieht vereinzelte Linien und Abdrücke, weil ich beim Malen zu stark draufgedrückt
habe. Aber was genau auf dem Papier zu sehen war, ist gelöscht. Zum Glück.
Oder zum Unglück.
Naja, die Antwort auf diese nicht gestellte Frage ist egal – denn das ist alles normal.
Also schau nicht hin, mein Kind.
Den stumpfen Bleistift lege ich beiseite; irgendjemand wird ihn schon wieder spitzen.
Nochmal nehme ich den Radiergummi und schrubbe über das nicht mehr ganz weiße Blatt. Ich
gebe mir Mühe, auch die grauen Schatten zu entfernen, damit das Papier wirklich wieder weiß
wird. Hoffentlich wieder weiß wird – wieder weiß werden muss!
Als ich den Schokofleck sehe, gebe ich auf. Die Fetzen des verbrauchten Radiergummis
verteilen sich auf dem Blatt; ich puste sie weg.
Schau bloß nicht hin.