Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde

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Ein Mann steht an einer Straßenecke in Berlin. Er wartet nicht. Er registriert. Reklame flackert, Gespräche zerfasern, ein Taxi hält, fährt weiter. Jakob Fabian bewegt sich durch diese Stadt wie durch ein Labor. Er notiert. Er zögert. Und er nennt sich, mit leiser Ironie, einen Moralisten.

Fabian: Die Geschichte eines Moralisten Fabian: Die Geschichte eines Moralisten Atrium Verlag

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Fabian: Die Geschichte eines Moralisten

Mit Fabian oder Der Gang vor die Hunde hat Erich Kästner 1931 einen Roman vorgelegt, der zunächst unter dem vorsichtigeren Titel Die Geschichte eines Moralisten erschien – gekürzt, aus Angst vor Zensur entschärft. Erst 2013 wurde die ungekürzte Originalfassung veröffentlicht. Sie zeigt deutlicher, wie präzise Kästner die gesellschaftlichen Spannungen der späten Weimarer Republik seziert: Arbeitslosigkeit, politische Radikalisierung, sexuelle Freizügigkeit, ökonomische Abhängigkeit. Berlin ist hier keine Kulisse. Es ist ein System.

Berlin als Maschine

Kästners Berlin produziert Tempo. Nachtlokale, Redaktionen, Ateliers. Szenen wechseln abrupt. Der Roman arbeitet mit Montage, mit harten Schnitten, mit eingeschobenen Kommentaren. Die Form folgt der Diagnose: eine fragmentierte Gesellschaft, in der alles gleichzeitig geschieht und nichts zusammenhält.

Fabian ist Teil dieser Bewegung und bleibt doch am Rand. Als Werbetexter verkauft er Worte, an die er selbst nicht glaubt. Sprache wird Ware. Moral wird Haltung ohne Wirkung. Seine Ironie ist Schutzmechanismus. Und Stillstand. Der Roman zeigt einen Intellektuellen, der die Erosion der Werte erkennt, ohne ihr etwas entgegenzusetzen.

An einer Stelle verdichtet sich diese Haltung zur offenen Anklage.

>>„Und so sieht sie auch aus von vorn bis hinten, die Weltgeschichte!“, rief Fabian. „Man schämt sich, dergleichen zu lesen, und man sollte sich schämen, den Kindern dergleichen einzutrichtern. Warum muss es immer so gemacht werden, wie es früher gemacht wurde? Wenn das konsequent geschehen wäre, säßen wir heute noch auf den Bäumen.“<<

In diesem Ausruf kulminiert Kästners Gesellschaftskritik. Geschichte erscheint nicht als Fortschritt, sondern als Wiederholungszwang. Die rhetorische Empörung ist kein pathetischer Überschuss, sondern ein kurzer Durchbruch im sonst kontrollierten Ton. Fabian durchschaut das Traditionsargument, das politische wie moralische Fehlentwicklungen legitimiert: Es war immer so. Also bleibt es so. Der Roman hält dagegen – mit Skepsis gegenüber Autorität und mit dem Verdacht, dass Kontinuität oft nur Trägheit bedeutet.

Erotik und Maß

Die sexuelle Offenheit der späten Weimarer Republik ist in Fabian kein Skandalon, sondern Befund. Affären, Tauschverhältnisse, Abhängigkeiten in Film- und Medienmilieus – Kästner beschreibt sie ohne Voyeurismus. Kühl. Registrierend. Erotik ist hier kein Reiz, sondern soziale Grammatik.

Gerade das wurde ihm zum Vorwurf. 1933 diffamierten die Nationalsozialisten den Roman als „entartet“; Kästners Bücher verbrannten unter dem Etikett der Pornografie. Der Vorwurf verkennt die Konstruktion des Textes. Kästner exponiert nicht. Er gewichtet. Er zeigt, was ist, und setzt es ins Verhältnis.

Schon am 27. Oktober 1931 antwortete er in der Weltbühne mit dem Essay Fabian und die Sittenrichter. Dort heißt es: „Durch Erfahrungen am eignen Leib und durch sonstige Beobachtungen unterrichtet, sah er ein, dass die Erotik in seinem Buch beträchtlichen Raum beanspruchen musste. Nicht, weil er das Leben fotografieren wollte, denn das wollte und tat er nicht. Aber ihm lag außerordentlich daran, die Proportionen des Lebens zu wahren, das er darstellte.“

Das ist kein Trotz. Es ist Poetik. Literatur soll nicht beschönigen, sondern proportionieren. Zusammen mit dem später veröffentlichten Text Fabian und die Kunstrichter war diese Stellungnahme als Nachwort gedacht – eine sachliche Selbstverortung gegen moralische und ästhetische Verkürzungen. Erotik erscheint hier als Teil gesellschaftlicher Wahrheit. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Liebe und Kalkül

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Fabian und Cornelia Battenberg. Sie will Schauspielerin werden. Er glaubt an Integrität. Cornelia entscheidet sich für den Produzenten, für die Karriere, für den Kompromiss. Kästner zeichnet sie nicht als Verräterin, sondern als Figur innerhalb klarer Machtstrukturen. Die Filmbranche funktioniert nach eigenen Regeln. Weibliche Selbstbestimmung bleibt prekär.

Fabians Moralismus erweist sich hier als prekäre Position. Er lehnt Anpassung ab, ohne Alternativen zu entwickeln. Seine Haltung ist rein. Und wirkungslos. Der Roman zeigt, wie individuelle Ethik im Gefüge ökonomischer Zwänge an Grenzen stößt. Nicht als These. Sondern als Verlauf.

Der Gang

Der Titel der ungekürzten Fassung verschiebt den Akzent. Der Gang vor die Hunde benennt einen Prozess. Kein plötzlicher Sturz. Sondern ein schrittweises Abrutschen. Gesellschaftlich wie individuell. Die politische Bedrohung bleibt im Hintergrund präsent: Nationalistische Parolen, antisemitische Ressentiments, Gewaltfantasien. Kästner deutet an, was sich formiert. Er schreibt keine Prophezeiung. Er beschreibt Gegenwart.

Fabians Tod – der Versuch, ein Kind zu retten, das schwimmen kann – wirkt fast absurd. Ein Moralist, der aus Anstand handelt und dabei untergeht. Keine heroische Geste. Kein Pathos. Der Roman verweigert Trost. Er zeigt, wie gute Absichten in einer entgleisenden Ordnung ins Leere laufen.

Dass die Nationalsozialisten dieses Buch verbrannten, bestätigt im Nachhinein seine diagnostische Schärfe. Nicht wegen Pornografie. Sondern wegen Klarheit. Fabian entlarvt die brüchigen Fundamente einer Gesellschaft, die sich selbst beschleunigt und ihre Kritik nicht hören will.

Heute liest man den Roman als Chronik einer Schwellenzeit. Als Studie über Moral und Markt, Liebe und Macht, Sprache und Verblendung. Kästners Stil bleibt kontrolliert. Präzise. Von einer Ironie durchzogen, die nicht lacht, sondern markiert.

Fabian steht an der Straßenecke. Die Stadt rauscht. Und zwischen Beobachtung und Beteiligung öffnet sich ein Raum, in dem Literatur nicht beruhigt, sondern fragt, warum wir noch immer glauben, es müsse so gemacht werden wie früher.

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