Über Tatsuzō Ishikawas „Die letzte Utopie“

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Eine Frau singt in einem Wald auf Sachalin. Keine Bühne, kein Publikum, nur Atem, Stimme, Wind. Dieser Gesang – so erzählt es Tatsuzō Ishikawa – genügt, um eine Weltrepublik zu Fall zu bringen. Maschinen verstummen, Sender brechen ab, die Ordnung löst sich auf. Es ist ein leiser Anfang für ein lautes Ende. Und ein passender Einstieg in einen Roman, der weniger von Zukunft handelt als von einem alten, nie gelösten Verhältnis: dem zwischen Mensch, Ordnung und Begehren.

Die letzte Utopie
 Die letzte Utopie
 Tatsuzō Ishikawa Mitteldeutscher Verlag


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Die letzte Utopie

Ein Roman ohne Zentrum

Die letzte Utopie erschien 1953 in Japan, nun erstmals auf Deutsch. Der Text verweigert sich der klassischen Romanform. Keine Hauptfigur, keine lineare Handlung, kein psychologischer Innenraum. Stattdessen: Agenturmeldungen, Interviews, Reportagen, Funksprüche. Die Welt spricht über sich selbst, fragmentiert, offiziell, medial vermittelt. Ishikawa baut seine Zukunft aus dem Material der damaligen Gegenwart: Zeitung, Radio, Stimme aus dem Off. Wahrheit entsteht hier nicht aus Erfahrung, sondern aus Archivnummern, Datumszeilen und beglaubigten O-Tönen.

Wir schreiben – im Roman – das Jahr 2026. Nationalstaaten sind Geschichte, Hunger überwunden, Individualismus abgeschafft. Eine Weltrepublik garantiert Frieden, verwaltet durch einige tausend Polizeiroboter. Die Menschen tragen modische Kleidung, ihre Gesichter sind glatt, ihre Zufriedenheit normiert. Alles wirkt leicht, fast heiter. Und gerade darin liegt die Kälte des Textes. Denn diese Heiterkeit ist nicht erlebt, sondern gemeldet.

Der Roman führt diese Ordnung exemplarisch vor. Ein Hormonspezialist aus Buenos Aires verkündet die erfolgreiche Verkürzung menschlicher Schwangerschaften durch das sogenannte Y-Hormon. Die Sprache ist triumphal, sachlich, religiös überhöht. Von der „Überwindung des Fluchs Gottes“ ist die Rede, von optimiertem Glück, von Effizienz. Die Frau erscheint in dieser Konstellation nicht als Subjekt, sondern als Trägerin eines gelungenen Versuchs. Der Körper wird zur Stellschraube, Fortpflanzung zur Verwaltungsgröße.

Ishikawa kommentiert diesen Vorgang nicht. Er stellt ihm lediglich eine andere Stimme zur Seite: die eines japanischen Mediziners, der auf Naturgesetze, historische Erfahrung und demografische Folgen verweist. Verkürzte Tragzeit bedeute verkürzte Lebensdauer. Beschleunigung habe Konsequenzen. Die Republik registriert diese Einwände – und macht weiter. Auch das ist typisch für diesen Roman: Kritik wird gehört, aber nicht wirksam.

Die Lektüre irritiert zunächst. Etwa zwanzig Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Ihre Schicksale bleiben skizzenhaft, wie Meldungen eben. Doch aus dieser formalen Kälte entsteht Spannung. Denn je weiter man liest, desto deutlicher werden die Risse. Die Sprache der Berichte beginnt zu flackern. Die Erklärungen werden kürzer, defensiver. Die Weltrepublik gerät ins Stolpern – nicht durch einen äußeren Feind, sondern durch Überfülle.

Ein besonders scharfes Bild für diesen inneren Widerspruch ist die Unterhaltungskultur der Republik. Im restaurierten Kolosseum von Rom werden Tierkämpfe und Roboterduelle veranstaltet, um den „primitiven Kampfinstinkt“ der Menschen zu befriedigen. Männer und Frauen jeden Alters applaudieren dem Blut. Als Roboter gegeneinander antreten, bleibt die Begeisterung aus. Maschinen bluten nicht. Sie leiden nicht sichtbar. Erst als Roboter jenseits des Programms außer Kontrolle geraten und menschliche Aggression imitieren, wird die Ordnung nervös. Der Vorschlag, ihnen ein Moralsystem einzubauen, wirkt wie eine technische Notlösung für ein anthropologisches Problem.

Schreiben nach der Katastrophe

1953 ist kein neutrales Datum. Japan liegt noch im Schatten des Krieges, der Atombomben, der amerikanischen Besatzung. Die Erfahrung totaler Mobilisierung, technologischer Vernichtung und staatlicher Ideologie sitzt tief. Ishikawa selbst hatte Zensur, Repression und öffentliche Kritik erlebt. Die letzte Utopie entsteht aus diesem Nachhall – nicht als Abrechnung, sondern als Verschiebung.

Statt Militarismus zeigt Ishikawa eine pazifizierte Welt. Statt Mangel: Überfluss. Statt autoritärer Härte: sanfte Verwaltung. Doch die Frage bleibt dieselbe wie im Japan der Nachkriegszeit: Was geschieht mit dem Menschen, wenn Ordnung alles regelt? Wenn Verantwortung ausgelagert wird – an Systeme, Maschinen, Institutionen?

