Ein Junge sitzt auf der Türschwelle eines Hauses, das nicht sein Zuhause ist. Er wartet nicht auf jemanden. Er hofft auch nicht. Er gehört einfach nicht dazu – nicht wirklich. Diese Szene gibt es so nicht in Abdulrazak Gurnahs neuem Roman Diebstahl. Aber sie beschreibt das Gefühl, das sich durch das Buch zieht wie eine zweite Haut: das Gefühl, dass Zugehörigkeit kein Versprechen ist, sondern eine Aufgabe. Und dass man sie oft nur dort erfüllt, wo niemand sie erwartet.
Drei Leben im Wandel
Drei junge Menschen stehen im Zentrum dieser Geschichte: Karim, der gebildete Rückkehrer mit Visionen; Fauzia, die zugleich Fluchtpunkt und Fliehende ist; Badar, ein Junge ohne Besitz, aber mit offenen Augen. Ihr Schauplatz ist ein Tansania im Umbruch – nicht das koloniale Archiv, das Gurnahs frühere Romane prägte, sondern eine Gegenwart, die sich an der Schwelle zwischen Aufbruch und Ausverkauf bewegt. Fortschritt, Tourismus, Bildungsideale und Familienhierarchien greifen ineinander wie ungleiche Zahnräder. Der Roman zeigt, was geschieht, wenn Biografien zwischen diesen Kräften aufwachsen.
Stillstand und Bewegung
Dabei verzichtet Gurnah auf Pathos. Es gibt keine Helden, keine Aufstiegsdramen, keine dramatische Katharsis. Seine Figuren stolpern in ihre Entscheidungen, verschweigen, was sie bewegt, und handeln aus Gründen, die oft erst später verständlich werden – wenn überhaupt. Diebstahl erzählt nicht linear, sondern verschränkt Lebenswege. Kindheit, Jugend, erwachsenes Suchen fließen ineinander. Die Zeit ist kein strenger Taktgeber, sondern ein dehnbarer Raum, in dem sich Motive und Erinnerungen wie Fäden verweben.
Was erzählt wird – und was nicht
Der Titel – Diebstahl – verweist nicht auf einen Kriminalfall, sondern auf ein Gefühl: den Verlust von Kontrolle, Herkunft, Deutungshoheit. Wer darf erzählen? Wer wird gehört? Wer bleibt unsichtbar, obwohl er das Tragende ist? Gerade Badar, die scheinbar schwächste Figur, entwickelt in der Stille eine Wucht, die keine Szene beansprucht und doch haften bleibt. Sein Dasein ist kein Widerstand, aber auch keine Unterwerfung. Es ist ein Beweis dafür, dass Leben jenseits von Karriere, Kapital und kulturellem Kapital denkbar ist – nicht als Ideal, sondern als Tatsache.
Der Ton des Erzählens
Gurnah schreibt in einer Sprache, die weder exotisiert noch dramatisiert. Sie beobachtet – zurückhaltend, genau, mit einer Wärme, die nicht schmeichelt. In den Dialogen spürt man Nähe, auch wenn sie selten offen ausgesprochen wird. Entscheidungen fallen oft zwischen den Zeilen, im Blick, im Schweigen. Die moralischen Fragen des Romans sind nicht als Thesen formuliert, sondern als Atmosphären: Was bedeutet Verantwortung? Wie viel Solidarität ist möglich in einer Welt, die ungleich verteilt ist – im Zugang zu Geld, Bildung, Herkunft?
Literatur als Widerstand gegen Eindeutigkeit
Dass Gurnah den Nobelpreis erhielt, scheint ihn eher gelassen als ehrgeizig gemacht zu haben. Diebstahl ist kein Buch, das Bedeutung einfordert. Es arbeitet nicht auf ein Thema hin. Es öffnet einen Raum. Für Figuren, die keine einfachen Entscheidungen treffen können, weil ihre Welt aus Bruchstücken besteht. Für Leser:innen, die bereit sind, diesen Raum mitzugehen – nicht auf der Suche nach Antworten, sondern nach einem Blick, der trägt.
