Erinnerung an die Zukunft Zum Tod von Erich von Däniken (1935–2026)

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In Beatenberg, hoch über dem Thunersee, lebte ein Mann, der glaubte, dass wir nicht allein sind. Erich von Däniken, Chronist des Unwahrscheinlichen, Sammler von Spuren, die andere übersahen oder übersahen wollten, ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Einer, der sich das Unerklärliche erklären wollte – ist nun selbst auf eine unbekannte Reise gegangen.

Erich von Däniken Erich von Däniken Von Sven Teschke - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Kartenlesen im Nebel

Von Dänikens Bücher sind keine Beweise. Sie sind Versuche. Versuche, dem Rätselhaften eine Sprache zu geben, dem Ungeordneten eine Form. In Erinnerungen an die Zukunft (1968) entwarf er eine Kartographie der Geschichte, die mehr aus Fragen als aus Fakten bestand. Warum ähneln sich Gottheiten verschiedener Kulturen? Wie konnte man in der Frühzeit tonnenschwere Steine bewegen? Wer schreibt Geschichte – und was bleibt ungeschrieben?

Er verband Mythen mit Maschinen, Bibelzitate mit Bauten, Visionen mit Vermutungen. Was dabei entstand, war weder Wissenschaft noch reine Spekulation. Es war ein hybrider Raum, durchzogen von Neugier, Misstrauen, Wunschdenken. Ein Raum, der für viele zu eng, für andere endlich weit genug war.

Bücher über das Mögliche

Von Däniken war kein Erzähler im klassischen Sinn, doch seine Bücher wirkten erzählend. Sie konfigurierten die Welt als ein System offener Zeichen. Die Außerirdischen – seine berühmtesten Figuren – waren Projektionsflächen. Sie standen nicht nur für das Fremde, sondern für das Möglich-Gewesene. Für eine andere Lesart der Geschichte.

Dass sich Millionen seiner Leser von dieser Vorstellung angezogen fühlten, ist nicht bloß als Faszination am Fantastischen zu verstehen. Es ist auch ein Symptom. Ein Ausdruck dafür, wie tief der Zweifel sitzt. An der offiziellen Chronologie. An der Erklärbarkeit des Weltgeschehens. An der Vernunft als einziger Instanz.

Der Mensch – von seiner steten Neugier getrieben, alles zu hinterfragen – trägt doch den Zweifel immer im Herzen.

In dieser Spannung lebte von Dänikens Werk. Nicht in der Behauptung, sondern in der Beharrlichkeit des Fragens. Nicht in der Antwort, sondern im Echo des Ungesagten.

Zwischen Reiz und Reibung

Dass die Wissenschaft seine Thesen überwiegend zurückwies, war erwartbar. Doch vielleicht war von Däniken nie als Wissenschaftler zu verstehen. Eher als Phänomen. Als einer, der zeigte, wie schmal die Grenze ist zwischen Aufklärung und Aberglaube, zwischen Weltdeutung und Weltsucht.

Er unterlief Kategorien. Ein ausgebildeter Koch, der Bücher über Raumfahrer schrieb. Ein YouTube-Denker, der sich über antike Götter ausließ. Einer, der in einem Atemzug von Cheops und künstlicher Befruchtung sprach – und das ernst meinte, ohne sich je ganz ernst zu nehmen.

Er sprach von Gott als dem „großen Geist des Universums“. Er stellte Fragen über die Geschlechtsorgane von Außerirdischen. Er blieb sich treu. Und widersprüchlich. Und genau damit sorgte er immer wieder für neue Leser – Anfang der 90er Jahre kam man kaum an ihm vorbei.

Abschied in alle Richtungen

Erich von Däniken war ein Suchender. Ein Vermittler zwischen Chronik und Chiffre, zwischen Aufbruch und Ahnenglaube. Seine Texte öffneten Räume, in denen sich moderne Zweifel und archaische Muster berührten. Vielleicht ist das der Kern seines Nachlasses: nicht das, was er sagte, sondern dass er sagte – immer wieder, unermüdlich, gegen Spott, gegen Stillstand.

Er war ein Autor der Möglichkeitsform. Ein Mythenerzähler im Zeitalter der Daten. Und vielleicht gerade deshalb: ein Störgeräusch in der klaren Frequenz des Gewohnten.

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