Der Roman ist damit weniger Zukunftsvision als Versuchsanordnung. Ishikawa denkt Moderne zu Ende. Und er traut ihr nicht.

Harmonie und ihr Preis

Wer den Roman ausschließlich mit westlichen Dystopien liest – Orwell, Huxley – übersieht eine wichtige Schicht. Ishikawas Skepsis richtet sich auch gegen ein spezifisch japanisches Ideal: das der Harmonie. Die Weltrepublik funktioniert wie eine globalisierte Version des wa, des sozialen Gleichklangs. Konflikt gilt als Störung, Individualität als Überbleibsel.

Diese Ordnung ist nicht brutal, sondern höflich. Sie arbeitet mit Konsens, Bequemlichkeit, Lebensstil. Lifestyledrogen regulieren Emotionen, Hormoncocktails Sexualität. Roboter übernehmen Arbeit – und bald auch Moral. Der Mensch wird entlastet, bis er nichts mehr trägt.

Gerade hier zeigt sich Ishikawas kulturelle Tiefenschärfe. Die Angst gilt nicht der Maschine selbst, sondern der freiwilligen Selbstauflösung. Der Mensch gibt ab, was ihn anstrengend macht: Entscheidung, Verantwortung, Leidenschaft. Zurück bleibt Zufriedenheit – und Müdigkeit.

Das Jahr 2026: Eine Zukunft, die uns eingeholt hat

Was erleben wir also im Jahr 2026? Keine Weltrepublik, keine Polizeiroboter im engeren Sinn. Und doch wirkt vieles vertraut. Die Idee, Konflikte technisch zu lösen. Der Wunsch nach Sicherheit durch Systeme. Die Debatte um KI-Rechte, um Reproduktionsmedizin, um optimierte Körper und regulierte Identitäten.

Ishikawa beschreibt Roboter, die sich verlieben – mit einer Leidenschaft, die Menschen fremd geworden ist. Er zeigt Aktivisten, die Robotergewerkschaften fordern, aus Sorge vor Ausbeutung. Und er erzählt von einer Gesellschaft, die an unerwiderter Liebe zu einer Operndiva massenhaft zerbricht. Auch hier spricht nicht das Pathos, sondern die Statistik.

Besonders scharf ist Ishikawas Blick auf Rassismus. Offiziell überwunden, kehrt er über Umwege zurück – in der Hautfarbe von Arbeitsrobotern. Die Empörung ist groß, die Reaktion brutal. Ein General schlägt vor, den Konflikt durch gegenseitige Vernichtung zu lösen. Der Satz steht nackt im Raum. Keine Ironie. Nur Logik.

Hier zeigt sich, was Ishikawa meint, wenn er von menschlicher Natur spricht. Nicht als Essenz, sondern als Rest. Etwas, das sich nicht verwalten lässt.

Gesang gegen das System

Am Ende ist es keine Revolution, kein Aufstand, keine Technologie, die die Weltrepublik zerstört. Es ist Gesang. Ungeplant, unproduktiv, nicht vermittelbar. Die Stimme der Ziegenhirtin Anna entzieht sich jeder Funktion. Sie erinnert an etwas Vor-Zivilisatorisches, an Körper, Atem, Rhythmus.

Diese Szene ist mehr als ein Symbol. Sie ist Ishikawas leise These: Dass Systeme an dem zerbrechen, was sie nicht integrieren können. Nicht am Widerstand, sondern an Sinnlichkeit.

Die letzte Utopie ist kein warnender Roman im lauten Sinn. Er predigt nicht, er droht nicht. Er beschreibt. Präzise, kühl, mit satirischem Unterton. Und genau darin liegt seine Aktualität.

Denn die Frage, die Ishikawa stellt, bleibt offen:
Wie viel Ordnung verträgt ein Mensch – bevor er verschwindet?

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Tatsuzō Ishikawa wurde 1905 in Akita, Japan, geboren. Er zählt zu den prägenden Stimmen der japanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Nachkriegszeit. Bereits 1935 erhielt er den Akutagawa-Preis. 1970 wurde er als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Ishikawas Werk kreist um Kriegserfahrung, politische Macht, technologische Moderne und die Fragilität gesellschaftlicher Ordnungen. Er starb 1985 in Tokio.

Sabine Mangold, geboren 1957, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Japanologie. Sie gehört zu den profiliertesten Übersetzerinnen japanischer Literatur ins Deutsche. Zu den von ihr übertragenen Autorinnen und Autoren zählen unter anderem Haruki Murakami, Yoko Ogawa und Kazuaki Takano. 2019 wurde sie mit dem Übersetzerpreis der Japan Foundation ausgezeichnet.

Yuri Mizobuchi, geboren 1982 in Japan, studierte Musikwissenschaft und arbeitete musikalisch in Osaka, Kyoto und Wien. Seit 2014 lebt sie in Berlin und ist im musikalischen Bereich tätig. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Übersetzung, Musikpraxis und kultureller Vermittlung.


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