Was geschieht, wenn man eine Warnung ignoriert? Wenn man den Rat des einzigen Erwachsenen mit Ahnung über Bord wirft – und trotzdem glaubt, es besser zu wissen? In „Verschollen in Hellenia“, dem zweiten Band der Traumgänger-Reihe, wird diese Frage nicht didaktisch beantwortet, sondern narrativ ins Chaos überführt. Denn genau das tun Finn und Sanja: Sie benutzen die defekte Traummaschine – mit erwartbar unerwarteten Folgen.
Wurden in Band 1 die Grundlagen einer faszinierend eigenwilligen Traumlogik gelegt, so weitet Heitz in Teil 2 sein Panorama deutlich aus. Die Welt Hellenia, titelgebend und weit weniger wohlig als der Name klingt, stellt Finn und Sanja nicht nur physisch, sondern auch emotional auf die Probe. Dass dabei ihre Traumsteine zerbrechen und sie nun buchstäblich gefangen sind, ist mehr als ein erzählerischer Trick – es ist ein Weckruf: für die Figuren wie für die Leser.
Worum gehts in Die Traumgänger – Verschollen in Hellenia ?
Finn und Sanja suchen weiter nach Sanjas Eltern, diesmal mit deutlich größerem Risiko. Dass sie dabei auf eigene Faust handeln und sich über die Einwände des Professors hinwegsetzen, ist weniger Trotz als Notwendigkeit. Doch ihre Entscheidung katapultiert sie geradewegs nach Hellenia, einem Traumland, das seinen Namen mit bitterer Ironie trägt. Statt schimmernder Hallen gibt es brüchige Realität, statt Hoffnung hauptsächlich Bedrohung.
Während Finn und Sanja sich durch diese neue, gefährlich fluktuierende Welt schlagen – ohne Aussicht auf Rückkehr –, kämpft der Professor in der realen Welt gegen ein anderes Problem: Die instabile Traummaschine beginnt, Wesen aus der Traumwelt in die Wirklichkeit zu ziehen. Die einst beschauliche Stadt Buchstrand wird zum Durchgangszimmer für Schattenwesen. Die Grenze zwischen Schlaf und Wachen beginnt zu bröckeln.
Heitz verzahnt diese beiden Handlungsebenen mit spürbarem Geschick. Der Wechsel zwischen den Welten dient nicht nur der Abwechslung, sondern steigert die Spannung. Je mehr sich die Stränge aufeinander zubewegen, desto klarer wird: Die Krise ist real – auf beiden Seiten.
Einschätzung von Die Traumgänger – Verschollen in Hellenia
Während der erste Band noch einen gewissen kindlichen Staunton hatte – die Freude am Wunderbaren, am Erforschen, am Laufen in Träumen –, bringt Band 2 eine dunklere Färbung ins Spiel. Die Gefahr ist nicht mehr nur theoretisch. Die Träume sind nicht nur aufregend – sie sind auch riskant.
Und doch: Die Erzählung bleibt zugänglich. Sie nimmt ihre Leser ernst, überfordert sie aber nicht. Hellenia ist nicht dystopisch, aber es ist eine Umgebung, die fordert – von den Figuren wie vom Publikum. Besonders gelungen ist, wie die Beziehung zwischen Finn und Sanja weiterentwickelt wird. Zwischen Vertrauen und Zweifel, Mut und Vorsicht, entsteht ein echtes Gespür für Verbundenheit – ohne Kitsch, ohne Pathos.
Der Erzählstrang um den Professor – sonst gern als „Comic Relief“ missbraucht – erhält hier eigenes Gewicht. Er ist nicht mehr nur der schrullige Erwachsene im Hintergrund, sondern wird zur Gegenfigur im besten Sinne: rational, überfordert, aber auf seine Weise kämpfend. Dass er seine eigene Bedrohungslage hat, verleiht der Geschichte zusätzliche Tiefe.
Die Illustrationen von Isabeau Backhaus wirken im zweiten Band noch sicherer, atmosphärischer, fast unheimlich präzise – besonders in der Darstellung von Hellenia. Der visuelle Zugriff auf das Traumhafte wird so zu einem erzählerischen Echo.
Hörbuch zu Die Traumgänger – Verschollen in Hellenia
Wieder gelesen von Simon Jäger, erneut ein Glücksgriff. Seine Stimme hält das Gleichgewicht zwischen Spannung und Leichtigkeit, gibt Sanja eine klare Kontur, ohne ihre Coolness zu karikieren, und bleibt bei aller Dynamik unangestrengt. Dass sich seine Interpretation nicht in Vordergrund drängt, sondern den Text trägt, ist genau das, was eine Geschichte wie diese braucht.
Lohnt sich Die Traumgänger – Verschollen in Hellenia zu lesen?
„Verschollen in Hellenia“ ist die logische Weiterentwicklung einer Geschichte, die sich nicht mit einfachen Lösungen zufriedengibt. Hier wird nicht einfach auf „Band 3“ hingeschrieben – hier wird aufgebaut, ausprobiert, vertieft. Wer Band 1 mochte, wird hier mehr finden: mehr Spannung, mehr Dimension, mehr Fallhöhe. Und wer dachte, Träumen sei ungefährlich, wird spätestens nach Hellenia das Gegenteil wissen.
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