Was bleibt
Was bleibt, ist kein Schluss, sondern ein Echo. Vielleicht der Gedanke, dass Literatur dann am stärksten ist, wenn sie sich dem Spektakel verweigert. Wenn sie nicht vorgibt, den Lauf der Welt zu erklären, sondern zeigt, wie Menschen ihn spüren – in ihren Körpern, Beziehungen, Hoffnungen. Diebstahl ist ein Roman, der genau das tut. Leise. Hartnäckig. Wahr.
Hier bestellen
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
Louis C.K.s Ingram
Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“
Percival Everett – Dr. No
Die Harry Potter-Reihe von J. K. Rowling – Sieben Bände, ein literarisches Kontinuum
Karibu Verlag und Plan International Deutschland: Ein gemeinsames Buchprojekt zur kulturellen Vielfalt
Frankie von Jochen Gutsch & Maxim Leo – Ein Kater als Erzähler, ein Mensch am Rand
Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Die Kunst der Fläche – Warum Tschechows „Die Steppe“ unserer Gegenwart das Dramatische entzieht
Das Ungelehrte Wissen – Daoistische Spuren in Hesses Siddhartha
Das zersplitterte Selbst: Dostojewski und die Moderne
Leo Tolstoi: Anna Karenina
Zärtlich ist die Nacht – Das leise Zerbrechen des Dick Diver
Kafka am Strand von Haruki Murakami
E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ als unruhige Studie über Wahrnehmung
Thomas Manns Felix Krull - Die Welt will geblendet sein
Aktuelles
Amazon Charts – Woche bis zum 22. Februar 2026 Die meistgelesenen Bücher im Fokus: Harry Potter, Dan Brown und aktuelle Bestseller im Überblick
Die Lücke im Satz – Die SWR Bestenliste im März 2026 als Gedächtnisraum
Happy Head von Josh Silver – Wellness, Wettbewerb, Wahnsinn
Your Knife, My Heart von K. M. Moronova – Dark-Military-Romance, die nicht nur „spicy“, sondern gefährlich ist
Bald ist es soweit: Die Literaturbühnen der Leipziger Buchmesse starten ins Frühjahr
Demagogie 2.0 – das alte neue Machtprinzip
Frankie von Jochen Gutsch & Maxim Leo – Ein Kater als Erzähler, ein Mensch am Rand
Alexander von Ferdinand von Schirach – Wenn ein Kinderbuch plötzlich über die großen Dinge spricht
Morgan’s Hall: Eisland von Emilia Flynn – Das Finale im Frost
Morgan’s Hall: Schattenland von Emilia Flynn – Wenn Vergangenheit nicht stirbt, sondern nur leiser wird
Morgan's Hall: Schicksalsland – Glück fühlt sich in dieser Reihe nie stabil an
Leonie: Ein Gesicht oder doch vielleicht mein Gesicht?
Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Zwischen Gedicht und Geopolitik – Die Shortlist des Sheikh Zayed Book Award 2026
Erfolgreiche Lernkultur gestalten: Wie Unternehmenskultur nachhaltige Kompetenzentwicklung ermöglicht
Rezensionen
Morgan’s Hall: Ascheland von Emilia Flynn – Nach der großen Liebe kommt der Alltag
Morgan’s Hall: Niemandsland von Emilia Flynn – Wenn das „Danach“ gefährlicher wird als das „Davor“
Morgan’s Hall: Sehnsuchtsland von Emilia Flynn – Wenn Sehnsucht zum Kompass wird
Morgan’s Hall: Herzensland von Emilia Flynn – Wenn Geschichte plötzlich persönlich wird
Real Americans von Rachel Khong – Was heißt hier „wirklich amerikanisch“?
Ostfriesenerbe von Klaus-Peter Wolf – Wenn ein Vermächtnis zur Falle wird
Wir Freitagsmänner: Wer wird denn gleich alt werden? von Hans-Gerd Raeth – Männer, Mitte, Mut zum Freitag
Planet Liebe von Peter Braun – Ein kleiner Band über das große Wort
Die Rache trägt Prada von Lauren Weisberger – Was kommt nach dem „Traumjob“?
Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger – Glamour als Arbeitsvertrag mit dem schlechten Gewissen
Box Hill von Adam Mars-Jones – Zärtlichkeit mit Stacheln