Sally Rooney, erschienen 2018 bei Faber & Faber, deutsche Ausgabe am 17. August 2020 bei Luchterhand, übersetzt von Zoë Beck.
Zwei Menschen, ein Ort, eine Verbindung: Connell und Marianne kennen einander aus der westirischen Kleinstadt Carricklea. Viel verbindet sie nicht – außer einer merkwürdigen Vertrautheit, die weder zeitgemäß noch stabil wirkt, dafür umso tiefer greift. Rooney erzählt eine Beziehungsgeschichte – aber ohne Beziehungsroman zu sein, und schon gar nicht ohne Happy End – oder dem, was man darunter gemeinhin versteht.
Wenn Nähe nicht einfach Nähe ist
In der Schule ist Connell beliebt, Marianne ignoriert. Er der Fußballspieler, sie die intellektuelle Einzelgängerin mit sturer Miene. Doch als Connells Mutter als Haushaltshilfe bei Mariannes Familie arbeitet, treffen die beiden außerhalb der sozialen Bühne aufeinander – und was folgt, ist keine klassische Annäherung, sondern ein allmähliches Einverleiben.
Rooney beginnt stark, mit dem präzisen Blick auf die Außenwelt: Schule, Status, schweigende Elternhäuser. Dann, am Trinity College in Dublin, verschieben sich die Rollen. Plötzlich ist es Marianne, die sich mühelos bewegt, während Connell zwischen Einsamkeit und ökonomischem Druck taumelt. Ihre Beziehung bleibt ein unsteter Fluss – durchzogen von Abhängigkeit, Zurückweisung, Bedürftigkeit, aber auch Zärtlichkeit. Sie verletzen einander – nicht aus Bosheit, sondern aus Unfähigkeit zur Offenheit.
Kein Satz zu viel – und kein Klischee
Rooneys Sprache ist unaufgeregt, beinahe kühl, doch immer präzise. Was nicht gesagt wird, wirkt hier oft stärker als das Gesagte. Die wörtliche Rede ist nicht durch Anführungszeichen markiert, ein stilistischer Verzicht, der Nähe suggeriert – oder zumindest die Illusion davon. Es ist ein ruhiger, klarer Ton, der dennoch unter der Oberfläche gärt. Die Körperlichkeit, die Intimität – all das wird gezeigt, aber nie ausgestellt.
Rooney interessiert sich nicht für große Gesten. Ihre Figuren sind keine Helden, sondern Konstrukte aus Unsicherheit, Schweigen, Scham. Das psychologische Porträt bleibt dabei erschütternd genau. Sie seziert, was oft übersehen wird: Wie Sprache versagt, wie Herkunft wirkt, wie das Schweigen in einer Beziehung lauter sein kann als jedes Wort.
Marianne kämpft nicht nur mit familiärer Gewalt, sondern auch mit Selbstwertverlust, der sich subtil in ihren Liebesbeziehungen fortschreibt. Connell wiederum leidet unter der Unsichtbarkeit seiner eigenen emotionalen Bedürfnisse – besonders dann, wenn sie nicht in die männliche Rolle passen, die sein Umfeld ihm zuschreibt.
Kritik an der Oberfläche?
Einige Leser werfen Rooney vor, dass sie sich in einer Form emotionaler Zurückhaltung einrichtet, die auf Dauer formelhaft wirke. Die Figuren wirken nie überlebensgroß, manchmal sogar erstaunlich klein – doch gerade diese menschliche Kleinheit ist es, die „Normale Menschen“ so bestechend macht. Wer große Dramen sucht, wird enttäuscht – wer aber aufmerksam liest, entdeckt ein feines Spiel zwischen sozialer Zugehörigkeit und individueller Verletzlichkeit.
Die psychologischen Wiederholungen – Connell redet nicht, Marianne zieht sich zurück – könnten monoton wirken, doch sie spiegeln lediglich das, was sie sind: wiederkehrende Muster, aus denen diese beiden Menschen nicht ausbrechen können. Auch das ist eine Wahrheit, die selten erzählt wird: Dass Erkenntnis nicht immer Veränderung nach sich zieht.
Literatur, die nicht aufrührt aber berührt
Rooney entwirft keine moralischen Leitbilder, sie schont ihre Figuren nicht, aber sie urteilt auch nicht über sie. Vielleicht ist das ihr größter Kunstgriff: Diese Geschichte könnte trivial sein, wäre sie nicht so radikal präzise erzählt. Es ist keine Geschichte von Erlösung, sondern von Beharrlichkeit. Zwei Menschen, die nicht zusammengehören – und trotzdem nicht voneinander lassen können.
Verfilmung: Nähe durch Blick
Die BBC/Hulu-Verfilmung von 2020 (Regie: Lenny Abrahamson, Hettie Macdonald) gelingt das fast Unmögliche: Sie überträgt Rooneys Intimität und dialogische Kargheit in ein visuelles Format, ohne deren Tiefe zu verlieren. Daisy Edgar-Jones (als Marianne) und Paul Mescal (als Connell) spielen so zurückhaltend wie intensiv – Blicke, Pausen, leise Körpersprache ersetzen das Innenleben der Romanvorlage fast mühelos. Es ist eine der seltenen Adaptionen, die dem Buch nicht nur gerecht werden, sondern es neu erfahrbar machen.
Ein paar inhaltliche Abschwächungen – etwa bei der familiären Gewalt – trüben den Gesamteindruck nicht. Was bleibt, ist eine sensible Studie über Nähe, Macht, Abhängigkeit. Keine Serie für nebenbei, aber eine, die in Erinnerung bleibt. Fast so wie das Buch.
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