Die Verwaltung des Wahnsinns – Anton Tschechows „Krankensaal Nr. 6

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Ein Nebengebäude am Rand eines Provinzkrankenhauses. Vergitterte Fenster. Feuchtigkeit in den Wänden. Stroh auf dem Boden. Krankensaal Nr. 6 ist kein Ort der Heilung, sondern der Verwahrung. Wer hier liegt, gilt als wahnsinnig. Wer hier wacht, als vernünftig. Die Grenze scheint sauber gezogen.

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Krankenzimmer Nr. 6. Erzählung eines Unbekannten. Kleine Romane II. (detebe)

Die Insassen leben wie Gefangene. Der Wärter Nikita, ein ehemaliger Soldat, sorgt für Ordnung mit den Mitteln, die er kennt: Schläge. Brutalität ist hier kein Ausbruch, sondern Routine. Der Arzt sieht selten nach dem Rechten. Die Verwahrlosung ist organisiert.

Gromow – Angst als Erfahrung

Iwan Dmitritsch Gromow stammt aus gutem Haus. Universität, Bildung, Bücher. Dann familiäre Schicksalsschläge, ökonomischer Abstieg, prekäre Anstellungen. Er arbeitet als Lehrer, später als Gerichtsvollzieher. Er erlebt Behörden, Willkür, Demütigung. Schließlich entwickelt er Verfolgungsängste – und wird entlassen. Die Diagnose ersetzt die Biografie. Man bringt ihn nach Nr. 6.

Sein Wahnsinn ist nicht phantastisch, sondern gesteigert real. Er fürchtet Unrecht, weil er es kennt. Seine Angst ist überformt, aber sie hat einen Ursprung. Tschechow zeigt keinen Exzess, sondern eine Verschiebung.

Ragin – Vernunft als Distanz

Andrej Jefimitsch Ragin, der Chefarzt, ist ein Mann der Bücher. Stoische Philosophie dient ihm als Haltung. Alles sei vergänglich, sagt er. Schmerz sei eine Frage der Einstellung. Leiden könne durch Einsicht neutralisiert werden. Es ist eine Theorie der Distanz.

Als Ragin Gromow eher zufällig besucht, ist er überrascht von dessen Bildung, von seiner argumentativen Kraft. Aus einem Besuch werden Gespräche. Aus Gesprächen wird Gewohnheit. Der Arzt findet Gefallen an der intellektuellen Reibung. Vielleicht auch an der Irritation.

Gromow widerspricht. Er wirft Ragin vor, nur deshalb von Gleichgültigkeit sprechen zu können, weil er selbst nie erniedrigt wurde. Philosophie sei Luxus. Schmerz sei keine These.

Die Provinz beobachtet

In der kleinen Stadt bleibt nichts unbemerkt. Dass der Chefarzt regelmäßig Zeit bei den Irren verbringt, erzeugt Gerede. Der junge Assistenzarzt Chobotow, ehrgeizig und kühl, befeuert die Gerüchte. Er beneidet Ragin um dessen Stellung. Zweifel an der geistigen Gesundheit des Vorgesetzten sind ein elegantes Karrieremittel.

Es kommt zu einer Versammlung beim Stadthaupt. Was als Gespräch getarnt ist, erweist sich als Verhör. Ragin zeigt keine Abnormität, nur Gedankentiefe. Das genügt. Wer zu viel reflektiert, wirkt verdächtig. Die Entscheidung ist längst gefallen.

Der langsame Abstieg

Ragins Freund, der Postmeister Michail Averjanytsch, schlägt eine Reise vor. Zerstreuung. Man fährt nach Warschau. Doch auch dort zeigt sich Ragins Unfähigkeit zur Abgrenzung. Der redselige Freund ermüdet ihn. Er bringt es nicht über sich, um Ruhe zu bitten. Stattdessen stellt er sich krank.

Der Postmeister verspielt fünfhundert Rubel – Geld, das er sich von Ragin leiht. Es ist kein Verrat aus Bosheit, sondern aus Schwäche. Tschechow zeichnet Nebenfiguren nie als Schurken, sondern als Menschen mit kleinen Defekten.

Als Ragin zurückkehrt, ist seine Stelle bereits vergeben. Chobotow hat sie übernommen. Auch die Dienstwohnung. Ragin verliert Amt, Einkommen, Status. Er zieht in eine ärmliche Unterkunft. Sein Erspartes ist geliehen, seine Autorität entzogen.

Der neue Chefarzt besucht ihn nun in fürsorglicher Pose. Verschreibt Medikamente. Beobachtet ihn. Die Rollen verschieben sich unmerklich.

Der Schritt ins System

Als Ragin eines Tages die aufdringliche Mischung aus Mitleid und Kontrolle nicht mehr erträgt, bekommt er einen Wutanfall und jagt Chobotow und den Postmeister fort. Ein Moment der Emotion – und zugleich der Beweis, den die Umgebung erwartet.

Später entschuldigt er sich. Der Postmeister rät ihm zur Kur im Krankenhaus. Ragin sieht keinen anderen Ausweg. Er fügt sich. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Müdigkeit. Freiwillig betritt er Krankensaal Nr. 6.

Erfahrung

Nun ist er Insaße. Die Gitter sind nicht mehr theoretisch. Nikitas Schläge treffen ihn selbst. Die stoische Philosophie zerfällt unter körperlicher Gewalt. Schmerz ist keine Frage der Einstellung, sondern eine Realität.

Ragin versucht aufzubegehren. Er verlangt Freiheit, protestiert gegen die Behandlung. Nikita antwortet mit der Faust. Theorie schützt nicht vor Hieben.

Schließlich stirbt Ragin an den Folgen der Misshandlungen. Kein Aufstand, kein Skandal. Nur ein weiterer Toter im System.

Struktur ohne Katharsis

„Krankensaal Nr. 6“ endet nicht mit Reform, sondern mit Kontinuität. Das Krankenhaus bleibt, die Hierarchien bleiben, die Mechanismen bleiben. Tschechow zeigt keine Monster. Er zeigt Routinen, Karrierelogik, Bequemlichkeit, Angst vor Abweichung.

Die eigentliche Diagnose richtet sich nicht auf Individuen, sondern auf Strukturen. Wahnsinn ist hier weniger Krankheit als Kategorie der Ausschließung. Vernunft ist kein Garant von Humanität, sondern ein Instrument der Verwaltung.

Und vielleicht liegt die beunruhigende Aktualität dieser Erzählung darin, dass sie keine Übertreibung braucht. Sie zeigt, wie leicht ein Mensch aus der Rolle des Beobachters in die des Objekts kippen kann – wenn die Definitionen erst einmal feststehen.

Am Ende bleibt die stille Frage, wer heute über die Grenzen der Normalität entscheidet – und wer morgen dahinter steht.


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